Senftenberg - Na, das Ding haben sie aber richtig schön in den Sand gesetzt. Genau gesagt steht das Amphitheater von Senftenberg im Sand der Lausitz: eine Freilichtbühne mit 600 Plätzen und einem weißen Dach, das von Seilen an Masten aufgespannt wird – von oben sieht es ein bisschen aus wie ein Zirkuszelt. „Das wurde vor zwanzig Jahren an den Senftenberger See gebaut“, sagt Manuel Soubeyrand.

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Seit 2014 ist der 64-Jährige Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, das Amphitheater ist eine Spielstätte seines Hauses. „Damals haben die anderen Löcher aus dem Braunkohleabbau erst begonnen, sich mit Grundwasser zu füllen. Heute ziehen diese Seen richtig viele Reisende an, die nehmen dann abends auch noch das Amphitheater mit.“ Es ist ja auch nicht so, als würde ihnen hier nichts geboten: „Unser Amphitheater ist das einzige Theater weit und breit, das den Sommer durchspielt, sowohl Eigenproduktionen als auch Gastspiele“, sagt Soubeyrand. „Dieses Jahr kommen Götz Alsmann, Axel Prahl, Wladimir Kaminer und zur Europameisterschaft sogar Mario Basler. Alles große, gute Namen.“

Größte künstliche Seenlandschaft Europas

Die Leute kommen also wieder nach Senftenberg, das haben sie schon mal gemacht, allerdings unter anderen Vorzeichen. Rund 25.000 Einwohner hat die Stadt vor der Grenze zu Sachsen, in der Altstadt leuchten Häuser aus der Zeit um 1900 mit pastellbunten Fassaden, ein ähnlich gut gelaunter Farbkanon wie bei den sanierten Plattenbauten außerhalb des Zentrums. Auf ihren Dächern glitzern Solaranlagen der Sonne entgegen.

Dagmar Schwelle
Der Senftenberger See.

Um Senftenberg herum liegt heute die größte künstliche Seenlandschaft in Europa, das malerische Erbe einer Zeit, als die Leute hier ganz andere Sorgen hatten. „Nach dem Krieg hat man so schnell wie möglich Tagebauten für den Abbau von Braunkohle flottgemacht, Menschen angesiedelt und Neubauten hochgezogen“, erklärt Soubeyrand. Am Marktplatz gibt es die Adler-Apotheke in einem wunderschönen Haus mit Jugendstilfassade: Die Eltern der heutigen Betreiberin waren ausgebildete Apotheker und kamen hier nur hin, weil ihnen eine Apotheke mit Wohnung angeboten wurde. Mit der Entwicklung zur Industrieregion wurde klar, dass eine Gegend mit so vielen Menschen auch ein Theater braucht. „Das haben sie gleich 1946 bekommen, Räume gab’s schon. Damals haben sie einfach dem Gymnasium die Turnhalle weggenommen und gesagt, da ist jetzt das Theater drin“, sagt Soubeyrand, als er durch sein Theater führt. Er geht zum Fenster des L-förmigen Gebäudes und zeigt nach draußen. „Wir haben immer noch eine gemeinsame Wand mit der Schule. Gucken Sie, da drüben, wo die Pflanzen stehen, das ist ein Klassenraum, und gleich nebenan ist unsere Maske.“

Dagmar Schwelle
Manuel Soubeyrand, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, im Kulissenlager des Theaters.

Manuel Soubeyrand ist ein wunderbarer Erzähler, seine Stimme ist warm und seine Sprache hat eine freundliche Melodie. Wahrscheinlich brauchen die Leute in Senftenberg genau so einen wie ihn. „Für die Menschen sind wir ein bisschen das Kulturzentrum“, sagt er. „Der 1. Mai war ja in der DDR sehr wichtig und wir machen jedes Jahr an diesem Tag ein Theaterfest, dann laufen hier 3000 Leute übers Gelände.“ Rund 70.000 Besucherinnen und Besucher hat sein Theater jedes Jahr, pro Spielzeit gibt es fast 160 Vorstellungen für rund 16.000 Kinder und Jugendliche aus Schulen, Kitas und sozialen Einrichtungen. „Wenn wir Goethes ,Iphigenie auf Tauris‘ spielen, dann sind die Jugendlichen froh, weil das ein Stoff aus der Oberstufe ist, den keiner lesen will“, sagt Soubeyrand. „Selbst ich fand das damals furchtbar! Wenn das im Theater läuft, schaust du es dir an und weißt danach wenigstens, was im Stück passiert.“

Und die Erwachsenen? Die haben miterlebt, wie nach der Wende der Braunkohleabbau wegschrumpfte und ihre Zukunft gleich mit – das macht sie zu einem Publikum, das gleichzeitig Zuflucht und Herausforderungen sucht. „Die Menschen hier gehen mit dem Theater ganz liebevoll um, denn das ist geblieben, als vieles wegbrach“, sagt Soubeyrand. Seine Mutter ist 1958 mit ihm von Köln nach Ost-Berlin gezogen, da war er ein Jahr alt. „Wichtig sind Märchen, zu unseren Kindervorstellungen kommen manchmal die Eltern und die Großeltern mit: Mit Märchen erträumte man sich in der DDR eine schönere, buntere Welt, denn der Osten war ja grau. Nach der Wende war er dann wieder grau, denn der Umbruch brachte neue Sorgen.“

Gleichzeitig wollen die Zuschauer gefordert werden, auch das hat mit diesem Umbruch zu tun. „Hier sind die Menschen offen für Ungewöhnliches, denn in den letzten Jahrzehnten war es ihnen wichtig, in die nächsthöhere gesellschaftliche Schicht zu kommen oder zumindest nicht abzusteigen", erklärt er. „Das macht neugierig, denn ohne Veränderung schaffst du keine Verbesserung.“ Ein besonders guter Rahmen dafür ist das Theaterspektakel im Herbst. „Ich habe da mal ein unbekanntes Stück von Heiner Müller gespielt, da gingen die Leute dann auch hin“, sagt Soubeyrand. „Dieses Jahr wollen wir beim Spektakel den 75. Geburtstag des Theaters thematisieren: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Ist doch verrückt, du wirst in irgendeine Zeit reingeboren, und damit musst du dann umgehen.“

Baselitz und Richter im Depot

Die Zeiten scheinen sich manchmal zu überlappen in Senftenberg, und das auf eine ganz faszinierende Weise. Ein kurzer Spaziergang führt von der Neuen Bühne zum Senftenberger Schloss, in der eleganten Festung aus der Renaissance wohnt heute die Kunstsammlung Lausitz: über 2000 Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die diese Region zum Thema haben, darunter Arbeiten bekannter Künstler wie Gerhard Richter oder Georg Baselitz. Aktuell schlummert die Sammlung im Depot, dafür ist eine andere faszinierende Ausstellung zu sehen: die „Brandenburger Industrielandschaften“ des Berliner Fotografen Lorenz Kienzle. Sie zeigt Schwarz-Weiß-Bilder aus den frühen Neunzigern bis heute, rauchende Menschen und dampfende Maschinen, Industrieanlagen als Kathedralen des Fortschritts, darin Aufenthaltsräume für die Werktätigen wie kleine Enklaven der Gemütlichkeit.

Ihre Farblosigkeit gibt den Bildern eine anregende Entrückung: Immer wieder muss man nachschauen, wann die Fotos gemacht wurden, häufig liegt man mit seiner instinktiven Schätzung um ein paar Dekaden daneben. „Farbe lenkt mich eher ab, ich will vor allem die Grundinformationen vermitteln“, sagt Kienzle. „Ich mag die Abstraktion, die dabei entsteht.“ Die scheint gut zu funktionieren: Seine Bilder von der industriellen Hutfertigung in Guben und vom Braunkohlekombinat Schwarze Pumpe in Spremberg, die hier zu sehen sind, haben den US-Bildhauer Richard Serra so begeistert, dass Lorenz acht Jahre lang dessen Arbeiten für Ausstellungen und Kataloge fotografieren durfte. Heute ist eines seiner Bilder im Guggenheim Museum in Bilbao zu sehen, andere Arbeiten liegen im Ausstellungsarchiv des Museum of Modern Art in New York. Der 54-Jährige lebt in Berlin, fast jeden Sonntag fährt er in die Lausitz hinaus. „Ich bin neulich den Fürst-Pückler-Radweg von Spremberg bis zum Senftenberger See gefahren“, erzählt er. „Unterwegs sieht man ganz konkret die Geschichte der Rekultivierung dieser Region: Der Fahrradweg wurde zur Internationalen Bauausstellung 2000 angelegt, die Strecke führt mitten durch den Tagebau Welzow, vorbei an gigantischen Schaufelradbaggern, durch eine Wüste mit riesigen Staubwolken.“ Ein bisschen Tagebau gibt es hier also noch, wie früher in der DDR, und vielleicht ist es das, was Senftenberg und seine Umgebung so spannend macht: diese winzigen Momente, in denen man nicht so ganz genau weiß, in welchem Jahrzehnt man ist.


Wo kämen wir denn da hin?

„Aus Berlin kommen wenige zu uns“, sagt Manuel Soubeyrand. „Für die Leute aus Berlin ist am Spreewald Schluss, weiter fahren die nicht.“ Wie schön, dann können die Neuen Berliner hier ja noch was Neues entdecken. Einige Vorschläge.

Gartenstadt Marga Im Westen Senftenbergs liegt die fast ländlich wirkende Gartenstadt Marga, bis 1915 als Werkssiedlung für Arbeiter aus dem Bergbau geschaffen. Grüne Gärten und Häuser aus dem Jugendstil in einem Areal mit scheibenförmigem Grundriss: ein Stadtteil wie eine gigantische Pizza, belegt mit Behaglichkeit. senftenberg.de

Aussichtsplattform „Rostiger Nagel“ Auf Seen schauen kann man in Brandenburg fast überall – aber nicht aus einer Höhe von 30 Metern. Der 111 Tonnen schwere „Rostige Nagel“ ist im Rahmen der „Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land“ ab dem Jahr 2000 entstanden und wurde 2008 fertiggestellt; von der stählernen Skulptur mit dem geradlinigen Treppengeflecht fällt der Blick weit über die Landschaft mit dem Sedlitzer, dem Geierswalder und dem Partwitzer See. Ihr Navigationssystem findet den Weg.

Baumhaus im Hafencamp Wie komfortabel kann ein Baumhaus überhaupt sein? Die Baumhäuser nahe dem Hafen von Senftenberg haben Duschen, WCs, kleine Küchen und sogar Terrassen mit Gartenmöbeln drauf. Wir wären nicht überrascht, wenn einem die Eichhörnchen morgens die Zeitung brächten oder einen kleinen Hafercappuccino. Ab 119 Euro pro Nacht, senftenberger-see.de

Schloss Altdöbern „Altdöbern liegt nur drei Zugstationen von Senftenberg entfernt“, sagt Lorenz Kienzle. „Die haben ein verwunschenes Märchenschloss mit einem schönen Park und einem See, einfach so am Rand von einem Tagebau. Gehen Sie dort auf jeden Fall in die Orangerie, darin ist jetzt ein ganz tolles Café.“   lausitzerseenland.de

Kunstgussmuseum Lauchhammer Noch ein Tipp von Lorenz Kienzle: „Das Museum liegt ganz in der Nähe von Senftenberg und ist in einer ehemaligen Schule von 1890 untergebracht. Seit dem 18. Jahrhundert wurden hier unglaublich schöne und detaillierte Plastiken, Skulpturen und Geländer aus Bronze und Eisen gegossen. Es gibt heute noch eine Kunstgießerei, in der man zuschauen kann, wie das gemacht wird. Auf dem Gelände liegt auch eine Werkskirche, die inzwischen für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird.“ kunstgussmuseum-lauchhammer.de


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