Berlin - Wenn Juliana Martínez abends nach Hause kommt in Friedrichshain, streift sie die Bürokleidung auf das grüne Sofa oder den gelben Sessel ab und zieht die Leggings und den Sweater an in monochromen Knallfarben, am liebsten Rot. Diese Art Leggings, mit denen sie morgens früh um 7 Uhr schon sechs Kilometer rennen war im Volkspark Friedrichshain. „Mein Charakter verwandelt sich dann abends“, sagt sie und meint es wohl trotz des Augenzwinkerns so. Aus Juliana Martínez, 41, der kolumbianischen Berlinerin, wird dann in den Leggings Servicio al Cliente, ihr Synthesizer-Pop-Projekt, das uns in seiner Frische noch den Frühling retten wird. 

Sounds zwischen melodischem Eighties-Italo-Pop und beschwingtem Yachtrock, der kalifornischen Spielart von Disco aus den späten Seventies. Sie selbst nennt die amerikanische Powergirl-Funk-Rock-Band ESG und das französische Duo Air als Inspiration. „Deren Vocals fließen wassergleich“, schwärmt sie. Immer mit der angemessenen Dosis Melancholie in den Moll-Akkorden, weil wir ja schließlich nicht naiv sind.

Keyboards von Ebay-Kleinanzeigen

Auch die Geschichte von Servicio al Cliente ist der Knaller: Juliana Martínez ist studierte Kriminalanwältin. „Meine Mama guckt ständig diese Krimiserien!“, lacht sie, als wir uns im Volkspark Friedrichshain, ihrem Jogging-Hotspot, treffen, nur um dann nachzuschieben: „Aber das hat wenig mit der Praxis von Strafrecht zu tun. In echt ist das vor allem Papierkram.“ Seit sie 2007 nach Berlin zog, hat Juliana Martínez den blutrünstigen Crime-Job sowieso an den Nagel gehängt. Tagsüber arbeitet sie im Büro, irgendwas mit Zahlen, wie sie sagt, aber das Entscheidende ist, was sie abends treibt: das Betasten der fünf Vintage-Keyboards in ihrem Wohnzimmer, die sie auf Ebay-Kleinanzeigen ergattert hat.

Sie spielt ein Deepmind12, ein MicroKorg und Keyboards von Yamaha. „Auf einem sehr durchschnittlichen Level“, wie sie kokettiert. „Aber ich tue es mit meinem ganzen Herzen.“ Was klingt wie ein hübsches Hobby, nimmt bei Juliana Martínez nun doch andere Dimensionen an: Gerade kam sie mit ihrer selbstbetitelten Debüt-EP unter Vertrag bei Kompakt, einem der renommiertesten Techno-Labels der Welt. Indes: Juliana Martínez macht gar keinen Techno. Was ist da passiert?

Es geht um die großen Themen, die Liebe

„Ich gestehe, ich war verrückt!“, lacht Juliana Martínez, wenn sie davon erzählt, wie sie dem Label ihr Mini-Album anbot. Alles hätte schiefgehen können. Was Juliana Martínez den Antrieb gegeben hat, es doch zu wagen: In der Quarantäne ist 2020 ihr Vater gestorben, aus heiterem Himmel. „Ich dachte mir nach dem Verlust: Das kann es doch nicht gewesen sein!“, sagt sie. „Ich möchte mit diesem Leben noch etwas anstellen! Ich will was mit der Musik machen, die mich doch die ganze Zeit umgibt.“ Doch warum benennt Juliana Martínez ihr Pop-Projekt ausgerechnet mit dem spanischen Wort für Kundendienst? „So eine Kunden-Hotline kann die Hölle sein“, gesteht Martínez neckisch. „Jemand vom Kundenservice kann deinen Tag ruinieren – oder dir, im Gegenteil, sehr helfen. Ich will, dass das Album die Leute in Sphären emporschwingt, sodass sie den Tag überstehen – mit Neugier. Und dass sie etwas Neues wagen.“ So wie ja auch sie selbst den Neustart gewagt hat.

Die spanischen Texte auf „Servicio al Cliente“ sind beste Dramedy: Es geht um die großen Themen, vor allem um die Liebe, aber oft mit witzigen Twists. Vieles lässt sich auch mit Leichtigkeit betrachten. Man glaubt es sofort, wenn man Juliana Martínez lachen sieht, was sie fast ständig tut, auch wenn sie schwört, introvertiert zu sein. Der Opener „Romántico“ ist ein fröhlich-energetischer Lovesong über die Balance zwischen Selbst-Akzeptanz und Narzissmus. Im zweiten Track liest Martínez Tarotkarten mit Dolfina Guido, einer argentinisch-kolumbianischen Reality-TV-Legende aus ihrer Kindheitszeit. Dolfina Guido war mit ihren Lebensratschlägen eine gefragte Autorität in ihrem Viertel. „Eine tolle Show!“, schwärmt Martínez. Sie wollte ihr Tribut zollen, auch wenn sie nicht an Tarotkarten glaubt. 

Knallbuntes Knallkonfekt

„Párajo indigente“ erzählt von einem Vogel ohne Käfig. Ein utopisches Gefühl inmitten von Quarantänezeiten. „Lengua de arena“ malt das Bild einer Zunge aus Sand. Ein Moment, sich nicht ausdrücken, sich nicht lautstark machen zu können. „Sensual esperpento“ erzählt indes von sinnlich-erotischer Attraktion. Im finalen Track, Martínez’ Liebling, geht es um eine Frau, die mit dem Teufel tanzt. 

Ist es nicht ein Widerspruch, dass Martínez ausgerechnet in der Single-Hauptstadt Berlin ein tragikomisches Hohelied auf die Liebe singt? „All dies führt in meinem Inneren zu noch mehr Romantik“, sagt Martínez. „Solange sich menschliche Wesen begegnen, gibt es da immer noch eine gute Chance, romantisch zu sein.“

Juliana Martínez hat diese ansteckende Art, die Dinge positiv zu betrachten. Sie mag den Humboldthain. Wasser und Wald in der Wuhlheide. Aber auch industrielle Gelände in Schöneweide: „Es gibt hier in Berlin ein Gespür für Schönheit, das mir schön komplex erscheint. Ich kam der Liebe wegen, und inzwischen bin ich in Berlin verliebt.“ Juliana Martínez gibt es zu: Wenn sie morgens um 7 Uhr im Volkspark Friedrichshain joggt, dreimal die Woche, hat sie, die sie zu Hause eher Can und Kraftwerk hört, ihre eigenen Tracks auf den Ohren. Welch besseres Zeichen könnte es geben, dass diese Tracks im Einklang mit ihr selbst sind? Und vor allem: dass sie Energie-Bonbons sind? Ja, knallbuntes Klangkonfekt.

Servicio al Cliente: „Servicio al Cliente“ (Imara/Kompakt)

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.