Was bedeutet es für eine Beziehung, wenn ein Rechtsterrorist in Hanau, wie am 19. Februar 2020 geschehen, aus rassistischen Motiven neun Menschen tötet? Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz und Vili Viorel Păun. Ihre Namen sollen im Gedächtnis bleiben, inklusive der Buchstaben, die die deutsche Sprache despektierlich als „Sonderzeichen“ tituliert und auch deshalb schon als vermeintlich „fremd“ markiert. Die Antwort auf diese Frage fällt unterschiedlich aus, abhängig davon, wer Teil dieser Beziehung ist. Sie ist abhängig von den gesellschaftlichen Zuschreibungen und erlebten Diskriminierungen, den strukturellen Zwängen und gewährten Privilegien, die auf die Menschen wirken.

„Meine Gedanken zersprangen in unzählige Splitter, meine Glieder schmerzten“, schreibt Şeyda Kurt in ihrem Sachbuch „Radikale Zärtlichkeit“. „Mir war den ganzen Tag übel. Ich weinte im Büro.“ Ihr Partner dagegen hatte nichts von den Ereignissen mitbekommen. „Die Opfer von Hanau waren für die meisten Deutschen bereits im Augenblick ihres Todes vergessen.“ Wie also umgehen mit der Kluft, die entsteht, wenn ein so einschneidendes Ereignis nur für eine von zwei Personen zur realen Bedrohung wird?

„Liebe, das ist Arbeit“

Kurts Erstlingswerk ist weder durchweg biografisch, noch verhandelt es Einzelbeispiele, auch wenn dieses von der Autorin selbst gewählte Beispiel vieles plastisch macht. Was Şeyda Kurt gelingt, ist nicht weniger als eine umfassende und allgemeingültige Dekonstruktion der romantischen Liebe als irreführendes, weil scheinbar im luftleeren Raum verankertes und in seiner Asymmetrie nicht selten einengendes oder gefährliches Konzept. Mit präzisen Worten und klaren Gedanken entwirft Kurt eine fundamentale Kritik an der Liebe als Heilsversprechen und schlüsselt die historisch vorgegebenen Regeln von Beziehungen auf, die zumeist tief in patriarchalen, kapitalistischen, kolonialen und rassistischen Konzepten verankert sind.

„Liebe, das ist Arbeit“, zitiert Kurt Asya, die Hauptdarstellerin des 1978 erschienenen türkischen Filmklassikers „Selvi Boylum Al Yazmalım“. Und sie ruft auch ihre Leserinnen und Leser zu genau dieser Arbeit auf. Sie zeigt auf, wen und wessen Lebensentwürfe die als heteronormativ und monogam konstruierte Paarbeziehung mitunter auszuschließen vermag und wo ihr Idealbild Abhängigkeiten aufrechterhält, die nicht nötig sind.

Verantwortung für das eigene Handeln

Was sie dadurch schaffen will, ist ein Raum, in dem Beziehungen, die auf Fairness und Gleichheit fußen, für alle Menschen möglich sind – ganz gleich, wie diese gestaltet sind. In Beziehungen lasse sich üben, aus gewaltvollen, hierarchischen Strukturen auszubrechen, so Kurt. Statt Liebe wählt sie den Begriff der Zärtlichkeit, der nicht auf erotische Beziehungen beschränkt bleiben muss, sondern die viel zu oft als nebensächlich betrachteten Freundschaften einschließt.

Zärtlichkeit wird bei Kurt zur politischen Handlungsanweisung, zum „Programm der Gerechtigkeit“, zum Aufruf, Verantwortung für das eigene Handeln und andere zu übernehmen und Machtverhältnisse auf Augenhöhe zu reflektieren. Ein zukunftsweisender und gerade wegen seiner Kritik an der Liebe radikal liebevoller Denkanstoß, wie es gelingen kann, Fremde und Freundin oder Freund zugleich zu sein.

Bewertung: 5 von 5

Şeyda Kurt: Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist. Harper Collins, Hamburg 2021. 223 S., 18,50 Euro.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.