Pro: Reisen ist ein Menschenrecht

Berlin - Im Indonesischen gibt es die Redewendung des „Cuci Mata“ (gespr.: Tschutschi Mata). Indonesier verwenden es, wenn sie sagen wollen, dass sie „Luftveränderung“ brauchen. Wörtlich heißt „Cuci“ „waschen“,  „Mata“ bedeutet „das Auge“. Genau das ist es, was gerade fehlt: den Augen etwas Neues zu geben, damit sie wieder wissen, was sie am Alltag zu schätzen haben. Das „Augenwaschen“ aber ist etwas, was nicht nur in Indonesien im vergangenen Jahr stark nachließ.

Kurz vor der Pandemie kam ich von meiner Reise nach Indonesien zurück. Ich war vier Monate lang auf über dreißig Inseln unterwegs, war bei anachronistischen Tieropfern auf Bali mit dabei, traf ein sprechendes Krokodil auf den Molukken und besuchte einen Deutschen, der auf einer einsamen Insel bei Sumatra leben wollte und schließlich für ein Jahr im Gefängnis landete.

Diese Reise und das Buch, das ich darüber schrieb, waren die nachträgliche Begründung dafür, warum ich zwanzig Jahre zuvor Indonesisch gelernt hatte, in einem muffigen Leipziger Zimmer mit fünf anderen Studenten. Als das Buch erschien, waren wir noch mitten in der Pandemie. Es gab keine Buchpräsentation, keine Buchmesse, und ich war auch noch nicht in Jakarta, um meinen Freunden die Seiten zu zeigen, auf denen sie auftauchen.

Die Menschen die ein Flugzeug betreten, gehören nicht zur Hochrisikogruppe und sind alle getestet.

Wenn ich jetzt geflogen wäre, hätte ich mir im Gegenteil sicherlich Feinde gemacht. „Travelshaming“ heißt der unausgesprochene Zorn, der Menschen gilt, die in Zeiten wie diesen eine Reise unternehmen. Mir ist schon klar, dass es nicht das Reisen selbst ist, sondern die potenzielle Gefahr der Infektion, die ich nicht nur mir, sondern einer ganzen Nation zufüge. Dieser spezifische Zorn trifft all jene, die ein Flugzeug betreten, dabei gehören diese Menschen meist weder zur gefährdeten Hochrisikogruppe, noch ist auch noch nur einer von ihnen heutzutage ungetestet.

Will sagen: Wir können uns nicht auf Jahre der Möglichkeit berauben, ein fremdes Land, eine fremde Kultur oder einen geliebten Menschen aufzusuchen. Die Bundesregierung hat vor Ostern noch einmal klargestellt, dass sie Auslandsreisen nicht verbieten kann. Die höchste Hürde stellen vielmehr die Beschränkungen anderer Länder dar. Schon allein wegen der örtlichen Quarantäne hat es vielerorts keinen Sinn, eine Reise dorthin zu buchen.

Deswegen aber ist das Bedürfnis, die „Augen zu waschen“, nicht weniger geworden. Viele Leute aus meinem Umfeld berichten von einem bleiernen Gefühl, das sich auf ihren Alltag gelegt hat, weil sie seit Monaten ihre Stadt nicht mehr verlassen haben. Fahrradtouren in die Umgebung, Videokonferenzen mit den Eltern, Online-Geburtstagsfeiern mit Freunden – das alles kann das Gefühl der Isolation zum Teil noch mehr verstärken, anstatt dass es dadurch aufgehoben wird.

Ich habe deshalb die Entscheidung getroffen, dass ich mich so wie zu Weihnachten in diesem Jahr auch zu Ostern auf eine Fahrt begeben werde, wenn auch nur auf eine kleine. Ich werde meine Familie in Dresden besuchen, weil Familienfeste in der Familie gefeiert werden sollten, solange es möglich ist. Meine Eltern, beide 65, sind nicht geimpft, und deshalb werde ich vor der Abreise einen Test machen. Die Idee, dass die Züge „verseucht“ sind, halte ich für eine Übertreibung, die Deutsche Bahn hat Zugfahren als sicher bezeichnet – wenn man sich von anderen Mitreisenden fernhält und einen Mundnasenschutz trägt. Bisher war ich immer überrascht, wie leer der Regionalexpress nach Dresden-Neustadt war.

Meine Großmutter, die am 4. April 89 Jahre alt wird, ist inzwischen geimpft. Auch sie werde ich hoffentlich zu ihrem Geburtstag sehen. Ich wollte ihr noch ein Geschenk von einer fernen Insel geben. Während meiner Reise in Indonesien besuchten mich meine Eltern. Sie hatten Plastikbecher vom Helene-Fischer-Konzert dabei. Als wir in Singapur im Hotel angekommen waren, holten sie die Becher heraus und füllten sie mit deutschem Sekt. „Dass ich mal in Singapur bin …“, sagte mein Vater und konnte seinen Satz vor Rührung nicht beenden. Reisen ist mehr als nur ein Ego-Trip für den Lebenslauf. Es ist ein Menschenrecht, das gerade im Osten Deutschlands erkämpft wurde.

Contra: Wo ist die Solidarität?

Berlin - Ich verstehe es doch. Meine Güte, ich will ja auch. Neben Kneipenabenden vermisse ich kaum eine Sache mehr als grenzenloses Reisen. Testen, in den Flieger steigen und in weniger als zwei Stunden bei meiner schwedischen Familie sein. Oder eben in 120 Zugminuten in Mecklenburg. Unbekümmert mit Freundinnen aufs Land düsen, drei Flaschen Sekt im Gepäck. Wir sind alle pandemiemüde, dennoch gilt – auch und insbesondere zu Ostern: Aufs Reisen müssen wir jetzt verzichten. Dieses Horrorjahr nimmt sonst kein Ende!

Was soll man mitten in einer Pandemie eigentlich übers Reisen debattieren? Wir wissen aus den Infektionszahlen des Januars, dass Feiertage und fehlende Eigenverantwortung den Rückgang der Pandemie bremsen. So wohltuend der Kurzurlaub für einige also sein mag – zur gesellschaftlichen Entspannung trägt er nicht bei. Auch deshalb gibt es jetzt zu Ostern keine Lockerungen.

Egal ob Malle oder Bayern, wir schleppen Mutationen und Viren quer durchs Land. 

Stattdessen mehr Mutanten. Die Variante B1.1.7 verbreitet sich rasant, in der ersten Märzwoche fand das Robert-Koch-Institut sie in fast jeder zweiten positiven Probe. Tendenz steigend. Hin- und Herreisen, egal ob nach Malle oder Bayern, durchmischt unsere gewohnten sozialen Gefüge, wir schleppen Mutationen und Viren quer durchs Land und öffnen ihnen Wege. Dazu kommt die Inkubationszeit. Stecken wir uns Ostersonntag an, ist ein negativer Test am Ostermontag zwar schön, aber sinnlos. Das Virus hatte schlicht noch keine Zeit, sich zu entfalten, was soll ein Test da außer Schnodder finden?

Und wenn sich alle vorab testen, um so auf Nummer sicher zu gehen und ruhigen Gewissens zur Sippschaft zu düsen? Dass es mittlerweile schnellere Testmöglichkeiten gibt, ist ein effektives Mittel, positive Fälle zu finden und früh zu isolieren. Nur so kann die Pandemie – neben flächendeckenden Impfungen – eingedämmt werden. Als Rechtfertigung für stundenlange Fahrten in verseuchten Zügen sind sie aber nicht gedacht. Viele vergessen: Mehr als eine Momentaufnahme ist so ein Test nicht. Vor der Abreise gemacht, gibt es tausend Möglichkeiten, sich auf dem Weg zum heimischen Osterfeuer anzustecken, dort andere anzustecken oder auf dem Weg zurück mehr als Heimaterinnerungen mitzubringen. Es ist ja schon bemerkenswert, dass in allen anderen Jahren der buckligen Verwandtschaft ausgewichen wurde, auf einmal kann es aber niemand erwarten, zur Großtante zu fahren?

Die, die jetzt verreisen, sind selten die, die sich in Gesundheitsberufen kaputtarbeiten. Die wissen, was achtloses Umhergetrotte für Folgen haben kann. Gehören wohl kaum zu Risikogruppen, für die der Alltag – ohne Ostern oder Reisemöglichkeit – seit einem Jahr eh schon hart genug ist. All diesen Leuten gönne ich Entspannung, Entlastung und das alte Freiheitsgefühl.

Alle anderen frage ich: Wo ist eure Solidarität geblieben? Oder ist das eine überzogene Moralvorstellung in einer Pandemie? Dass Stärkere für Schwächere eintreten, an einem Strang ziehen, damit dieses für einige nur nervige, für andere tödliche Elend so schnell wie möglich ein Ende hat? Damit man diesen Sommerurlaub nicht auch noch auf Balkonien verbringen muss. Glücklich kann sich schätzen, wer wenigstens das hat. Wer jetzt verreist, muss sich klarmachen, dass die Pandemie durch das eigene egoistische Handeln unnötig in die Länge gezogen wird. Und der Lockdown nie ein Ende findet.

Ja, ich bin hier die Spielverderberin. Aber nichts ist so sicher, wie zu Hause zu bleiben. Und: Auch mir fällt die Decke auf den Kopf, auch ich will mal wieder raus. Aber wie vergleichbar leicht ist mein Lockdown? Anders als bei Kindern und Jugendlichen, die immer depressiver werden. Frauen, die ungesehen zu Hause verprügelt werden. Paaren, die in alte Rollenmuster zurückfallen. Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Auch ich finde es unerträglich, dass es immer wieder Aufgabe der Privathaushalte ist, der Pandemie Paroli zu bieten, während sich die Bundesregierung über „Appelle“ an Unternehmen nicht hinaustraut. Zeigen wir, dass wir es besser können: Gehen wir als Gesellschaft solidarisch miteinander um!

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.