Berlin - Robert, 33: Ich führe seit drei Jahren eine Fernbeziehung mit einer Frau aus Frankfurt. Sie hat einen Job, den sie nicht in Berlin machen kann, aber ich möchte auf keinen Fall nach Frankfurt ziehen. Jedes Mal, wenn ich dort bin, bekomme ich schlechte Laune und vermisse meine Freunde. Dabei ist sie die Frau meines Lebens. Ich bin ITler und könnte eigentlich auch umziehen, aber ist das nicht ein zu großes Opfer für eine Beziehung? Was ist, wenn sie nicht die Richtige ist?

Lieber Robert, Fernbeziehungen sind angenehm, wenn man zwischen 18 und 28 Jahre alt ist oder wenn die Kinder schon aus dem Haus sind. Jeder hat seine Arbeit, seinen Haushalt, seine Freunde und seine „freie“ Zeit. Die Partner teilen das Schöne, den Alltag können sie ausblenden. Die Treffen sind immer neu, der Sex bleibt frisch und geheimnisvoll. Jetzt bist du 33 Jahre alt und in einer Lebensphase, in der die meisten Menschen anfangen, sich nach einem Partner für Familie und Kinder umzusehen. Also für die nächsten 20 Jahre, wenn nicht sogar für den Rest des Lebens „buchen“ wollen. Die Junge-Erwachsenen-Zeit ist vorbei – genug ausprobiert, genug erfahren. Im Schnitt werden Männer in Deutschland mit 33,1 Jahren zum ersten Mal Vater (Frauen mit 30,1). Du bist, statistisch gesehen, somit voll auf dem Punkt, die Frau deines Lebens gefunden zu haben.

Man muss erfahren, was der andere in der Tiefe ist

Es gibt in Liebesbeziehungen zwei große K.-o.-Kriterien: Kinder oder nicht? Und: Wo werden wir wohnen? Meine Frage ist: Wie viel wirklichen Alltag habt ihr schon ausprobiert? Hast du eventuell in der Pandemie schon einmal sechs Wochen am Stück von Frankfurt aus gearbeitet? War euch schon einmal richtig langweilig zusammen? Hattet ihr schon schlechten Sex? Habt ihr euch schon über Alltägliches gestritten (Mülleimer, Bad, Socken)?

Das Problem an Fernbeziehungen ist, dass man nur bestimmte Ausschnitte vom anderen zu sehen bekommt. Das Leichte und die Schokoladenseiten werden gern gezeigt, die Stellen in der Seele und im Leben, die nicht so rundlaufen, werden „bespielt“, wenn der Partner nicht da ist. Das erklärt vielleicht auch ein Stück deine schlechte Laune, wenn du deine Freunde nicht ausreichend sehen kannst. Um der Antwort auf deine Frage näher zu kommen, ob sie die Richtige sein könnte, empfehle ich euch, eine Zeit lang echten Alltag auszuprobieren. Und dabei vorsichtig, aber bestimmt auch über das Unangenehme am anderen zu sprechen. So könnt ihr besser erahnen, wer der andere in der Tiefe ist und ob es sich lohnt, das große gemeinsame Wagnis einzugehen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.