Berlin - In der Erinnerung von Hans-Conrad Walter begann es damit, dass er laute Stimmen von der Straße vor seinem Büro hörte. Es war Mittwoch, der 24. März, mitten in der dritten Welle der Pandemie, das Gebrüll durchbrach die Corona-Stille. Walter ist Kulturmanager, sein Ladenbüro liegt in der Bötzowstraße, wenige Meter von der Kreuzung zur Hufelandstraße entfernt, einer der schönsten Kreuzungen in Prenzlauer Berg.

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Als er vor die Tür trat, sah er zwei Leute des Ordnungsamts, die eine junge Frau mit Fahrrad angehalten hatten. Die Frau weinte und zitterte. Walter wunderte sich, doch als die Frau weiterlief, ging er zurück an den Schreibtisch. Zehn Minuten später hörte er dann Hilferufe von draußen. Diesmal schloss er nach einem Blick zur Kreuzung sein Büro ab, weil sich dort eine „komplexere Situation“ abzeichnete, wie er sagt. Er nahm sein Handy mit. 

Wie konnte dieser Einsatz so eskalieren?

An der Kreuzung fand an diesem Nachmittag ein „Schwerpunkteinsatz“ des Ordnungsamts Pankow statt, der kurz darauf außer Kontrolle geriet. Eigentlich war es nur um das Radfahren auf Gehwegen gegangen, ein Routineeinsatz. Hinterher kursierten Handyvideos in der Stadt und liefen in der RBB-„Abendschau“. Eins stammt von Hans-Conrad Walter, auf dem anderen ist er selbst zu sehen. Polizisten drücken ihn gegen eine Hauswand, er hat die Hände erhoben. Ein anderer Mann wird vor ihm sogar zu Boden gedrückt, von mehreren Polizisten, man hört ihn „Hilfe, Hilfe, Hilfe!“ schreien.

Bilder der Szene hingen danach an Stromkästen in der Nähe der Kreuzung, jemand hatte Plakate aus den Videobildern gemacht, „So geht es nicht!!“ und „Keine Gewalt!!“ dazu geschrieben. Aber was ist an jenem Nachmittag wirklich passiert? Diese Frage beantworten die Bilder und Videos nicht. Wie konnte ein Routineeinsatz so eskalieren? Wer war schuld, wer hatte übertrieben? Das Ordnungsamt in seinem Verhalten? Oder die Bürger in ihren Reaktionen? Auch der Verdacht kam auf, dass sich an der Kreuzung zeigte, was passiert, wenn die AfD an die Macht, in diesem Fall: an einen Stadtratsposten, kommt. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Pankow befasst sich noch mehr als zwei Monate später mit dem Nachmittag und seinen Folgen, im Herbst wird es wohl mehrere Gerichtsverfahren geben.

Die Bürgersteige sind fast sechs Meter breit

Vielleicht wirkt der Fall dann wie eine merkwürdige Erinnerung an ein Frühjahr, in dem eine überreizte Langeweile über Berlin hing. Vielleicht aber auch wie ein Warnsignal. Ein Zeichen aus einer Stadt, in der Bürger und Behörden zunehmend aggressiver aufeinandertreffen.

Radfahren auf Gehwegen ist eine Ordnungswidrigkeit, die nach Straßenverkehrsordnung mit einem Bußgeld in Höhe von zehn bis 25 Euro geahndet wird. In Pankow finden Einsätze dagegen regelmäßig statt, sagen sowohl der Bezirksbürgermeister Sören Benn von der Linken wie der Ordnungsstadtrat Daniel Krüger von der AfD. Am 24. März waren ab 15 Uhr neun Mitarbeiter des Ordnungsamts im Einsatz, sie konzentrierten sich auf die Kreuzung Hufeland-/Bötzowstraße.

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Ein Bild aus einem Video, das den Vorfall der Staatsgewalt im Berliner Prenzlauer Berg zeigt.

Beide Straßen haben auf dieser Höhe nur Kopfsteinpflaster, aber auf den Gehwegen liegen Platten, auf denen es sich deutlich angenehmer fährt. Man muss sich nur ein paar Minuten an die Kreuzung stellen, um Radfahrer dort zu erwischen. Oder zu beobachten. Die meisten fahren langsam und vorsichtig. Achtsam, würde man im Bötzowviertel wahrscheinlich sagen. Die Bürgersteige sind fast sechs Meter breit, die Altbauten perfekt saniert, um die Kreuzung liegen Wein- und Blumenläden, Cafés und asiatische Restaurants. Am Pfosten des Straßenschilds, vor dem der Einsatz eskalierte, kleben Ende Mai zwei Aushänge. Ein Paar sucht eine Wohnung und beschreibt sich als „humorvoll, zuverlässig, solvent“. Eine Frau sucht ihr weißes Peugeot-Rennrad.

Zwei Männer mit Anwälten aus der gleichen Kanzlei

„Hier ist in den letzten 30 Jahren ein ganz besonderes Lebensgefühl entstanden“, sagt Hans-Conrad Walter. Er sitzt in seinem Ladenbüro auf einer der großen weinroten Couches am Fenster, es ist Ende April. Er lobt das Miteinander im Viertel, spricht vom „hohen Gestaltungswillen“ der Menschen hier. Man muss an die Gruppe denken, die den Park am Stierbrunnen, am vorderen Ende der Straße, mit Wochenendeinsätzen sauber hält. Und an die dortigen Grablichter für die Corona-Todesopfer. Das Lebensgefühl schien auch die Pandemie einigermaßen überstanden zu haben.

Bis zu jenem Tag im März. Walter hat ein altes Interview mit dem Ordnungsstadtrat von der AfD noch einmal gelesen, in dem der sagte, Berlin sei ihm einfach zu dreckig. Vielleicht war der 24. März kein Zufall?

Ihm gegenüber sitzt Dieter Waffler, er nickt, als es um das Lebensgefühl geht. Er lebt seit 25 Jahren in der Gegend und findet es hier „so was von friedlich“. Er ist der Mann, der von der Polizei zu Boden geworfen wurde. Man kann sich das schwer vorstellen, wenn man ihn sieht, mit seinem weißen Bart. Er ist 61, Walter zehn Jahre jünger, 51, auch aus dem Alter raus, in dem man leicht Ärger mit der Polizei bekommt. Die Männer haben sich am 24. März an der Kreuzung kennengelernt, nun wirken sie schon wie alte Bekannte, duzen sich, haben Anwälte aus der gleichen Kanzlei. 

Als plötzlich die Polizei kam

Dieter Waffler, der Mann mit dem Bart, erzählt von einem Spaziergang am 24. März. Er bemerkte das Ordnungsamt und dachte erst: „Vielleicht sammeln sich die Leute für einen Betriebsausflug?“ Als er eine Viertelstunde später wieder vorbeikam, sah er, wie zwei Ordnungsamtsmitarbeiter einen jungen Mann mit Wollmütze zwischen sich einklemmten und an den Armen zogen. Ihm erschien das „martialisch“, zumal der Festgehaltene völlig ruhig auf ihn wirkte. Auf dem Boden lag ein Fahrrad. Dieter Waffler trat näher heran und hörte einen Dialog, der ihn an eine Komödie erinnerte: Der Mann wollte erst losgelassen werden, die Amtsmitarbeiter wollten erst seine Personalien, und so weiter. Waffler sagt, er wäre vielleicht weitergegangen, wenn er den Zuschauer nicht bemerkt hätte, der die Szene mit seinem Handy filmte.

Inzwischen waren zwei Polizeiwagen an der Kreuzung eingetroffen. Hans-Conrad Walter, der Handyfilmer, sagt, er habe einen der Polizisten auf sich zustürmen sehen. Er habe sich früh im Leben vorgenommen, sich von Polizisten nicht einschüchtern zu lassen. Walter kommt aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung.

„Wir sind doch nicht in Amerika“

Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR, wurde er auf einer Demo von der Polizei eingekesselt und war danach „im Knast“, wie er sagt. Nach dem Mauerfall kämpfte er unter anderem gegen die Schließung des Kinos Babylon, war Filmvorführer, heute organisiert er große Festivals und Tagungen. Die nächste soll im Herbst in Dresden stattfinden, mit Gästen aus der halben Welt. Seit 15 Jahren hat er sein Büro in der Bötzowstraße, er hat lange auch nebenan gewohnt, über dem Buchladen.

In dem Buchladen ist er seit Jahren Stammkunde, sagt sein neuer Bekannter Dieter Waffler. Er kam nach der Wende nach Berlin, man hört seiner tiefen Stimme seine Herkunft aus Bayern noch an. Er war Sozialarbeiter, hat als Streetworker in Erkner mit schwierigen Jugendlichen gearbeitet. Sie laufen gemeinsam zur Kreuzung, um den 24. März weiter zu schildern, aus ihrer Erinnerung. Wie es plötzlich gegen sie beide ging.

Laurenz Bostedt
Eigentümer Enrico (r.) und Timi (l.) stehen im Eingang ihres Kaffees in der Bötzowstraße.

Walter, der ehemalige Bürgerrechtler, sagt, der Polizist, der auf ihn zugestürmt war, habe ihm das Handy abgenommen und seinen Ausweis gefordert. Ein zweiter habe ihn gepackt und gegen die Wand gedrückt. Weil sein Ausweis im Büro lag, brachten ihn die Polizisten dort hin. Waffler, der Streetworker, sagt, auch zu ihm sei ein Polizist gekommen, habe ihn aufgefordert, zurückzutreten, er habe dem Beamten noch seinen Ausweis gegeben. Dann sei es schnell gegangen. Er wurde gepackt, fand sich am Boden wieder, die Hände auf dem Rücken, sah seine Brille vor sich, spürte Handschellen, einen Fuß auf der Schulter. Er sagte in Richtung Polizei: „Wir sind doch hier nicht in Amerika.“

Das Café Kahrmann’s Own

Der ehemalige Bürgerrechtler Walter sagt, er habe eine Weile mit den Polizisten im Büro diskutiert, es habe ihn an autoritäre DDR-Zeiten erinnert. „Als ich zurück zur Kreuzung kam, lag Dieter da noch.“ Zehn Minuten waren vergangen, schätzt er.

Zehn Minuten könne hinkommen, sagt Timi Shehi. Er steht vor dem Café auf der anderen Seite der Kreuzung, auch in der Bötzowstraße, das er seit Mitte April betreibt. Zusammen mit Enrico, seinem besten Freund. Es heißt „Kaffee Momente“. Von Timi oder Enrico, ganz klar wird es nicht, stammt das Video, auf dem man den Polizeieinsatz sieht. Am 24. März waren sie noch mit dem Umbau beschäftigt. Auch sie holte der Lärm aus der Pandemieruhe.

Ihr Café hieß bis Ende letzten Jahres „Kahrmann’s Own“ und gehörte dem Schauspieler Christian Kahrmann, Benny aus der Lindenstraße. Er habe auf Ebay-Kleinanzeigen entdeckt, dass neue Betreiber gesucht werden, sagt Timi. Die Vermieter seien erst skeptisch gewesen, als sie sich bewarben, weil sie erst 23 und 24 sind. Aber sie hätten schon immer von einem eigenen Café geträumt. Enrico sagt, er habe ewig „gearbeitet und gespart“, dank Jobs in der gehobenen Gastronomie, und die Corona-Zeit für einen Neustart genutzt. Timi sagt, er sei Boxer gewesen und Barista. Jetzt bäckt Enrico alle Kuchen selbst, stellt Aufstriche und Saucen für die Bagels her, die sie als Marktlücke im Viertel ausgemacht haben. Timi ist weiter Barista.

Als sie an die Kreuzung kamen, sahen sie den Radfahrer, der festgehalten wurde, und auch die beiden Männer, die sie bis zu diesem Moment nicht kannten, inzwischen aber auch Hans und Dieter nennen, wie alte Kiezfreunde. Man weiß immer noch nicht, warum der Einsatz eskaliert ist, aber man lernt schon mal, dass er Menschen an der Kreuzung zusammengebracht hat, trotz Pandemie. Hans habe höflich mit dem Ordnungsamt geredet, „er kann sich ja auch artikulieren“, sagt Timi als Augenzeuge. Dieter habe sich lauter eingemischt. Der Polizeieinsatz gegen die beiden habe überzogen gewirkt. Vor allem gegen Dieter, den Mann mit Bart. Er habe sich gefragt, ob das sein müsse, sagt Enrico: so viele Polizisten gegen einen alten Mann.

Laurenz Bostedt
Die Kreuzung Hufeland- und Bötzowstraße im Mai. An dieser Ecke eskalierte der Einsatz. 

Dieter Waffler sagt, er habe auf die Uhr gesehen, als er wieder aufstehen durfte, es war 17:20 Uhr. Seine Brille war kaputt. Die Polizei habe gefragt, ob er einen Notarzt brauche. Er habe abgelehnt und seinerseits nach einem Stift gefragt, weil er sich die Dienstnummern notieren wollte. Das gehe nicht, wegen Corona, hörte er.

Er lief zu Bötzowbuch, dem Laden neben Walters Büro. Die Inhaberin war da, Romy Weber, auch sie hatte den Lärm von der Ecke gehört, darunter die Stimme von Dieter, ihrem Stammkunden, sagt sie. Sie habe rausgeschaut, hatte aber Kunden. Sie beschreibt, was auch die anderen beschreiben: viel Ordnungsamt, ein Mann am Boden, auf dem Polizisten knieten.

Beleidigung von Polizisten

Dieter Waffler habe im Gesicht geblutet und nach einem Stift gefragt, mit den Worten: „Die geben mir keinen.“ Dieter sei eigentlich robust, sagt Romy Weber. Aber er habe fast geweint, als er so vor ihr stand. Sie schickte ihn mit Stift wieder nach draußen, weil er vor Aufregung keine Maske aufgesetzt hatte. Das Ordnungsamt und die Polizei waren ja überall.

Man würde gern mit Mitarbeitern von Ordnungsamt oder Polizei sprechen, die an der Kreuzung waren. Aber das geht nicht. Die Pressestelle der Berliner Polizei meldet sich wochenlang auf eine Anfrage nicht, dann ruft ein Sprecher an, verweist auf laufende Ermittlungen und eine Mitteilung von Ende März. In der steht, ein 61-Jähriger habe versucht, „Befragungen zu stören“ und einen Polizisten wegzudrängen. Gemeint ist Dieter Waffler, der bärtige Mann. Man habe ihn mehrfach aufgefordert, „den polizeilichen Maßnahmen fernzubleiben“. Er sei zu Boden gebracht worden und habe Polizisten noch beleidigt. Klingt, als sei Waffler ein Täter, kein Opfer. Dabei hört man ihn auf dem Video doch nur „Hilfe, Hilfe“, rufen. Solche kurzen Videosequenzen, die durchs Netz gingen, hätten eben keinen Vorspann und keinen Nachspann, sagt der Polizeisprecher.

Die Wahrheit um die Videoschnipsel

Sören Benn ist der Bezirksbürgermeister von Pankow und damit auch oberster Dienststellenleiter des Ordnungsamts. Er sagt am Telefon, er werde die Mitarbeiter nicht in die Öffentlichkeit oder „auf die politische Bühne zerren“, aber er kann allgemeine Auskünfte geben. Pankow habe 120 Ordnungsamtsmitarbeiter für 400.000 Einwohner. Davon seien 45 im „allgemeinen Ordnungsdienst“, 75 in der Parkraumkontrolle tätig. Die Mitarbeiter mussten in der Corona-Zeit viel leisten, der Bürgermeister nennt sie „die Prellböcke des Pandemiemanagements“. Überhaupt, die Pandemie, die Nerven lägen bei vielen blank. Ob das in der konkreten Situation einen Einfluss hatte, könne man aber nicht wissen.

Er habe sich die Videoschnipsel mehrfach angesehen, aber es seien eben nur Schnipsel. „Wir sehen nicht, was vorher war“, sagt Benn. Er habe den Stadtrat gebeten, den Vorfall im Amt auszuwerten, was dieser ihm zugesagt habe. Und: Er persönlich fände es angemessener, Radfahrer in Straßen zu kontrollieren, auf denen man ordentlich Rad fahren kann.

Benn ist bei den Linken, der Ordnungsstadtrat Daniel Krüger bei der AfD. Auch er hat sich die „Videoschnipsel“, er benutzt dasselbe Wort wie Benn, mehrfach angeguckt, sagt er am Telefon. Mit der Zeit fand er sie „immer unspektakulärer“.

13 mündliche Verwarnungen

Bürger beschwerten sich über Radfahrer auf Gehwegen, auch im Bötzowkiez habe es unschöne Zusammenstöße gegeben, erklärt Krüger. Das Amt werde je nach „Beschwerdeaufkommen“ aktiv. Er habe die Berichte aller neun Kolleginnen und Kollegen durchgesehen, die am 24. März im Schwerpunkteinsatz waren.

Er könne erklären, was nach Aussage der Mitarbeiter passiert sei: Der junge Mann mit der Wollmütze habe sich geweigert, zehn Euro Strafe zu zahlen und sich auszuweisen. Er habe mit seinem Rad wegfahren wollen. Die Kollegen hätten deshalb sein Rad und den Mann festgehalten und die Polizei gerufen. Der Mann habe einen Ordnungsamtsmitarbeiter „geboxt und am Unterarm verletzt“. Die Polizei sei nicht sofort eingetroffen, als der Mann sie gehört habe, habe er doch seine Personalien genannt. Die Vorgeschichte sei auf keinem Video zu sehen. Und auch die Passanten an der Kreuzung hätten sie womöglich nicht mitbekommen, vielleicht auch die beiden Männer nicht, die den Polizeieinsatz störten, sagt er.

Krüger ruft noch einmal mit Zahlen zum Einsatz zurück: Einsatzzeit 15 bis 17:20 Uhr, 13 mündliche Verwarnungen, 14 Gehwegradfahrer zahlten bar, sechs weitere erhielten die Aufforderung, zu überweisen, 14 Bürgergespräche, vier weitere Ordnungswidrigkeiten, darunter ein Verstoß gegen die Infektionsschutzverordnung.

Ist das Amt besonders streng, weil er in der AfD ist und für Ordnung nach seiner Vorstellung in Prenzlauer Berg sorgen will? „Das ist abwegig“, sagt Krüger. Er finde es selbst traurig, dass ein Zehn-Euro-Ordnungsgeld das alles verursacht habe.

Gegen Mitternacht kamen die Schmerzen beim Ein- und beim Ausatmen, sagt Dieter Waffler, der Mann mit dem Bart, der frühere Streetworker. Seine Hausärztin habe neben der Platzwunde am Kopf und einem Hämatom an der Schulter eine Rippenprellung bei ihm diagnostiziert. Die Polizei hat Strafanzeige gegen ihn gestellt, wegen „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und gleichstehende Personen“ und Beleidigung, auch er hat über seine Anwältin Strafanzeige stellen lassen. Der ehemalige Bürgerrechtler Hans-Conrad Walter ist unter anderem wegen Verleumdung, Beleidigung und übler Nachrede angezeigt worden, sein Anwalt halte das für eine „Retourkutsche der Polizei“, sagt er, und bemühe sich um Akteneinsicht.

Laurenz Bostedt
Hans-Conrad Walter in seinem Ladenbüro.

Die beiden sitzen Ende Mai wieder auf den weinroten Couches. Ein Hund aus einem Laden ein paar Häuser weiter hat sich dazugelegt. An der Ecke, an der alles passiert ist, gibt es ein neues Restaurant, Thai-Fusion, der Bürgersteig steht voller Tische, die dritte Welle der Pandemie ist vorbei.

War der Fall im Bötzowviertel ein Einzelfall?

Er habe als Bürger nicht weggeschaut, deshalb sei ihm das Ganze passiert, sagt Waffler, der Streetworker. Er klingt fast schon wie der Bürgerrechtler Walter. Der berichtet von einer Lastenradfahrerin, die am 24. März auch vom Ordnungsamt angegangen worden sei, sie habe ihm das abends erzählt, sich aber später nicht mehr gemeldet. Auch die Frau, die er zitternd und weinend vorfand, zu Beginn des Nachmittags, tauchte nie wieder auf. Die Zivilcourage im Kiez hatte er sich dann doch größer vorgestellt. Was sagen sie dazu, dass der junge Mann mit Mütze, der fest im Griff der Ordnungsamtsleute war, vorher jemanden geboxt haben soll? Sie lachen und fragen zurück: Ob man den schmalen Kerl mal gesehen habe?

Leider nicht, auf Anfragen hat er nicht reagiert. Man kann ihn nicht fragen, was passiert ist, bevor er festgehalten wurde und sich der halbe Kiez um ihn zu sorgen schien.

Ein anderer Bürger ist zu erreichen, möchte aber anonym bleiben. Er hat Zettel auf der Prenzlauer Allee ausgehängt, die einer Bezirksverordneten der Grünen in der BVV Pankow aufgefallen sind. Der Mann sucht Zeugen – wegen einer eskalierten Fahrradkontrolle des Ordnungsamts. An einer anderen Ecke in Prenzlauer Berg, aber ausgerechnet am Vorabend des 24. März.

Der Mann gibt zu, auf dem Gehweg gefahren zu sein. Dann beschreibt er das Verhalten der Ordnungsamtsmitarbeiter: Vier gegen einen, Tritte gegen sein Rad, sein Schienbein. Auch er sei angezeigt worden und habe Anzeige gestellt, aber keine Zeugen. Eine Passantin sei bedroht und weggeschickt worden, sagt er. Die Grünenpolitikerin, die seinen Aushang entdeckt hat, hält ihn für so glaubwürdig, dass die Fraktion eine weitere Akteneinsicht beim Ordnungsamt beantragt hat. Es geht jetzt auch um die Frage, ob der Vorfall im Bötzowviertel ein Einzelfall war.

Der Mann ohne Zeugen sagt, er habe auf dem Video, das Hans-Conrad Walter gemacht hat, zwei der vier Ordnungsamtsmitarbeiter wiedererkannt.

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