Tokyo - Als Kenichi Mishima in der vergangenen Woche hörte, wie ein hoher Politiker über die Absage von Olympia nachdachte, musste er schmunzeln. „Dieser Nikai, der das da ausgesprochen hat, ist ein alter Fuchs“, sagt Mishima mit einer Art abschätziger Anerkennung. Dann urteilt er in perfektem Deutsch, per Videocall von seinem Arbeitszimmer in Nagano aus: „Als Vorstoß ist seine Äußerung durchaus akzeptabel, sogar begrüßenswert.“ Denn es könnte ja sein, dass sich damit das anbahne, was Mishima selbst vor kurzem öffentlich gefordert hat. Und was immer mehr Menschen in Japan für eine sinnvolle Lösung halten. „Mal sehen, wie sich jetzt alles weiterentwickelt.“

Kenichi Mishima ist ein bedeutender Sozialphilosoph, hat unter anderem die deutschen Philosophen Nietzsche, Adorno und Habermas ins Japanische übersetzt. In den letzten Tagen aber ist er mit einer Aktion aufgefallen, die sich nicht nur an Hochgebildete richtete. Er hat einen Brief an die deutschsprachige Öffentlichkeit verfasst, in dem er zum Fernbleiben von den für diesen Sommer geplanten Olympischen Spielen in Tokio rät. „Kommen Sie bitte nicht nach Japan!“, steht in seinem Text, den am Ende 20 japanische Intellektuelle unterschrieben haben. Sein Gedanke: Würden erfolgreiche Sportnationen wie Deutschland, Österreich und die Schweiz keine Athleten schicken, dürften weitere Länder folgen. Und das wäre wohl das Aus für Olympia.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzt Zugang zu allen Online-Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio für nur 9,99 € im Monatsabo.

Jetzt abonnieren

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.