Saint-Rémy-de-Provence - Ein kleiner Junge auf dem Arm seiner Mutter spielt mit deren Perlenkette. Wir schreiben 1962, die Frau heißt Jacqueline Kennedy. Amerikas First Lady hatte die Perlen in einem Department Store erworben, für wenige Dollar – das dreireihige Collier war industriell gefertigter Modeschmuck auf Glasbasis, den die Präsidentengattin zu Kostüm oder Shiftkleid trug wie Tausende andere Amerikanerinnen auch. 

Dekorativer Alltagsschmuck von nur wenig Materialwert, der zwar geliebt, aber eher nicht vererbt wurde wie echte Juwelen. Im April 1996 dürfte sich das geändert haben. Damals schnellte genau diese Kette bei Sotheby’s von 700 Dollar Grundgebot hoch auf 211.500 Dollar (noch ohne Aufgeld, das in New York mit all seinen Extrasteuern besonders happig ausfällt). Natürlich hatte das mit der Provenienz zu tun, und doch: Die Sammlerwelt horchte auf. In der Folge erschienen immer mehr jener Stücke, die wir heute „Vintage Fashion Jewelry“ nennen, in Auktionskatalogen und später auf den Vintage-Websites.

In den USA wurde Modeschmuck zum entscheidenden Accessoire

Im Paris des 19. Jahrhunderts existierte ein ganzer Handwerkszweig, die sogenannten „Paruriers“, die aus Strass, Metall und Glas bezahlbare Geschmeide herstellten, die zwar schick waren, aber keine Großinvestition erforderten wie Kreationen der Juweliere Chaumet oder Cartier. Der stilistische Triumphzug von rein dekorativem Schmuck begann in der Belle Époque mit Modekünstlern wie Paul Poiret, wirklich gesellschaftsfähig wurde er aber erst in den 1920ern durch Gabrielle Chanel: Indem sie die Faux-Juwelen mit ihren Echtperlen und Smaragden mischte, entriss sie ihn dem Tingeltangel-Milieu.

Fortan stellte jeder Modeschöpfer zu seiner Couture die passenden Ketten, Broschen oder Armbänder her. Besonders in den USA wurde Modeschmuck zum entscheidenden Accessoire, dem i-Tüpfelchen jedes Looks. Außerdem garantierte er Umsatz und durch relativ kleine Preise die Verbreitung des Namens eines Modehauses. Doch Vintage-Fashion-Jewels, die es sich zu sammeln lohnt, müssen schon besondere Eigenschaften haben.

Foro: Christie’s New York
Diese Fimo-Vögel sind wahre Schätzchen: Am 29. Januar 2021 erzielte die Brosche aus Karl Lagerfelds Chanel-Studio bei Christie's New York ganze 30.000 US-Dollar. 

Man sollte sich von Zahlen nicht abschrecken lassen

Abgesehen von Stilikonen und/oder Weltstars als Erstbesitzerinnen sind es vor allem die Key-Pieces bestimmter Designer oder einer revolutionären Kollektion, deren Wert nun stetig steigt. Besonders die Kreationen von Yves Saint Laurent, Karl Lagerfeld für Chanel, John Galliano für Dior oder auch die Entwürfe Alexander McQueens verblüfften zuletzt mit Rekordergebnissen. Die Sammlungen von Iris Apfel, Loulou de la Falaise, Anna Piaggi oder Madeleine Albright waren nicht nur Museumsschauen wert; Einzelstücke daraus fanden auch zu Höchstpreisen neue Besitzer*innen.

Seit dem Ausbruch der Covid-Krise steigen die Preise stetig, denn dank digitaler Vollvernetzung bieten nun alerteste Sammler*innen aus Taiwan, China oder Südkorea mit. So erreichten Modejuwelen von Susan Gutfreund und Mrs. Henry Ford II bei diesjährigen Versteigerungen auch mal das Hundertfache ihrer einstigen Erstpreise. Und im Hamburger Auktionshaus Stahl wurde ein (zugegeben spektakulärer) Halsschmuck mit Swarovski-Steinen aus John Gallianos Dior-Ägide für knapp 13.000 Euro zugeschlagen. Passend opulente Ohrringe gab es für 4400 Euro.

Foto: Christie’s New York
Schnäppchen: Ebenfalls bei der „John & Susan Gutfreund Collection“-Auktion vom 29. Januar erzielten diese zwölf Zentimeter langen Chanel-Ohrclips 6.875 US-Dollar. 

Wer seine Sammlung jetzt beginnen will, sollte sich von solchen Zahlen nicht abschrecken lassen. Gerade bei global weniger geläufigen Designern lässt sich durchaus noch ein Schnäppchen machen: Christian Lacroix' Statement-Broschen aus den 1980ern, Jean Paul Gaultiers Ketten oder kreativer Chanel-Schmuck der Ära Lagerfeld ebenso wie die hervorragend gearbeiteten Kreationen des Amerikaners Kenneth Jay Lane lohnen eigentlich immer ein Investment.

Und wer sagt, dass monetäre Wertsteigerung alles ist? Auch das eigene Image profitiert von diesem Sammelgebiet. Als Karl Lagerfeld für seine Chanel-Kampagne 1991 Linda Evangelista im grauen Joggingsuit mit Kaskaden von Modeschmuck fotografierte, konnte es noch niemand ahnen: Wer heute beim Zoom-Meeting zum simplen Sweatshirt eine opulente Vintage-Brosche oder -Kette trägt, hat schon gewonnen.


PETER KEMPE sah seine ersten Modeschauen mit 16, später arbeitete er als Modeeinkäufer. Ab 2000 führte er mit seinem Partner Thomas Kuball den Hamburger Concept-Store Kuball & Kempe, der 2016 samt den Inhabern nach Saint-Rémy-de-Provence umzog. Kempe kuratiert seit Jahren Ausstellungen, Publikationen und Auktionen mit Vintage-Design aus dem Luxusbereich. Modehäuser wie Museen beneiden ihn um sein Privatarchiv zur Mode der 1970er bis 1990er Jahre.  


Diese Kolumne ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.