Uckermark/Berlin - Es gibt eine Übung, die ich mache, um meinen Verstand wach zu halten. Ich lasse meine Gedanken zu jenen Pflanzenarten schweifen, die ich eigentlich überhaupt nicht mag. Dann überlege ich mir Kombinationen oder Standorte, an denen sie mir dennoch gefallen könnten. So trainiere ich meine Vorstellungskraft und erweitere nebenbei meinen Geschmacksradius. Denn ganz ehrlich: Kaum etwas finde ich furchtbarer, als wenn jemand stolz und selbstgewiss über seine Vorlieben und Abneigungen schwadroniert.

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So jemand glaubt oft, deutliche Urteile zeugten von einem besonders guten, hochentwickelten Geschmack. Für mich aber zeigt sich darin bloß die blanke Fantasielosigkeit. Geschmack bedeutet doch nicht, etwas dezidiert nicht zu mögen oder eben etwas sehr zu mögen. Wer echten Geschmack hat, kann das größere Ganze verstehen und dadurch Kombinationen finden, die dann doch gefallen.

Mein Vorschlag für den Sonnenhut? Unter Gräsern verstecken

Starten wir also mit meinem größten pet hate (so nennt man in England alles, über das man sich gerne aufregt), nämlich die meistverkaufte Pflanze aller Zeiten: eine spezielle Sorte des Sonnenhuts, die Rudbeckia fulgida „Goldsturm“. Ich kann diese Pflanze im Garten nicht ausstehen; sei es, weil sie seit Jahrzehnten in jedem Baumarkt zu Hunderten herumsteht oder weil mir die Kombination aus Schwarz und Gelb (außer bei der Post) ganz grundsätzlich nicht gefällt. Schon oft habe ich es mit dem Sonnenhut versucht – spätestens wenn die Pflanze blüht, reiße ich sie doch immer wieder aus.

Einmal aber verbannte ich die ungeliebte Pflanze danach in eine feuchte Ecke. Dort pflanzte ich sie zwischen eine Sorte der hochwachsenden Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa „Goldschleier“). Der Name dieses Grases ist Programm, und siehe da: Gefiltert durch dessen dichten Blütenschleier gefielen mir die sonst so verhassten gelb-schwarzen Sternblüten des Sonnenhuts auf einmal viel besser. Entzückt von meiner Entdeckung veröffentlichte ich gleich ein Foto davon bei Instagram und beschrieb mein unverhofftes Glück.

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Der Schleier der Rasen-Schmiele (Mitte) legt sich sanft über Blumen in allzu knalligen Farben.

James Holden, ein Gartenfreund, reagierte prompt mit einem trockenen Kommentar: „I like it best when dead, in winter“ – „Mir gefällt er am besten tot, im Winter“. He has a point, und ein bisschen ärgere ich mich, dass ich nicht selbst darauf gekommen war: Zu Kohlenrabenschwärze vertrocknet ist der Leuchtende Sonnenhut „Goldsturm“ erst so richtig schön. Wenn man denn ein Herz für winterliche Samenstände hat.

Die von mir zufällig entdeckte Pflanzkombi führt ebenfalls zu erstaunlichen Resultaten, solange genug Platz dafür vorhanden ist: eine Mischung des Sonnenhuts mit bronze- und goldfarbenen Gräsern wie der genannten Rasen-Schmiele „Goldschleier“, dem Reitgras der Sorte „Karl Foerster“ (Calamagrostis x acutiflora „Karl Foerster“) und einem speziellen Hohen Pfeifengras (Molinia arundinacea „Transparent“). Dazu kann man weitere Stauden in schönen, starken Farben setzen, zum Beispiel verschiedene Sorten der Sonnenbraut wie Helenium Hybride „El Dorado“ oder Helenium x cultorum „Sahin’s Early Flowerer“. Allerdings müsste es schon ein ganzes Feld sein, damit das funktioniert, eine Fläche von mindestens zehn mal zehn Metern.

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Die Japanische Zierquitte wird viel zu oft mit anderen krachbunten Blumen kombiniert.

Und weiter mit meiner selbstquälerischen Gedankenübung– zu einer Pflanze, die ich sogar noch weniger mag als den Sonnenhut: die Japanische Zierquitte (Chaenomeles japonica). Hier in der Uckermark scheint sie im Frühling vor jedem Haus purpurrot zu blühen. Vor allem vor jenen Häusern, die von ihren Besitzerinnen und Besitzern in einer grellbunten Farbe angestrichen wurden. Dazu gesellen sich dann gern noch Forsythien (Forsythia x intermedia) in Quietschgelb und andere Knallbonbons in Pflanzengestalt. „Hauptsache bunt“, das scheint vielen Menschen eben noch immer der höchste Ausdruck von Ästhetik zu sein.

So ganz kann ich mir meine harten Gefühle gegenüber der Japanischen Zierquitte selbst nicht erklären. Auf der Website galasearch.de, der „Pflanzendatenbank der Gartenarchitektur“, habe ich während meiner Recherche aber folgende Worte gefunden, die meine Abneigung erklären könnten: „Chaenomeles japonica ist in ihrer Wirkung stark durch die häufige Verwendung in anspruchslosen Grünanlagen belastet und daher nur mit viel Kreativität in gartenarchitektonisch anspruchsvolle Konzepte integrierbar.“

Mein Standort für die Japanische Zierquitte? Ganz weit weg

Aha! Es liegt also doch nicht allein an mir, es scheint da eine Vorgeschichte zu geben, die meine Abneigung logisch erklären könnte. Als passender Standort für die Japanische Zierquitte fällt mir jedenfalls nur einer ein: ganz, ganz weit weg.

Was außerdem auf wenig Begeisterung bei mir trifft: ein weißes Beet, also, in dem ausschließlich Pflanzen stehen, die weiß blühen und/oder silbriges Laub haben. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel, etwa wenn eine solche reinweiße Bepflanzung ganz individuelle, ja sensorische Gründe hat. Ein Beispiel hierfür wäre ein Beet, das ich mal im Süden Italiens gesehen habe. Dort hatte die Gärtnerin die Farbe von Eis und Schnee für die Bepflanzung gewählt, damit man beim Blick darauf auch an unerträglich heißen Sommernachmittagen ein wenig Frische verspürt. Sehr clever, denn es hat tatsächlich funktioniert.

Erträglich finde ich weiße Beete auch, wenn sie gewissermaßen auf das poetische Element im Leben anspielen. So zum Beispiel bei der Urmutter aller weißen Bepflanzungen, dem White Garden in Sissinghurst. Tausendfach kopiert wurde dieses Kleinod – dabei wissen nur die wenigsten um seine Entstehungsgeschichte.

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Der Sonnenhut verkauft sich bestens, so gruselig die Kombination aus Gelb und Schwarz auch ist.

Wer Sissinghurst Castle, einen historischen Landsitz in der englischen Grafschaft Kent, je besucht hat, dem sind sicher die vielen verschiedenen Gebäude aufgefallen, aus denen die Anlage besteht. Ein Turm diente der Schriftstellerin Vita Sackville-West, einer berühmten langjährigen Bewohnerin des Castle, als Platz zum Schreiben, ein Gartenhaus wiederum ihrem Mann zum Arbeiten, und in einem kleinen Haus schliefen die Söhne.

Wenn die Familie nach dem gemeinsamen Abendessen zurück zu ihren Wohnquartieren wollte, durchquerte sie in der Dämmerung den Garten. Dabei fiel Vita Sackville-West auf, dass nur die weißen Blüten sichtbar waren und bei Mondlicht sogar schöner leuchteten als bei Tage. Da dieser Teil des Gartens sonst eigentlich nicht genutzt wurde, kam sie auf die Idee, ihn vollständig mit weißen Pflanzen zu gestalten. Das nenne ich mal eine gelungene Vereinigung von Praktischem und Poetischem!

Ich selbst habe in meinem eigenen Garten übrigens auch einen Bereich, wo alles weiß blüht. Noch stärker als jede snobistische Abneigung ist wohl doch meine Liebe zur hinduistischen Offenheit für Widerspruch. Sich vehement für eine Sache einzusetzen, um dann mitunter genau das Gegenteil zu tun – das kann ein Handeln sein, das nicht nur das Gehirn trainiert, sondern auch ermüdete Lebensgeister weckt.


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