Berlin - Noch immer bleiben die Kinos zugesperrt. Und keine Rettung scheint in Sicht zu sein. Der Zwangsentzug betrifft ja nicht nur die zu einer riesigen Bugwelle angeschwollenen, immer weiter im Kalender nach hinten verschobenen Filmstarts. Auch die Leinwand-Wiederbegegnung mit Klassikern bleibt verwehrt. 

Doch immerhin zehrt das Filmerbe vom Vorzug seiner Kontinuität. Es steht unangefochten gegenüber dem sich ständig selbst verschlingenden Zeitgeist. Wer sich in die Tiefen der Kinematografie vergraben möchte, kann dies momentan vielleicht sogar besser tun als in „normalen Zeiten“ – wenn auch nur auf dem Monitor. Der vor 20 Jahren in Berlin gegründete Video-Anbieter „absolut Medien“ hat von jeher die Fahne des frühen Kinos hochgehalten. Derzeit befinden sich mehr als 30 abendfüllende Programme aus der filmischen Frühzeit im Portfolio. Davon kommen nun über Ostern einige Beispiele als Stream frei ins Haus.

In Ruhe sterben

„Das alte Gesetz“ von Ewald A. Dupont (1923) ist einer der raren, explizit jüdischen Filme aus der Weimarer Zeit. Zwar gab es zahlreiche Filmschaffende mit jüdischem Hintergrund. In der Mehrzahl vermieden diese jedoch, sich damit thematisch zu exponieren. Nicht zufällig ist „Das alte Gesetz“ selbst ein Märchen von der ersehnten Assimilation, eine Parabel auf die Versöhnung des Ostjudentums mit der europäischen Moderne.

Baruch, der Sohn eines galizischen Rabbiners, erliegt der Verlockung der großen weiten Welt, verlässt die Enge des Schtetls und zieht sich dadurch den Fluch des Vaters zu. Als dieser aber am Wiener Burgtheater seinen umjubelten Sohn in einer Hauptrolle erlebt, zieht er den Fluch zurück und kann in Ruhe sterben.

„Manchmal muss gelogen werden“

Ebenfalls 1923 kam „Das Wachsfigurenkabinett“ von Paul Leni in die deutschen Kinos. Der in drei Kapitel eingeteilte Episodenfilm erzählt von einem jungen Poeten, der auf der Suche nach Liebe mehrere Prüfungen durchlaufen muss. Nachdem er ausgiebig durch gemalte Dekors und schiefe Kulissen getaumelt ist, dabei etwa auf Iwan den Schrecklichen und Jack the Ripper trifft, findet er doch noch die Frau seiner Wünsche.

In gewissem Sinne ist auch der dritte Film des Oster-Angebots ein Märchen. „Nanuk, der Eskimo“ (1921) von Robert Flaherty gilt als bahnbrechendes Werk des Dokumentarfilms. Doch längst ist bekannt, dass viele seiner Szenen inszeniert wurden. Ja, nicht einmal der Name des arktischen Helden war echt: „Nanuk“ hieß eigentlich „Allakariallak“. Seine Frau war gar nicht seine Frau und die Harpunen waren schon lange gegen Gewehre ausgetauscht worden.

Angesprochen auf diese Unstimmigkeiten entgegnete Flaherty unbekümmert: „Manchmal muss gelogen werden.“ Er liefert damit posthum einen interessanten Kommentar zur aktuellen Diskussionen über mediale Manipulationen. Davon abgesehen: Wie wunderbar, dass wir seinen Film heute noch sehen können! Nichts von dem, was in ihm abgebildet wurde, gibt es noch. Sogar das ewige Eis seiner Naturkulisse schmilzt dahin.

Die Streams gibt es im Internet unter: https://www.absolutmedien.de/

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.