Der „Tatort“ am Neujahrsabend ist Tradition, so wie die Weihnachtsfeier dieser Stuttgarter Versicherung. Kurz vor Mitternacht verschwimmen die Grenzen. Der Chef (Oliver Wnuk) flirtet mit einer Angestellten (Ursina Lardi) im Büro, bittet um ein „Gute-Nacht-Küsschen“. Was danach geschieht, hat ein Kollege heimlich mit dem Handy gefilmt – und der liegt am nächsten Morgen tot im Foyer. Lannert und Bootz (Richy Müller und Felix Klare) erfahren: Der Tote hatte mit der Kollegin um einen Top-Job konkurriert, der Chef sollte entscheiden.

Normalerweise ist im Krimi ein Video ein klarer Beweis. Doch hier schauen sich Ermittler wie Zuschauer wieder und wieder die wenigen Sekunden an – und werden immer ratloser. War das ein Ausrutscher unter Alkohol, der nie hätte passieren dürfen, wie der Chef zerknirscht zugibt. Oder war es eine Vergewaltigung, wie die Untergebene behauptet. Doch körperliche Gewalt ist nicht zu erkennen, verbale Gewalt auf dem Video nicht zu hören. Es entwickelt sich ein hartes Duell um die Deutung. „Ich häng dich dran!“ droht sie ihm. „Nein, ich häng dich dran!“ droht er zurück.

Auf den Spuren von Sharon Stone

Wie der „Tatort“ aus Stuttgart, sonst eher für Action bekannt, mit den Perspektiven spielt, das ist sehr stimmig und gekonnt in Szene gesetzt. Beide Kommissare spiegeln sich in den Bildschirmen, Versionen werden visualisiert. Regisseur Rudi Gaul, der zusammen mit Katharina Adler auch das clevere Drehbuch geschrieben hat, gibt den Kinofans eine Anspielung, die Hinweis oder Irrweg sein kann. Denn die Frau heißt mit Nachnamen Tramell – so wie die Femme Fatale im Erotik-Thriller „Basic Instinct“. Auch die Stuttgarterin Kim Tramell, blond wie ihr Vorbild, spielt mit dem Kommissar – wenn auch nicht so provokant wie weiland Sharon Stone mit Michael Douglas. Doch sie repariert Lannert erst seinen Oldtimer-Porsche, dann bietet sie an, ihm den maladen Rücken einzucremen. Blickt er deshalb anders auf das Video?

Nicht nur dramaturgisch und visuell, sondern auch schauspielerisch ist das Niveau hoch. Ursina Lardi spielt vielschichtig eine alleinerziehende Mutter und hart arbeitende Aufsteigerin, die alles sein könnte: von der eiskalt kalkulierenden Verleumderin bis zum Vergewaltigungsopfer. Dieser „Tatort: Videobeweis“ klagt nicht an, sondern provoziert den Disput. Klar ist schon vor dem Ende: Hier kann es nur Verlierer geben.

Wertung: 5 von 5 Punkte

Tatort: Videobeweis, Sa, 1.1., 20.15 Uhr, ARD

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.