Berlin - Im Hochsommer 2020, knapp ein halbes Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie, sprach die israelische Soziologin Eva Illouz im Interview mit der Berliner Zeitung über die Proteste, die kurz zuvor in Israel ausgebrochen waren. Illouz hatte sich als scharfe Kritikerin der Corona-Maßnahmen und der damit verbundenen Eingriffe in die Grundrechte in Israel hervorgetan. 

Sie begründete die Protestwelle mit einem Vertrauensverlust der Israelis in die Führung. Netanjahu, so Illouz, habe den Ausnahmezustand in der Corona-Krise ausgenutzt, um die Justiz lahmzulegen und seinen Gerichtsprozess hinauszuschieben. Er ist wegen Korruption in drei Fällen angeklagt: Es geht dabei unter anderem um Beeinflussung von Medien und Luxusgeschenke befreundeter Geschäftsleute für politische Gefälligkeiten. Der Prozess wurde aufgeschoben, Zeugenbefragungen beginnen am 5. April.

Rückkehr zur Normalität

In dieser außergewöhnlichen Lage waren die Israelis nun am Dienstag aufgefordert, ein neues Kabinett zu wählen – innerhalb von nur zwei Jahren schon zum vierten Mal in Folge. In Umfragen hatten Netanjahu und seine rechtskonservative Likud-Partei bislang vorn gelegen.

Doch die politische Landkarte hat sich verschoben. Netanjahu hat mit neuen Rivalen zu kämpfen. Zwei seiner Herausforderer auf den Premier-Posten – Netanjahus ehemaliger Innenminister Gideon Sa’ar und der Hardliner Naftali Bennett – kommen von Rechtsaußen. Aus Sicht vieler linksliberaler Israelis lassen diese Opponenten Netanjahu plötzlich als „kleineres Übel“ erscheinen.

Wie die Wahlergebnisse zeigen, scheint Netanjahus Strategie aufzugehen. Wenngleich sich die Koalitionsverhandlungen voraussichtlich über Wochen hinziehen werden, hat er die Israelis überzeugen können, dass er die Krisensituation fest im Griff hat. Israels Impfstrategie war dafür ein zentraler Erfolgsgarant. Der Premier hatte immer wieder versprochen, pünktlich zur Wahl so viele Israelis gegen das Coronavirus wie möglich zu impfen, um so eine Rückkehr zur Normalität zu ermöglichen.

Und er hielt sein Versprechen: Wären Israel und Deutschland in ihren Impfstrategien zwei wettkämpfende Sprinter – Israel wäre schon in der dritten Laufbahnrunde, während Deutschland sich gerade noch unbeholfen die Schnürsenkel zubände. Israel, eins der Länder, die zu Beginn der Pandemie eine der weltweit höchsten Infektions- und Todesraten hatten, gilt heute als beispiellose Impfnation.

Viele widersetzen sich den Empfehlungen

Über die Hälfte der israelischen Bevölkerung ist geimpft. Dass sich das Neun-Millionen-Einwohner-Land so schnell so große Mengen an Impfstoff sichern konnte, hat mit Sonderkonditionen zu tun, die das Land in exklusiven Verträgen mit Vakzin-Herstellern aushandelte. Israel zahlte etwa für jede Impfstoffdosis des Biontech/Pfizer-Impfstoffs fast doppelt so viel wie die EU. Zudem übernahm der Staat – anders als die EU – die Produkthaftung selbst.

Der unbürokratische und effektive Impfansatz in Israel senkte die Zahl der Krankenhausaufenthalte dramatisch. Nach vollständiger Impfung erhalten Israelis den „Green Pass“: einen digitalen Impfpass, mit dem sie wieder in Fitnessstudios, Bars und Restaurants können. Für den Großteil des Landes stellte sich tatsächlich wieder eine Art Alltag ein: Open-Air-Partys in Tel Aviv, Regelbetrieb in Schulen, Drinks am Strand.

Gleichzeitig steht Israel mit seiner Impfstrategie auch in der Kritik. Etwa, weil das Land zusagte, überschüssige Impfstoffe an Verbündete wie Tschechien oder Honduras zu schicken, während Palästinenser unter israelischer Besatzung noch auf Impfstoffe warten. Das Jahr 2020 verstärkte zudem auch die Spannungen zwischen säkularen und religiösen Gemeinden. So berichtete etwa Eva Illouz, dass, als säkulare Schulen noch geschlossen und selbst Yogastunden im Freien verboten waren, orthodoxen Gemeinden erlaubt wurde, Yeshivas zu öffnen. Orthodoxe, so Illouz, seien in der Krise bevorteilt worden. Und das, obwohl sich viele von ihnen den Empfehlungen des israelischen Gesundheitsministeriums widersetzten.

Wie könnte es in Berlin bald werden?

Nach der Wahl wirkt die politische Mitte in Israel wie implodiert. Die politischen Lager sind gespaltener denn je. Damit eine Koalition zustande kommt, wird sich Netanjahu nicht nur mit seinen Rivalen arrangieren müssen, sondern auch mit den arabischen und orthodoxen Parteien. Es wäre eine Quadratur des Kreises, die schon jetzt Spekulationen weckt, ob in Israel nicht schon bald die fünfte Wahl in Folge ansteht.

Wie Tel Aviv mit der neuen Normalität umgeht – eine Normalität, die auch einen Vorblick darauf bedeutet, wie es bald hier in Berlin aussehen könnte – und was dies für den israelischen Kultursektor bedeutet, hat der israelische Journalist und DJ Niv Hadas für die Berliner Zeitung aufgeschrieben. Hadas arbeitet für die israelische Tageszeitung Haaretz.

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Der Scherbenhaufen der israelischen Kultur (Niv Hadas)

Letztes Wochenende war das erste Wochenende unseres restlichen Lebens. Cafés, Bars und Restaurants, Galerien, Museen und Theater, Kinos und Konzertsäle – all diese Orte wurden endlich wieder zugänglich gemacht. All das nach einem Jahr harter Lockdowns, das in der israelischen Gesellschaft mentale, soziale und wirtschaftliche Opfer forderte. Die gute Nachricht: Die Zahlen weisen schon jetzt schon darauf hin, dass die Impfstoffe wirken. 56 Prozent der Israelis sind geimpft, die Ansteckungsrate sank im März rapide, derzeit liegt sie bei 1,7 Prozent. Es ist ein Lichtblick am sonst eher dunklen Horizont.

Andererseits ist Israel ein Land, das täglich mit Elektroschocks aufgerüttelt werden müsste, um in eine Art Gleichgewicht zu kommen. Eine Teilschuld an der Schieflage trägt die Netanjahu-Regierung, die sich schamlos von den ultraorthodoxen Fraktionen im Land manipulieren lässt. Von diesen orthodoxen Wählern und ihren zwei orthodoxen Parteien, Shas und Vereinigtes Thora-Judentum, wird es abhängen, ob eine Koalition mit Netanjahu an der Spitze der Likud-Partei zustande kommen kann. Von Leuten, die die Anweisungen des Gesundheitsministers – etwa zur Ausrichtung großer Feste – fast durchgehend missachteten. Dieser Umstand betrifft uns alle.

Auf den hermetischen Lockdown, nach dem vor knapp einem Jahr das Coronavirus für die Israelis kurzzeitig als überwunden galt, folgte eine verantwortungslose Öffnung des Wirtschafts- und Bildungssystems, die Israel eine weltweit unerreichte Ansteckungsrate bescherte. An diesem verantwortungslosen Vorgehen hat sich bis heute nichts geändert.

Mehr als die Hälfte der Israelis sind zwar geimpft, aber das ist noch nicht genug, um Herdenimmunität zu erreichen. Noch immer ist Vorsicht geboten. Momentan wirkt es, als hätten wir Israelis rein gar nichts gelernt. Als hätten wir die 6000 Corona-Toten völlig vergessen – eine Zahl, die doppelt so hoch ist wie die der israelischen Opfer nach dem Yom-Kippur-Krieg.

Musikshows sind fast alle im Vornherein ausverkauft

Ich konnte die ungebrochene Risikobereitschaft der Israelis selbst beobachten, als ich kürzlich in der K-Bar in Tel Aviv auflegte. Die Besucher schienen sich um das Einhalten der Regeln genauso wenig zu scheren wie die Sicherheitsleute. Es war, als hätten wir das Jahr 2020 schlicht von unserer Festplatte gelöscht.

Niemand überprüfte Impfpässe am Bareingang, nicht eine Sicherheitsmaßnahme wurde eingehalten. Der kleine Raum explodierte förmlich. An den Toiletten standen, wie schon vor Corona, reihenweise Grüppchen an. Auf dem winzigen Dancefloor tanzten unzählige Leute. Es war alles wie immer – bis auf die zusätzlichen vier Kilo Lockdown-Bauch, die jeder einzelne Partygänger jetzt mit sich herumschleppte. Kein Wunder, immerhin haben wir im letzten Jahr alle gelernt, wie man unwiderstehliches Sauerteigbrot backt.

Einen Steinwurf von der Bar, auf dem Rothschild-Boulevard, war es nicht anders. Menschenmassen aus dem ganzen Land feierten ausgelassen. Es war so, als hätten wir die israelische Unabhängigkeit neu ausgerufen. In Tel Avivs Restaurants ist es derzeit nahezu unmöglich, einen freien Platz zu bekommen. Musikshows sind fast alle im Vornherein ausverkauft, ganz egal ob sie gut sind oder schlecht. In Kinos kann man aktuelle Filme sehen. Auf den ersten Blick scheint es, als hätte sich die Kultur komplett erholt.

Improvisation ist an der Tagesordnung 

Doch das Klischee vom unbekümmerten Israel ist mit Vorsicht zu genießen. Denn die Kultur in Israel war im Jahr 2020 im Sterben begriffen. Die Regierung hatte sie auf der Prioritätenliste an unterste Stelle gesetzt. Kultur wurde nicht als systemrelevantes Bedürfnis angesehen, sondern als nebensächliches Luxusgut für Privilegierte. Die Bedeutung von Jeschiwas und Gebetshäusern hingegen wurde an vorderste Stelle geschoben. Nicht ein einziger Politiker, einschließlich des Kulturministers Hili Tropper, wollte der Kulturindustrie im Krisenjahr 2020 beistehen. Finanzielle Unterstützung gab es kaum.

Mehr noch, die Politik zwang die 300.000 Israelis, die von der Kultur leben, zu Improvisation und geheimen Guerilla-Methoden: zu illegalen Musik-Events in Innenhöfen, Ausstellungen im öffentlichen Raum, Orchesteraktionen, die auf die Straße verlegt wurden. Dazu gab es unzählige peinliche Stand-up-Performances via Zoom und geheime Raves, irgendwo in den Wüsten Israels.

Sagen wir, wie es ist: Die Kultur in Israel verkümmert. Sie sehnt sich nach einem Minister, der sie mit Inbrunst verteidigt. Das 200-Millionen-Shekel Hilfspaket (ca. 50 Millionen Euro), auf das Tropper sich im Juni 2020 mit dem Finanzminister Israel Katz einigte, war nicht nur zu klein – es kam auch zu spät. Zudem wurden all jene Improvisationskünstler im Kulturbetrieb, die um ihr Überleben kämpften, als freidrehende Gesetzesbrecher, Anarchisten und Superspreader abgestempelt.

Die Clubs sind weiterhin geschlossen

Mit Blick auf den Scherbenhaufen namens Kulturindustrie frage ich mich: Warum wurden keine Musikfestivals in der Wüste genehmigt? Warum hat sich die Netanjahu-Regierung auf solche Ideen nicht eingelassen? Gute Sicherheitskonzepte lagen ja vor! Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Fragen zu beantworten. Die erste: weil es der Politik schlicht an Vorstellungskraft, Motivation und Mut mangelte. Die zweite: weil die Politik dem allgegenwärtigen Corona-Kummer verfallen ist. Die dritte: weil die Netanjahu-Regierung schlicht Angst hat, Kulturschaffende könnten bei Kulturevents das Mikrofon an sich reißen und gegen ihre miserable Behandlung protestieren.

Im Gegensatz zu einer Stadt wie Berlin, wo Künstler und Kulturschaffende unbürokratische Soforthilfen erhielten und wo Kultur-Hilfsprogramme in Milliardenhöhe ausgeschüttet wurden – Beträge, die, wenn man die Bevölkerung Deutschlands und Israels vergleicht, noch immer sehr viel größer sind –, waren Israels Kulturschaffende auf sich allein gestellt. In Berlin hat die Kultur Fürsprecher in höheren Ämtern, die teils kreative Lösungen ermöglichen: etwa, einen Club wie das Berghain in eine Kunstgalerie zu verwandeln.

Überhaupt, die Clubs: Sie sind derzeit die letzten geschlossenen Kulturräume in Israel und noch immer schlecht dran. Ich frage mich ernsthaft: Wie kann es sein, dass Menschen auf einer Hochzeit – oder zum Ritual einer Beschneidung – legal in einem Ballsaal tanzen können – aber das Tanzen zum Sound elektronischer Musik in einem schummrigen Club ist verboten?

Israel, nicht Iran

Die Antwort liegt natürlich auf der Hand: Die Existenz von Nachtclubs stellt die israelische Regierung a priori infrage. Schließlich handelt es sich um Räume, wo Hedonismus, Sex, Pluralismus und Freiheit gelebt und zelebriert werden. Orte, wo nicht das zionistische Ethos gilt, sondern die individuelle Freiheit. Gerade deshalb sind Clubs eine Zielscheibe der Regierung und routinemäßig der Polizei.

Für die Verwaltung ist das Tel Aviver Nachtleben nur für eine Sache gut: für politische Rhetorik und Propaganda, um Israel in der Welt als fortschrittlichen Staat zu verkaufen. Nicht etwa – Gott bewahre! – als Staat, der ein anderes Land besetzt. Diese Logik, glauben Sie mir, wird sich fortsetzen: Selbst wenn es bis Juni keine Lösung für die Clubs gibt: Für die Pride Parade wird es sicher eine geben. Immerhin würde es Netanjahu sonst schwerfallen, in Interviews mit ausländischen Medien zu sagen: „Wir sind hier nicht in Iran.“

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.