Ob Karneval, Fastnacht oder Fasching – alle paar Jahre muss sich ein „Tatort“-Team durch das sogenannte närrische Treiben kämpfen, bei dem sich die Täter gern hinter einer Maske verstecken. 2020 versackte das Schwarzwald-Duo  ganz tief in der alemannischen Fasnet. Masken werden beim Münchner Fasching nicht getragen – auch die Corona-Maskierung wird hier ausgelassen.

Während Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) schwer genervt ist vom alkoholisierten Gelärme, hat sich Kollege Batic (Miroslav Nemec) als Pilot verkleidet und schleppt zwei angeschickerte Bienen an – die Damen sind tatsächlich als Biene Maja kostümiert. Noch im Kostüm muss Batic einen Tatort besichtigen: Ein älterer Mann liegt tot auf der Treppe. Kurz zuvor hatte er in einer Faschingskneipe mit einem Rotkäppchen gestritten. Die Frau wird gespielt von Nina Proll, und sofort ist klar, dass sie hier nicht nur als Zeugin am Rande auftritt.

Gratwanderung zwischen ganz oben und ganz unten

Das Rotkäppchen namens Silke war mal eine gefeierte Faschingsprinzessin – doch ihr Leben war zuletzt kein Märchen, sondern eher ein Albtraum. Seit all ihre großspurigen Geschäftsideen gefloppt sind und sie aus ihrer Wohnung geflogen ist, sammelt sie ihre Habseligkeiten in einem alten Kleinwagen. Mit ihrem Ex streitet sie um das Sorgerecht für ihren Sohn. Schon das Verkleiden beim Fasching ist für sie jedes Mal ein Ausbruch aus der Realität – und sie steigt noch in eine glanzvollere Rolle ein. Denn mit dem unverhofft entdeckten Schwarzgeld des Opfers lebt Silke wieder auf: Sie zieht ins Luxushotel, mimt den Star und kann mit ein paar coolen Sprüchen von Steve Jobs selbst Kommissar Batic beeindrucken.

Aus der Konstellation mit einer charismatischen Hochstaplerin hätte sich eine Kriminalkomödie entwickeln lassen und die Frage, ob Rotkäppchen Silke die Gangster, die sie und ihre Beute jagen, wirklich austricksen kann, hält die Spannung auch bis zum Finale hoch. Der Grundton bei diesem Münchner „Kehraus“, von Regisseurin Christine Hartmann stimmig in Szene gesetzt, aber ist von Beginn an melancholisch – und mit wieviel Wucht Nina Proll diese tragikomische Gratwanderung zwischen ganz oben und ganz unten, zwischen Rausch und Verzweiflung, spielt, das ist ein Auftritt, den man so schnell nicht vergessen wird.

Wertung: 4 von 5

Tatort: Kehraus, So, 27.2., 20.15, ARD

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