Berlin - Sanfte Gemüter sollten diesen Text vielleicht überspringen: Denn ohne eine Beschreibung der Gewalt, die die US-Sklaverei durchzieht wie frisch von der Plantage gepflückter Baumwollstoff einen Pullover, kommt er genauso wenig aus wie die Serie, von der er handelt. Anders als „Harriet“ (2019), im Vergleich zu „The Underground Railroad“ ein geradezu disneyeskes Wohlfühldrama, ist diese Serie des „Moonlight“-Machers Berry Jenkins eine düstere Charakterstudie über das wohl dunkelste Kapitel der amerikanischen Geschichte. Beide behandeln im engeren Sinn den Underground Railroad: ein historisch belegtes Schleusernetzwerk, das Sklaven Mitte des 19. Jahrhunderts aus für sie tödlichen Südstaaten in den sicheren Norden der USA verhalf.

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Die Protagonistin der Serie, Cora, wird in Unfreiheit auf einer Plantage in Georgia geboren und von einem Vertrauten namens Caesar zur Flucht gedrängt. Caesar liest Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ und überzeugt Cora vom Ausbruch aus der Gefangenschaft. Auf dem Weg durch die Südstaaten erlebt Cora Erschütterndes: Ganze Straßenzüge voll gehängter Schwarzer; ein Lynch im Namen Gottes vor weißen Gläubigen; eine Vergewaltigung, bei der der Plantagenbesitzer selbst lediglich zusieht – seine Herrschaft manifestiert sich nicht durch Sex, sondern durch seinen kalten, berechnenden Blick. 

Ist die Darstellung von Gewalt selbst gewaltvoll?

Birgt das Betrachten von Gewalt, selbst in fiktionaler Form, ein Moment voyeuristischer Komplizenschaft? Sprich, ist ihre Darstellung in sich gewaltvoll? Solche Fragen werden in der Kunst inzwischen öfter gestellt – die Debatte um Dana Schutz’ 2017 im Whitney-Museum ausgestelltes Gemälde „Open Casket“ zeigte dies eindrücklich. „The Underground Railroad“ kreist kontinuierlich um die schwierige Dialektik aus (Bild-)Sprache und Gewalt. Um die Frage, ob etwas so Schreckliches wie der Alltag auf den Plantagen in den Südstaaten der USA überhaupt gezeigt werden kann.

Man merkt: Der Macher dieser Serie meint es ernst mit diesen Fragen. Und dennoch, das Faszinierende dieser Serie ist untrennbar verbunden mit ihren Schwachstellen. Wenn etwa schon in der ersten Folge ein flüchtig gewordener Sklave eingefangen, vor dem Kaffeekränzchen der Plantagenbesitzer aufs Fleisch ausgepeitscht und bei lebendigem Leib verbrannt wird, dann wirft Jenkins die Fragen nach der Kommensurabilität des Schreckens zwar auf, geht ihrer Beantwortung letztlich aber aus dem Weg. Der Kontrast zwischen präraffaelitischem Pomp und barockem Pastell im Kostüm und Design dieser Serie und der expliziten Gewalt, mit der sie uns kontinuierlich konfrontiert, ist schwer auszuhalten. Womöglich ist das auch genau das Gefühl, das Jenkins erzeugen will.

Kyle Kaplan/Amazon Studios
Der Sklavenfänger Ridgeway (Joel Edgerton) mit seinem Assistenten, dem Jungen Homer (Chase Dillon).

Geschickter gelöst wird die Metafrage nach der Repräsentation von Gewalt in einer anderen Szene: In einem zwielichtigen Dorf wird Cora und Caesar auf der Flucht vorübergehend eine Art Schein-Freiheit gewährt. Cora arbeitet hier in einem Museum, wo sie zum retraumatisierenden Sound der Peitsche für die Blicke vorgeblich liberaler Weißer – angeblich zu pädagogischen Zwecken – Plantagen-Reenactments aufführt. Sie pflückt Baumwolle, hinter einer Zoo-ähnlichen Glasscheibe. Die Weißen, so scheint es, können die Sklaverei offenbar nur so verarbeiten, indem sie sie zu einer Art Unterhaltung trivialisieren. Während sie sich an Coras Anblick erfreuen, ist es ein Schwarzes Kind – die traurige Figur des Assistenten eines Sklavenfängers –, das Cora hinter der Glasscheibe erkennt und die Performance als „Betrug“ entlarvt. Intelligenter hätte man die Frage nach der Komplexität der Darstellung der Sklaverei kaum verhandeln können.

Am stärksten ist diese Serie in ihren alttestamentarisch-surrealen Bezügen und der feinfühligen Komplexität ihrer Charaktere. Eine ganze Folge widmet sich etwa dem Werdegang des weißen Sklavenfängers, der seine fragile Männlichkeit in Wut münzt und Letztere zum Beruf macht. Die biblischen Bezüge – einzelne Episoden tragen etwa Titel wie „Exodus“ oder „Proverbs“ – geben reichlich Stoff für ideengeschichtliche Interpretation. Wer hier bis Ende durchhält, bereut es nicht.

„The Underground Railroad“, auf Amazon Prime