Berlin - Thea Dorn hat mit ihrem Buch „Trost: Briefe an Max“ blitzschnell literarisch auf die Corona-Krise reagiert. Die 50-jährige Schriftstellerin und Moderatorin („Das Literarische Quartett“), die seit 30 Jahren in Berlin lebt, stellt darin grundlegende philosophische Fragen wie die nach unserem gesellschaftlichen Verhältnis zu Tod und Sterben. Deshalb bleibt es auch mit dem Abebben der Pandemie aktuell. Das Interview findet über Zoom statt – und nach Jahren der Fernsehpräsenz fühlt es sich schnell vertraut an, sie auf einem Bildschirm Sachen erklären zu sehen.

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Was war Ihre Motivation, ein Buch über Corona zu schreiben? Gab es eine Lücke im Diskurs zu schließen?

Die Entscheidung fiel sehr früh. Da gab es noch gar keinen Diskurs, sondern erst einmal das blanke Erschrecken, was da über uns hereingebrochen war. Das nächste Erschrecken kam wenige Wochen nach Ausbruch der Pandemie, als ich zum ersten Mal hörte, dass Menschen zum einsamen Sterben im Krankenhaus, auf Intensivstationen verdammt wurden – sogar dann, wenn die Todesursachen gar nichts mit Corona zu tun hatten. Da war mir klar, dass wir mitten in einer Tragödie sind. In einer Phase, in der niemand wusste, ob wir vielleicht Todesraten von 30 Prozent oder noch mehr bekommen, war es natürlich verständlich, Krankenhäuser erst einmal rigoros abzuschotten. Gleichzeitig ist es ein Gipfel der Unmenschlichkeit, Sterbende allein zu lassen, Angehörige und Freunde auszusperren. Ich habe bis November 2020 an meinem Buch geschrieben, deshalb kamen natürlich noch Reflexionen über weitere Aspekte des pandemischen Geschehens samt den Versuchen hinzu, es einzudämmen, aber am Anfang stand die existenzielle Verzweiflung.

Man kann die Situation Ihrer Hauptfigur also durchaus mit Ihnen in Verbindung bringen?

Nicht direkt. Ich danke dem Schicksal, dass mir die Erfahrung, die Johanna in meinem Roman machen muss, erspart geblieben ist: Meine Mutter ist nicht während der Pandemie, sondern vor 13 Jahren gestorben. Unsere Familie und ich, wir konnten während der letzten Tage und Stunden bei ihr sein. Aber seit über einem Jahr werde ich die Frage nicht los: Was hätte es mit mir gemacht, wenn meine Mutter zu solch einsamem Tod verdammt worden wäre? Wenn ich, wie Johanna, während der Trauerzeit nicht hätte Freunde treffen, verreisen, ins Konzert oder in die Oper gehen können? Ich fürchte: Da tun sich immense Abgründe an Trostlosigkeit, an Verzweiflung und Wut auf.

Wie schnell ist Ihnen aufgegangen, dass die gesellschaftliche Reaktion auf die Pandemie viel mit unserem Verhältnis zum Tod zu tun hat?

Wir haben mindestens ein Jahr lang täglich auf die Covid-19-Totenzahlen gestarrt. Ohne diese im Winter zum Teil beängstigend hohen Zahlen relativieren zu wollen: In Deutschland sterben an jedem „normalen“ Tag durchschnittlich 2500 bis 2600 Menschen. Aber darauf schauen wir nicht. Ich halte es für problematisch, dass der Eindruck entstand, als wäre der Tod plötzlich über unsere Gesellschaft hereingebrochen. In gewisser Weise ist er das natürlich auch: Er ist sichtbarer, dominanter geworden, eine aggressive Pandemie birgt ein erhöhtes Sterberisiko. Trotzdem steht die Fokussierung darauf in einem Missverhältnis zur Ausblendung des alltäglichen Sterbens. Wir Spätmodernen sind Weltmeister darin geworden, Tod und Sterben zu verdrängen. Plötzlich sind auch wir in den hoch technologisierten westlichen Wohlstandsgesellschaften mit etwas konfrontiert, von dem wir dachten, dass es gar nicht mehr vorgesehen ist: dass sich in der Natur Dinge abspielen, die sich unserem Zugriff, unserer Kontrolle entziehen.

Peter Rigaud
Thea Dorn

Thea Dorn wurde am 23. Juli 1970 in Offenbach am Main geboren. Sie studierte Philosophie und Theaterwissenschaft in Frankfurt, Wien und Berlin. An der Freien Universität Berlin beendete sie ihr Philosophiestudium mit einer Magisterarbeit zum Thema „Selbsttäuschung“. 1994 veröffentlichte sie ihren ersten Kriminalroman „Berliner Aufklärung“, es folgten weitere Romane und Sachbücher. Thea Dorn arbeitet auch als Moderatorin. Ihr letzter Roman heißt „Trost. Briefe an Max“.

Eine These in Ihrem Buch erinnert stark an den Band „Palliativgesellschaft“ des Philosophen Byung-Chul Han. Han schreibt darin, dass das Leben in der Pandemie „zum Überleben erstarrt“.

Leider liegt dieses Buch noch auf einem meiner vielen Lesestapel. Aber die Befürchtung, dass Biopolitik letzten Endes nicht mehr dem Leben im Sinne von Vitalität dient, sondern dem rein physisch aufgefassten Immer-weiter-Leben, finden Sie auch bei anderen: bei Giorgio Agamben etwa. Oder bei Juli Zeh. In ihrem Roman „Corpus Delicti“ hat sie vor über zehn Jahren schon beschrieben, was passiert, wenn in einer Gesellschaft Gesundheit als Wert verabsolutiert wird. Mich hat Biopolitik, die in letzter Konsequenz ja darauf abzielt, die menschliche Sterblichkeit abzuschaffen, bereits in meinem vorletzten Roman „Die Unglückseligen“ beschäftigt. Dort gibt es eine Molekularbiologin, die an ebenjenem Projekt arbeitet. In ihren Augen ist der Tod ein Skandal, die ultimative Demütigung des stolzen Menschen.

Halten Sie den Tod für einen Skandal?

Ich halte ihn für eins der größten Übel. Gleichzeitig ist klar, dass ein Leben, das sich nur noch dem Imperativ der Todesvermeidung verschreibt, kein richtiges Leben mehr ist. Je mehr wir den Tod fürchten, desto mehr verbieten wir uns, das Leben zu genießen. Je mehr wir das Leben genießen, desto mehr riskieren wir, es zu verlieren. Unsere Existenz ist eben ein großes Paradox.

Byung-Chul Han sieht den Menschen im Überlebensmodus ähnlich wie das vielleicht auch Yuval Harari in „Homo Deus“ beschreibt, auf dem Weg zum technisierten, digitalen Wesen, dem alles Menschliche abhanden kommt. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Die Gefahr sehe ich. Trotzdem würde ich das Problem anders beschreiben. Ich glaube aus naheliegenden Gründen, dass man mit der Denkfigur einer „Dialektik der Aufklärung“, wie Adorno und Horkheimer sie entwickelt haben, dem Widerspruch, der im technologischen Fortschrittsprozess liegt, eher gerecht wird: Mit jeder Errungenschaft verschafft sich der Mensch mehr Kontrolle über die Natur und damit natürlich auch Freiheit, weil er dem unmittelbaren Naturzwang weniger unterworfen ist. Aber mit jedem dieser Instrumente, mit dem er Natur unterdrückt – und das „Problem“ ist, dass wir Menschen eben auch selbst Natur sind –, müssen wir gewisse Dimensionen eben auch in uns selber unterdrücken.

Wären Sie nicht gerne ein unsterbliches Wesen?

Auf keinen Fall. Aber wenn gerade mal wieder die Bandscheibe Ärger macht, dann denke ich schon: Warum kann ich nicht so ein schicker Cyborg sein? Dann ginge ich jetzt in die Werkstatt zur Wartung und gut ist. Wenn ich allerdings darüber nachdenke, worauf diese Mentalität, alles wäre zu reparieren, hinausläuft, bekomme ich das Grauen. Vor der beliebigen Austauschbarkeit. Vor dem Sinnverlust. Aber es bleibt vertrackt: Wenn die Maschinen uns nur unseres Lebenssinns beraubten, wäre die Wut gegen sie viel größer. Aber der medizinisch-technologische Fortschritt bietet eben auch zunehmende Freiheiten von physischem Leiden. Das macht ihn eben so verdammt attraktiv.

An einer Aktion wie #allesdichtmachen hat man gesehen, welchen Sturm der Entrüstung Kritik an den Corona-Maßnahmen auslösen kann. Hatten Sie bei Veröffentlichung des Buchs Angst, in einen solchen zu geraten?

Nein, denn ich habe ja kein Pamphlet geschrieben oder eine ironische Aktion gemacht. Mein Roman erzählt von der Verzweiflungsspirale, in die eine Frau sowohl durch die Pandemie als auch durch die Pandemiepolitik gerät. Dennoch gibt meine Protagonistin die Hoffnung, die Suche nach Trost nicht auf. Wenn ein solcher Roman für einen Empörungssturm sorgte, wäre dies allerdings in der Tat empörend.

Immerhin hat eine Sonntagszeitung nach dem letzten „Literarischen Quartett“ bemängelt, dass in Moderationen und Diskussionen Ihre „lockdownkritische Agenda am Werke“ sei.

Ach ja. Manche Anwürfe sind so absurd, dass man sie am besten unkommentiert lässt. Aber das ist im Rahmen dessen, was man als öffentliche Figur aushalten muss. Gefährlich wird es, wenn Druck auf Verlage ausgeübt wird, ein bestimmtes Buch nicht zu veröffentlichen. Oder wenn die Angst vor einem Shitstorm zu vorauseilender Selbstzensur führt. Zum Glück habe ich beides bislang nicht erlebt.

Hat sich die Debattenkultur in unserem Land dramatisch verschlechtert?

Nach 15 Monaten Corona liegen die Nerven blank, das kann man verstehen. Einer der vielen Kollateralschäden dieser Pandemie besteht meines Erachtens darin, dass sie den öffentlichen Raum zerschossen hat. Wenn man sich fast gar nicht mehr leibhaftig begegnet, sondern nur noch im Netz, verstärkt das die Bereitschaft, aufeinander loszugehen. Ich hoffe, dass sich der Umgangston etwas entgiftet, da wir wieder real beisammensitzen. Heikler dürfte ein anderer Trend sein: Seit einer Weile wird das strenge naturwissenschaftliche Erkenntnisideal auf den Bereich des Sozialen, des Politischen übertragen. Wenn mehr und mehr Leute glauben, dass es in Fragen des Zusammenlebens und der Zukunftsgestaltung nur eine richtige Antwort geben kann, und alle, die andere Antworten vorschlagen, als gefährliche Irrläufer diffamiert werden, haben wir als pluralistische Gesellschaft ein immenses Problem.

Wenn Sie sagen, die Pandemie hat den öffentlichen Raum zerschossen: Wie haben Sie Berlin im vergangenen Jahr erlebt?

Eine Großstadt im Lockdown ist ein Unort. Die Stadt, die niemals schläft, ist in den Dauerschlaf versetzt worden. Im vergangenen Herbst habe ich mich zum Schreiben in ein entlegenes Mühlental verzogen, weil es mich zu sehr deprimiert hat, in meinen Pausen durch das verrammelte Berlin zu laufen. Aber es ist ein enormes Glücksgefühl, die Stadt nun wieder erwachen zu sehen. Vor zwei Wochen bin ich am Walter-Benjamin-Platz vorbeigekommen. Der italienische Weinkiosk hatte geöffnet, die Abendsonne war doch noch herausgekommen, Kinder sausten auf ihren Tretrollern umher, Erwachsene saßen mit artigem Abstand auf den warmen Steinstufen. Da habe auch ich mir einen Wein gegönnt und mir ein freies Plätzchen gesucht. Es war der schönste Berlin-Moment seit langem.

In Ihrem Buch sucht die Journalistin Johanna Trost in einem Briefwechsel mit ihrem alten Philosophie-Lehrer. Welche Philosophie ist die ultimative Trostspenderin?

Gar keine, fürchte ich. Teile der antiken Philosophie sind zwar mit dem Anspruch aufgetreten, die große Trösterin zu sein, aber mir kommt das eher als Selbstüberschätzung vor. Untröstlich zu sein, ist eine Emotion – die lässt sich nicht wegrationalisieren. Der eleganteste aller Trostgedanken ist sicher: Solange ich auf der Welt bin, ist der Tod noch nicht da, und wenn der Tod da ist, bin ich nicht mehr da. Ergo geht der Tod mich nichts an. Aber tröstet das wirklich? Ich glaube eher an die tröstende Kraft von Musik oder Literatur. An den Trost in der Natur. Und natürlich daran, bei anderen Menschen Geborgenheit und also Trost zu finden. Manchmal reicht es sogar, gemeinsam mit Fremden ein Glas Rosé in der Abendsonne zu genießen.

Thea Dorn: Trost. Briefe an Max, Penguin Verlag, München 2021, 130 S., 16 Euro.

Das Gespräch führte Max Kühlem.

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