Thilo Mischke: Diese Erfahrung wird verhindern, dass ich jemals aufs Land ziehe

In Berlin schließen Anonymität und Nähe einander nicht aus. So wie bei Thilo Mischke und seinem Nachbarn von gegenüber.

Der Journalist und Moderator Thilo Mischke
Der Journalist und Moderator Thilo MischkeImago

„Irgendwann werde ich dieser Mann sein“, denke ich jedes Mal, wenn ich im Hausaufgang meinen Nachbarn treffe. Und dann überlege ich, was das bedeutet. Was das heißt, alt zu sein. Richtig alt.

Ich wohne in der Mitte dieser Stadt, nicht im Bezirk Mitte. Bin großgeworden an einer vierspurigen Straße. Ich kann meinen gegenüberliegenden Nachbarn nicht in die Wohnungen gucken, so weit stehen die Häuser auseinander. Es lärmt, es ist schmutzig; das einzige Mal, dass ich Vögel gehört habe, war, als Deutschland in den ersten Lockdown ging. Ich war überrascht, dass hier, in dieser Straße, Singvögel existieren, hab immer gedacht, dass sie hustend zu Grunde gehen, sobald sie anfangen zu trillern. Oder von den zahlreichen Krähen, die hier leben, zerpickt werden.

Manchmal lege ich Käse auf den Balkon, ich pflege seit Jahren eine Freundschaft zu einer der Krähen hier. Einmal, da brachte mir der Krähenfreund eine tote Maus als Dankeschön. Ich vermute, er hat mitbekommen, dass ich schmaler geworden bin.

Je höher die Wohnung, desto fremder der Nachbar

Diese Straße in Berlin bedeutet mir viel, auch weil ich hier die viel besprochenen Anonymität einer Großstadt leben kann. Ich kenne kaum die Namen der Menschen in meinem Haus, Gesichter kann ich zuordnen. Ein stilles Nicken auf der Straße, keine überschwänglichen Gesten, keine Gespräche im Hausflur. Die Hausbewohner untereinander existieren, so wie sie auch in den Wohnungen leben. Je weiter oben ein Mieter wohnt, desto fremder ist er mir. Ich brauche das.

In einem Anflug großstädtischen Wahnsinns entschieden sich meine Eltern Ende der 90er-Jahre, nach Wuhletal zu ziehen, ein kleines Dorf am Rand von Berlin. Eine Kirche in der Mitte, meine Mutter, die mit der Pfarrfrau plaudert, mein Vater, der Osterfeuer organisiert und, weil es die 90er-Jahre sind, einen Schnurrbart dabei trägt.

Nachbarn, die miteinander reden, Nachbarn die in unheimlichen Häusern wohnen, in denen es immer schattig ist. Der LKA-Beamte, der zwei Reihenhäuser neben uns wohnt und meine Gras-Pflanzen bewundert, die gleichaltrige Nachbarin, mit der ich den Schulweg und den ersten Liebeskummer teile.

„Na, Thilo, auch eine Schachtel für deinen Vater?“, wenn ich nachts heimlich Zigaretten an der Tankstelle kaufen war.

Ich habe es erlebt, das Gegenteil von Anonymität, und bin bis heute davon erschüttert. Diese Erfahrung wird verhindern, dass ich jemals aufs Land ziehe.

„Wer hat 72 Stummel auf meinen Balkon geworfen!!!!!!“

Mein Nachbar von gegenüber allerdings erschüttert mich nicht. Wir sind uns über die Jahre immer näher gekommen, haben aneinander die Regeln des anderen gelehrt. Meinen Nachbarn ärgert eigentlich nichts, außer es wirft jemand Zigaretten von oben auf seinen Balkon. Dann wird er sauer und schreibt Nachrichten, die im Hausflur aufgehängt werden, bis sie bei „Notes of Berlin“ landen. (Er zählt die Kippen und schreibt dann: „Wer hat 72 Stummel auf meinen Balkon geworfen!!!!!!“) Der Nachbar nimmt Pakete an, er passt auf, wenn jemand an meiner Tür steht und erzählt mir Horrorgeschichten aus dem Haus.

„Einmal, Thilo“, sagt er dann, „sind die Scheißerohre eingefroren und geplatzt, in meiner Wohnung stand die Kacke so hoch“, dann zieht er die Finger auseinander und ich schätze eine Höhe von 20 Zentimetern.

Ich wohne seit über zehn Jahren in diesem Haus, in dieser Wohnung, an dieser Straße, und ich plane nicht auszuziehen. Auch wegen meines Nachbarn, dessen Leben ich beobachten konnte.

Buletten an der Tür

In meiner eigenen Wahrnehmung ist mein Leben noch wie vor zehn Jahren. Das ist natürlich Quatsch, das weiß ich, aber es fühlt sich eben so an. Aber das Leben meines Nachbarn hat sich verändert.

Ich kenne ihn noch mit seiner Frau, einer freundlichen, kleinen Dame, die mir, wenn ich mir eine Leiter borgen wollte, einen sogenannten „Beton“ anbot. „Becherovka mit Tonic“, sagte sie. Nach diesem Getränk stand ich betrunken auf einer Leiter und habe eine Lampe angebracht. Eine stille Berlinerin, die auf den Reisen mit ihrem Mann auflebte. Nach dem Fall der Mauer eroberten sie zusammen die Welt in Bussen, auf Schiffen und in Flugzeugen. Wäre ich so alt wie mein Nachbar, würde ich von einer feinen Frau sprechen.

„Meine Frau ist heute gestorben“, sagte er mir vor ein paar Jahren. Und dann standen wir beide vor den Briefkästen. Ich war nicht verlegen, sondern gemeinsam mit ihm traurig. „Sie war ja auch so krank“, sagte er.

Langsam wird mein Nachbar alt, nicht gebrechlich. Seine Ohren werden größer, seine Nase spitzer, seine lustigen Söhne kommen oft zu Besuch. Manchmal hängen sie mir eine Bulette an die Tür, die salzig und köstlich ist. Sie klingeln nicht, sie wollen sich nicht unterhalten, sie drängen mir keine Gespräche auf, sie erlauben Anonymität. Und das erzeugt so viel Nähe, so viel Freundlichkeit, dass ich nicht nur denke, irgendwann werde ich dieser Mann sein, sondern auch: Irgendwann will ich mal so ein toller Nachbar sein.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.