Berlin - Nachdem ich 20 Minuten durch Mexiko-Stadt geirrt bin, erreiche ich japsend ein Café, das mir empfohlen wurde. Es liegt an einem großen Kreisverkehr und es gefällt mir auf Anhieb. Die Sonne, die hier in dieser Stadt weniger wärmt, die nur verbrennt, scheint zwischen großen Monstera-Blättern hindurch. Tische unter Ranken, ein kühler Wind weht an den Stühlen. Ich habe ein Café gefunden, um diese Kolumne hier zu schreiben. Es wird mein Café für Mexiko-Stadt.

Als ich ungefähr 16 Jahre alt war, hat meine Oma mir erklärt, man brauche für das eigene Seelenheil einen Ort, an den man gehen kann, um Kaffee zu trinken. Kaffee sei wichtig. Stark muss er sein, so dass die Pupillen klein und die Ungeduld groß wird, so dass die Hände sich nervös bewegen. Das war meiner Oma wichtig, so wichtig, dass ich von ihr gelernt habe, dass es vollkommen okay ist, alleine Kaffee an einem öffentlichen Ort zu trinken.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Aken

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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Unten am Fernsehturm

Nach der Wende war das Lieblingscafé meiner Oma das Segafredo am Alexanderplatz. „Ich habe für meine Rente diese Cafébesuche kalkuliert“, erzählte sie mir mal. Früher ging sie dort hin, weil ihr der Kaffee außerordentlich schmeckte. „Richtig stark, mit guter Crema“, hat sie immer gesagt. Später ist sie den Weg vom Strausberger Platz, wo sie wohnte, spaziert, um sich selbst zu beweisen, dass die Kraft noch reicht.

Oma saß dort, wechselte das Geld der rumänischen Hütchenspieler, mit denen sie Freundschaften schloss. Schrammelige Personen, die in gelblichen Bluejeans hungrig und übermüdet erbetteltes Geld in Filterkaffee investierten. Oma kannte sie alle, unterhielt sich mit der Kellnerin, die schon immer wusste, wenn meine Oma kam, was sie trinken will. Das sei der Ritterschlag in einem Café, sagte meine Oma immer.

2250 Meter über dem Meeresspiegel

Sitzen, trinken, gucken, das Neue Deutschland und die Berliner lesen. Im Sommer mit Blick auf den Fernsehturm, den wir beide so bewunderten, im Winter drinnen, auf den zu schmalen kunstledernen Bänken, die nicht zum Bleiben einluden. Wenn wir uns dort verabredeten, aßen wir oft gemeinsam ein Stück Käsekuchen. Dann saßen wir dort, tranken und guckten. Ich las dann allerdings nur die Berliner Zeitung.

Wenn ich reise, und das tue ich beruflich sehr oft, suche ich mir mein Café, so wie ich es von meiner Oma gelernt habe. Ich kenne Cafés im Norden Syriens, in Manila, in Tokio, überall auf der Welt, ja selbst in Mogadishu, der Hauptstadt Somalias, habe ich ein Lieblingscafé.

Um eine neue Stadt verstehen zu können, ihre Straßen, ihre Menschen, ihre Struktur und manchmal auch die Sicherheitslage, spaziere ich umher, so selbstsicher, als wäre es der Weg vom Strausberger zum Alex, und suche mir einen Platz zum Lesen und Schreiben.

In Mexiko-Stadt habe ich so gelernt, dass die 2250 Meter über dem Meeresspiegel schwere Auswirkungen auf meinen Sauerstoffumsatz haben. Deswegen japste ich auch, als ich mich unter die Ranken setzte.

Träumen im Intimes

Manchmal hat meine Oma mich auch in meinem Stammcafé besucht. Das „Intimes“ in Friedrichshain. Als Kind habe ich im anliegenden Kino Filme gesehen, als 16-Jähriger habe ich dort Schule geschwänzt und ungelenk mit den Kellnerinnen gesprochen. Das Essen ist mittelmäßig, der Kaffee aber gut. Die Bedienung ist unhöflich und ich beobachte sie mit großer Freude dabei, wie sie Gäste anschnauzt. Die Gäste, die die Regeln der Kellnerin, die seit 25 Jahren hier arbeitet, verstanden haben, lesen Bücher und rauchen Zigaretten, bis die Filter nass und die Glut lang ist.

Im „Intimes“ habe ich viel erlebt, habe mein Leben geplant, mit Oma über Reisen gesprochen, ich habe dort Bücher geschrieben und Artikel. Ich habe dort geträumt und habe mich dort weinend an die Theke gesetzt, um mit der schnauzenden Kellnerin über Liebeskummer zu sprechen. Im Sommer treffe ich dort meinen Bruder mit meiner Familie. Mit Freunden. Manchmal sitzen wir stundenlang dort, ohne miteinander zu sprechen. Die große Linde verklebt unsere Handys, Vögel kacken manchmal auf die Tische und jeder Besucher entwickelt erfolglos Strategien gegen Wespen, die in Schorlen ersaufen.

Ein Ort, der Heimat ist

Es ist ein zentraler Ort in meinem Leben geworden, ohne dass er extravagant ist. Es ist ein Café Ecke Boxhagener und Niederbarnim, in dem am Tage ewig Studierende und in der Nacht verirrte Junggesellinnen aus Brandenburg Gin Tonic trinken. Dieser Ort ist das, was ich unter Heimat verstehe. Ein Bezugspunkt großer Sehnsucht, wenn er nicht erreichbar ist. Also immer dann, wenn ich im Ausland bin.

Als meine Oma vor zwei Jahren starb, stellten wir ihr auf das kleine Tischchen neben ihrem Intensivstationsbett im Krankenhaus Friedrichshain eine Tasse Automatenkaffee. Sie hätte ihn nicht getrunken, diese dünne Plörre. Aber meine Mutter, mein Bruder und ich, überzeugt, sie könne das riechen, wollten ihr einen allerletzten Kaffee erlauben. Ein Abschied von uns, von Berlin, ein Kaffee, den sie nicht alleine trinken sollte.

Wie am Alexanderplatz, in ihrem Segafredo, so wurde dieses Intensivzimmer ein Ort für das Seelenheil. Für ihrs, für unseres. Dieses Gefühl ist der Grund, warum ich überall auf der Welt durch die Städte irre. Ich suche als Berliner ein Stück Berlin. Es ist das bittere und starke Gefühl von Heimat, Tausende Kilometer von zu Hause entfernt.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.