Berlin - Fabio Fornari, 27, ist ein Wissenschaftler im Bereich des nachhaltigen Tourismus. Der gebürtige Brasilianer ist derzeit mit einem Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung in Berlin. Er traf sich mit uns am Alexanderplatz  im Schatten des Fernsehturms. Die Zahl der sichtbaren Touristen ließ sich an einer Hand abzählen. Im Interview erzählt er, warum die Pandemie für die Tourismusbranche auch eine Chance sein kann.  

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Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin

Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?

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Berliner Zeitung am Wochenende: Ist nachhaltiger Tourismus nur ein Trend oder ein Dauerbrenner?

Fabio Fornari: Nachhaltigkeit ist seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema für den Tourismus, denn der findet nicht in einer Blase statt, sondern ist tief verwurzelt mit der globalen Wirtschaft und Politik. So wie die Debatte um den Klimawandel insbesondere seit 2015 mit dem Pariser Klimaabkommen in den Mittelpunkt der globalen Agenda gerückt ist, wird auch das Bewusstsein der Tourismusbranche steigen. Aber die Pandemie hat sicherlich die Wahrnehmung von Nachhaltigkeit und die Notwendigkeit zu handeln beschleunigt. Ich würde deshalb sagen, dass aktuell Nachhaltigkeit neben der allgemeinen Erholung der Branche das dringendste Problem für den Tourismus ist. Es ist ein langer Weg, um das zu erreichen, was die Branche braucht, um nachhaltiger, fairer und sozial gerechter zu werden.

Ist Tourismus immer umweltschädlich?

Nun, ich glaube, wir müssen zuerst definieren, von welcher Art von Tourismus wir sprechen. Wir sollten vermeiden, zur derselben Formel zurückzukehren, die  in der Vergangenheit so viele Probleme an Orte wie Barcelona oder Venedig gebracht hat. Auch in Teilen von Berlin kennt man das; die Besucherzahl allein kann nicht der einzige Maßstab für den Erfolg eines Ortes sein. Manche Städte haben viele Besucher, viel Geld, aber eben auch viele Probleme.

Wie können wir das vermeiden?

Für den Anfang müssen wir Schluss machen mit den Lippenbekenntnissen. Wir alle müssen wirklich ehrlich sein: Was tun wir als Reisende, aber auch als Unternehmer? Dazu gehört auch, dass das Erlebnis am Zielort zwar nachhaltig sein kann – aber wenn wir dorthin nur mit einem Flugzeug kommen, erhöhen wir den CO2-Fußabdruck gleich um ein Vielfaches. Das macht es schon kompliziert. Und es wäre hilfreich, wenn die Branche ihre Bemühungen besser kommuniziert und mehr Informationen zum Thema Nachhaltigkeit bereitstellt. Nachhaltigkeit darf nicht nur ein abstraktes Konzept sein.

Die Pandemie hat uns gezeigt, wie schnell der Tourismus aufhören kann.

Die Zeit jetzt ist doch eigentlich die Chance, sich wirklich Gedanken darüber zu machen, wie es weitergehen soll. Die Branche und wir als Reisende würden eine enorme Chance verschenken, die sich vielleicht nur einmal pro Generation bietet. Ich würde so weit gehen zu sagen: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Leicht gesagt, aber einige Regionen der Welt sind vom Tourismus abhängig.

Es stimmt, für einige Reiseziele gerade in den Entwicklungsländern ist das ein Luxusproblem. Andererseits können sie nur dann langfristig vom Tourismus profitieren, wenn sie ihr Geschäftsmodell auf ein nachhaltigeres Modell umstellen.

Sind Sie mit Ihrer Meinung allein?

Ich glaube, es gibt viele wie mich. Klimabewegungen wir Fridays for Future wirken sich auch auf den Tourismus aus, weil sie das Bewusstsein für Konsum schärfen. Greta Thunberg hat mit ihrer Rede über kommerzielle Flüge und deren Wirkung auf das Klima die Luftfahrtindustrie mehr beeinflusst als alles, was Wissenschaftler oder Politiker bisher gesagt haben. Ich habe das Gefühl, dass sich junge Menschen ihrer Auswirkungen auf die Umwelt bewusster sind und sie noch mehr Druck ausüben werden.

Bewegt sich die Tourismusbranche ebenfalls?

Ja, zum Beispiel gibt es „Tourism Declares a Climate Emergency“, was im Grunde eine Umweltorganisation aus der Branche heraus ist. Ihr Ziel ist es, dass Tourismusunternehmen, Organisationen und Einzelpersonen selbst einen Klimaschutzplan entwickeln. Diese neue Bewegung gibt es erst seit einem Jahr. Dann gibt es das „Global Sustainable Tourism Council“, ein Forum, das all dieses Wissen zusammenbringt und Standards für die Branche entwickelt. Und dann gibt es da noch Tourismusforscher wie mich, aber insgesamt bleibt es kompliziert, den Status Quo zu bekämpfen.

Sind Sie Aktivist oder Wissenschaftler?

Ich bin ein Forscher, kein Aktivist. Ich organisiere keine Demonstrationen, aber ich bin mit Umweltbewegungen verbunden, um zu sehen, was sie tun. Derzeit konzentriere ich mich auch auf den europäischen Green Deal und wie der sich dies auf die Tourismuspolitik auswirkt.

Was kann Deutschland lernen?

Nun, das ist schwer zu sagen, aber Deutschland ist eines der wichtigsten Länder, wenn es um nachhaltigen Tourismus geht. Ausgerechnet in Eberswalde gibt es eine Hochschule für Nachhaltige Entwicklung mit einem sehr interessanten Studiengang zum Thema Tourismus. Und schon auf der Website von Visitberlin sehen Sie zehn Punkte, wie Sie Ihren Berlin-Aufenthalt nachhaltig gestalten können.

Die habe ich mir angeschaut: Fahrrad benutzen, U-Bahn nehmen… Reicht das schon?

Nicht alle zehn Punkte sind toll und manche klingen eher wie Marketing. Aber Berlin ist in der Tat eine der grünsten Hauptstädte Europas. Ich habe kürzlich eine Studie gelesen, die zeigt, wie die Berliner Regierungen bereits seit der Wiedervereinigung versuchen, das Thema Nachhaltigkeit in ihre Politik zu integrieren. Anders wären Orte wie das Tempelhofer Flugfeld niemals entstanden. Obwohl es immer Raum für Verbesserungen gibt, denke ich, dass Berlin alles hat, um ein nachhaltigeres Reiseziel zu werden.

Gibt es etwas, das Berlin von anderen Städten lernen kann?

Kopenhagen hat eine neue Tourismusstrategie, deren Name schon sehr revolutionär klingt: „Das Ende des Tourismus, wie wir ihn kennen“. Die Idee ist, sich vom alten Tourismusmodell zu lösen und mehr auf die lokale Gemeinschaft zu schauen. So versuchen sie, alle Teilnehmer von Tourismus mit einzubinden.

Das wäre auch für Berlin gut, hier kann man das Graffiti lesen: Refugees welcome, Tourists not.

Auch Amsterdam kennt das Problem. Die Stadt wurde berühmt für… Sex und Drogen. Das zieht Touristen an, die sehr laut sind. Lokale Politiker nutzten die Corona-Pause, um mit Einheimischen einen Plan für die Zukunft auszuarbeiten. Wir müssen sehen, ob dieser Sommer eine Veränderung für Amsterdam bringt.

Das Gespräch führte Sören Kittel.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.