Muss man über alle sieben Eselsbrücken gehen? Wer ist furchteinflößender als ein iranisches Kopfballungeheuer? Wen sollten die Deutschen zum Abendessen einladen? Und gibt es eigentlich Herzmuskelkater? Nach der Vorrunde dieser Europameisterschaft und vor den Achtelfinalspielen gibt es ein paar Fragen zu klären.

Die geheimen Italiener

Matthias Balk/dpa
Pizza Connection: Jessy Wellmer und Bastian Schweinsteiger.

Die Vorrunde ist die Turnierphase, in der man beim Zuschauen die ersten Erwartungshaltungsschäden bekommen kann. Türkische Fans werden das bestätigen, sie hatten eindeutig andere Vorstellungen, denn sie glaubten ja, eine „goldene Generation“ ins Titelrennen zu schicken. Es reichte aber nicht mal zu Bronze, zum dritten Gruppenplatz, der dank einer günstigen Glückssternkonstellation vielleicht das Weiterkommen bedeutet hätte. Oder die Polen, die mit dem offiziell besten Fußballer der Welt antraten und dachten, das müsse schon reichen für ein Achtel Europa. Hätte es vielleicht auch, wenn Regelwerk und technischer Fortschritt es erlaubt hätten, zwei oder am besten gleich drei Robert Lewandowskis aufzustellen.

Auf der anderen Seite ist die Vorrunde auch die Turnierphase, in der ein Erwartungshorizont sich weitet und aus Geheimfavoriten plötzlich Topfavoriten werden. Das hat eine nebenberufliche Fußballexpertin Anfang der Woche erkannt. „Und die Italiener spielen ja nicht schlecht“, sagte Angela Merkel. Doch weil an ihrem Erwartungshorizont schon so manche Sonne auf- und wieder untergegangen ist, machte sie ein kleine Pause, danach fügte sie an: „Bis jetzt.“ Die Bundeskanzlerin stand auf einem Podium neben Mario Draghi, und der italienische Ministerpräsident lächelte so schelmisch, als dächte er: „Jetzt, meine liebe Angela, geht es erst richtig los.“

Die Italiener sind die Italiener.

Bastian Schweinsteiger, Italienexperte

Hauptberuflich als Fußballexperte arbeitet zurzeit Bastian Schweinsteiger, für die ARD fasste er den Auftaktsieg der Italiener gegen die Schweiz in einem Satz zusammen, der auf den ersten Blick unterkomplex erscheint, auf den zweiten aber eine tiefe Wahrheit entfaltet, er sagte: „Die Italiener sind die Italiener.“ Die Italiener, das hätte Schweinsteiger wohl gesagt, wenn ihm nicht zu heiß gewesen wäre in seinem Anzug, sind in diesem Sommer defensiv so stabil wie immer und offensiv so spielstark wie selten. Im Turnierverlauf kleidete sich Schweinsteiger zwar immer luftiger, wusste aber auch nicht, wie er auf die Frage seiner Moderrationskollegin Jessy Wellmer reagieren sollte: „Steht Italien schon mit einer halben Pizza im Achtelfinale?“

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Wahrscheinlich hatte Ciro Immobile nicht ganz unrecht, als er sich vor ein paar Jahren beschwerte, die Deutschen seien kalt und unfreundlich. „In den acht Monaten, seit denen ich hier bin, hat mich kein Teamkollege zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen.“ Nach einem Jahr voller kultureller und kulinarischer Missverständnisse verließ Immobile sein Exil in Dortmund und ist heute der gefährlichste Stürmer des nun geheimen Topfavoriten Italien. An diesem Sonnabend wartet Österreich im Achtelfinale. Ein Topaußenseiter.

Die bösen Russen

DPA
Eher unzufrieden, oder? Russlands Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow.

Der Eiserne Vorhang hatte den auf Jahrzehnte unschlagbaren Scheinvorteil, das jeweils Gute vor dem jeweils Bösen zu verbergen, und das möglichst blickdicht. Mit dem Ergebnis: Zwei halbe Welten waren voll einfach zu verstehen. Doch es gab sie natürlich schon, die Gucklöcher nach drüben, die dann größer wurden mit der Zeit. Denn auch wenn die Zeit nur einen Zahn haben soll, ist sie trotzdem ein Eisen bezwingendes Nagetier. Und wer westlich des Vorhangs lebte, mag jetzt an den bösen „Beißer“ denken, der den guten James Bond immer nur fast verspeist hätte.

Über diese sieben Eselsbrücken kann man gehen, um beim pandemisch-paneuropäischen Turnier anzukommen. Und in der Vorrunde fühlte sich das manchmal auch noch an wie eine Reise in die verhängte Vergangenheit. In eine Zeit der klaren Feindbilder, der alten Beißreflexe. Und da waren sie also wieder, die bösen Russen, die nicht auf die Knie fallen wollten vor dem Spiel gegen die Belgier. Die Symbolgeste gegen Rassismus ging unter im Pfeifkonzert, das die Zuschauer in St. Petersburg anstimmten. Warum? „Das ist keine Frage, die mit Fußball zu tun hat“, sagte Russlands Nationaltrainer Stanislaw Salamowitsch Tschertschessow und sah aus, als würde er gleich das Mikrofon abbeißen. Oder wenigstens einen Colaflaschenhals anknabbern. Wegen der Fragen. Und weil die Sbornaja verloren hatte zum Turnierstart.

Das Turnierende für die Russen, nach einer Niederlage gegen Dänemark, war zumindest im deutschen Fernsehen ein Grund zu feiern. Jedenfalls klang Tom Bartels sehr erfreut über den Spielverlauf, die vier Gegentore und auch die Stimmung im üppig gefüllten Parken Stadion von Kopenhagen waren dem ARD-Kommentator ein paar Superlative wert. Hinterher versuchte sich Bartels zu entschuldigen. Nur gelungen ist ihm das nicht. Grundsätzlich sei sein Anspruch natürlich, Fußballspiele mit Ausnahme der deutschen Nationalelf neutral zu kommentieren, sagte er. Doch: „Wer sich als Reporter von so einer Atmosphäre wie in Kopenhagen im Wissen der Vorgeschichte mit Eriksens Zusammenbruch nicht mitreißen lässt, sollte sich einen neuen Job suchen.“

Bleibt die Frage: Und was ist mit dem Wissen um die andere Vorgeschichte, also Corona? Die dänischen Zuschauer hielten sich jedenfalls nicht an die Maskenpflicht. Wie so viele andere Stadioneuropäer auch in den vergangenen zwei Wochen. Die schlandigen Deutschen. Die heißblütigen Italiener. Die temperamentvollen Spanier. Die kühlen Schweden. Die rassistischen Russen. Die rassistischen und homophoben Ungarn. Die Unterteilung in Gut und Böse ist nicht immer so einfach, wenn man durch einen Vorhang aus Klischees blickt. Der böse „Beißer“ hieß übrigens Richard Kiel und kam aus Detroit.

Der große Ronaldo

AFP
Fliegt gleich los wie Superman: Cristiano Ronaldo.

Ali Daei war groß und breit und einen mächtigen Schnauzer hatte er auch, aber wirklich furchteinflößend, nein, das war der iranische Nationalstürmer nicht. Ein Ungeheuer war er trotzdem, weil er so hoch springen und schier in der Luft stehen konnte, um dann eine Flanke mit Wucht ins Netz zu köpfen. Manchmal auch zu torpedieren. Für Bielefeld, die Bayern, Hertha. In der Fußballbildsprache war Ali Daei daher ein Kopfballungeheuer. Und bis vor wenigen Tagen der Mann mit den meisten Länderspieltoren (109) weltweit.

Dann verwandelte Cristiano Ronaldo einen Elfmeter gegen Frankreich, und vorerst gibt es zwei Weltrekordhalter. Daei, inzwischen Trainer und Geschäftsmann, ließ ausrichten: „Ich fühle mich geehrt, dass diese bemerkenswerte Leistung Ronaldo gehören wird – einem Großmeister des Fußballs und fürsorglichen Menschen, der Leben auf der ganzen Welt inspiriert und beeinflusst.“

Ronaldo ist 36 Jahre alt und womöglich ist das seine letzte Europameisterschaft, aber man sollte nicht allzu viel Geld darauf setzen. Das hätte man vor dem Turnier darauf verwetten sollen, dass Ronaldo der Torschützenkönig dieses Turniers wird. Bei fünf Treffern steht er, die besten Verfolger bei drei. Und da wir gerade dabei sind: Mit 21 Toren bei Großturnieren hat Ronaldo auch Miroslav Klose vom Thron gestürzt. Nummer 22 bereits an diesem Sonntag möglich, im Achtelfinalspiel gegen Belgien. Wetten?

Ronaldo spielen zu sehen ist, wie das Spätwerk eines Künstlers zu betrachten. Seine Pinselführung ist nicht mehr so hektisch wie früher, die Schnörkel sind weniger geworden, er trägt auch nicht mehr ganz so dick auf. Doch es ist immer noch große Kunst. Und eine Show natürlich auch. Wie er den Ball mit der Hacke weiterleitet und dabei in die andere Richtung schaut, dorthin, wo er weiß, dass die Kameras seine Bewegung verewigen werden. Wie er seinen Torjubelsprung zelebriert und seine Bauchmuskeln zum Bersten anspannt. Sein Rekord hier: 142 Bauchpressen in ungeheuerlichen 45 Sekunden.

Der herzliche Goretzka

AP
Arm in Arm ins Achtelfinale: Leon Goretzka und Joachim Löw.

Der flächenmäßig größte Muskel des Menschen verläuft über den Rücken und heißt Latissimus, der schnellste ist der Musculus orbicularis, der Augenringmuskel, und dann fehlt nur noch ein muskulöses Kraftpaket, um die Bedeutung von Leon Goretzka für die deutsche Nationalmannschaft zu beschreiben. Der vor dem Turnier verletzte, gegen Ungarn spät eingewechselte Mittelfeldspieler und spätere Ausgleichstorschütze hat nämlich ein ausreichend breites Kreuz, um die zunehmende Turnierlast fast alleine zu tragen, dazu die besondere Gabe, Räume und Gegner mit dem Hinterkopf zu sehen, und dann noch das Gefühl, dieser Europameisterschaft genau das Bild zu geben, das ganz vorne in den Rückblicken auftauchen wird: ein aus zwei Fingern geformtes Herz, adressiert an die ungarischen Hooligans, die mehr Hass als Liebe mitgebracht hatten ins Stadion.

Die deutsche Mannschaft ist also nicht ausgeschieden, nur sechs Minuten plus Nachspielzeit fehlten bis zur nächsten Fußballkatastrophe. Wer sich an die Weltmeisterschaft vor drei Jahren in Russland erinnerte, hatte zu Recht nicht vergessen, wie träge dort die Bälle von Fuß zu Fuß gerollt waren, wie hilflos die Deutschen gewirkt hatten im dritten Gruppenspiel gegen Südkorea. Goretzka kam spät ins Spiel. Zu spät. Vor dem Achtelfinalspiel gegen England am Dienstag muss eine Frage beantwortet werden: Wird Goretzka spielen oder hat er noch Herzmuskelkater?

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