Kiew - Wenn ich über meine Beziehung zu Russland nachdenke, sind meine Gefühle zutiefst gemischt, zu eng ist meine Verbindung, zu groß sind jedoch die Wunden, die Russland bei mir persönlich hinterlassen hat. Ich bin im März 1993 auf der mittlerweile von Moskau annektierten Krim geboren, kurz nach der Auflösung der Sowjetunion. Zum Zeitpunkt deren Zerfalls gehörte die Schwarzmeerhalbinsel bereits seit mehr als 35 Jahren nicht zur Russischen, sondern zur Ukrainischen Sowjetrepublik. Das hatte allerdings überwiegend administrative Gründe. Weil etwa die Strom- oder Wasserversorgung der Halbinsel über das ukrainische Festland lief, war es praktischer, die Krim von Kiew aus zu verwalten. Interessiert hat das damals nur wenige: Die Sowjetunion war halt ein gemeinsames großes Land. Dass einige im Nachhinein mit der Zugehörigkeit der Krim zur unabhängigen Ukraine nicht zufrieden waren, war unter Umständen gesetzt.

Doch für mich als Kind war die Situation noch einen Tick komplizierter. Denn ich wuchs nicht in irgendeiner Stadt auf, sondern ausgerechnet in Sewastopol, dem Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte. Mit zwei legendären Verteidigungen, einmal während des Krimkrieges und einmal während des Zweiten Weltkrieges, ist die Stadt fest in russischen Geschichtsbüchern verankert. „Sewastopol, der Stolz russischer Seeleute“, heißt es in der Stadthymne, die buchstäblich jeder Stadtbewohner kennt. Das sorgte bei mir anfangs für riesige Irritationen. Wie kann es denn sein, dass ich offiziell zwar in der Ukraine lebe, aber alle um mich herum von Russland reden? Zumal gefühlt jede dritte Familie, die ich kannte, etwas mit der russischen Flotte zu tun hatte. Soll ich jetzt etwa beim Fußball die Ukraine, Russland oder beide anfeuern?

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