Uckermark/Berlin - Der Frühling lässt sich in diesem Jahr Zeit und kommt nur langsam voran. Aber zumindest die Kirschbaumblüte bietet schon eine willkommene Gelegenheit, ihn zu erleben. Auf einem Spaziergang mit Freunden vielleicht, die man coronabedingt ohnehin schlecht drinnen treffen kann. Die Schönheit der in Blüte stehenden Kirschbäume genießen und würdigen, ganz in der Tradition des japanischen O-Hanami.

Ich bin ein großer Liebhaber von Kirschbäumen und möchte sie nicht missen. Weil das Vergnügen ihrer Blüte aber ein recht kurzes ist, sollte genau geplant werden, welche Sorten man anpflanzt. Um die Blütezeit zu strecken – und um einen Baum zu finden, der auch außerhalb der Blühperiode seine Reize hat.

Grob unterscheidet sich die Kirschblüte in die japanischen Zierkirschen und unsere heimischen, fruchttragenden Kirschen. Die Japaner blühen meist etwas früher, so lag die diesjährige Sakura – der Höhepunkt der Blüte – in Japan bereits auf dem 26. März. Das ist der früheste gemessene Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 812 (!).

Das Kirschblütenfest fällt aus

Dass dieses Ereignis schon so früh schriftlich notiert und verglichen wurde, zeigt die bedeutende Rolle, die die Kirschblüte in der japanischen Kultur spielt. Sie ist ein Höhepunkt im japanischen Kalender, symbolisiert nicht nur den Frühlingsanfang, sondern auch die Göttlichkeit der Natur. Die Tradition der Feierlichkeiten zur Kirschblüte bestehen sogar seit dem 8. Jahrhundert vor Christus, nachweislich. Wobei das große Blühen auch deshalb so wichtig genommen wird, weil fast die Hälfte der Laubbäume in japanischen Städten Kirschen sind.

Aber auch bei uns lässt man sich nicht lumpen: In Berlin und Umgebung sind insgesamt mehr als 10.000 Kirschbäume gepflanzt. Gut verteilt liegen kleinere Hotspots, zum Beispiel in der Hufeisensiedlung in Britz oder beim Planetarium in Prenzlauer Berg; auch größere Pflanzungen wie am Mauerweg nahe des S-Bahnhofs Lichterfelde Süd gibt es. Letztere wurden von den „japanischen Bürger*innen aus Freude über die Wiedervereinigung Deutschlands“ gespendet, so steht es auf dort angebrachten Schildern. Das nenne ich mal eine großzügige Geste aus der Ferne!

Zwischen den Stadtteilen Lichterfelde und Teltow gibt es sogar ein Kirschblütenfest, das in diesem Jahr natürlich ausfällt. Genauso in der Käthe-Niederkirchner-Straße im Bötzowviertel – während der Zeit, in der ich dort gewohnt habe, hat es aber wetterbedingt nicht ein einziges Mal geklappt, Kirschblüte und Straßenfest zusammentreffen zu lassen.

Der vielleicht schönste Ort aber, an dem sich die Kirschblüte in Berlin genießen lässt, liegt an der Bornholmer Straße unweit des Mauerparks. Dort wandelt man unter dicht gepflanzten Kirschen, deren Blüten ein tiefrosafarbenes Dach bilden, das selbst dem frustriertesten Corona-Maßnahmen-Erschöpften ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Auch die Obstbaum-Kirschblüte, die wie erwähnt etwas später einsetzt, lässt sich deutschlandweit an vielen Orten bewundern.

In höhere Gefilde radeln

Wenn man wieder reisen darf, würde ich zum Beispiel gerne eine Fahrradtour in die Fränkische Schweiz machen. Um den richtigen Zeitpunkt dafür abzupassen, kann man sich vorab im Internet via das sogenannte Blüten-Barometer über den Stand der Blüte informieren. Die verschiedenen Stadien haben so poetische Namen wie „Aufbruch “ oder „Mauseohr“. Wenn dann das Stadium „Blüte“ erreicht ist, beginnt diese erst mal im Unterland – und es bleibt noch etwas Zeit, um in die höheren Gefilde zu radeln.

Zurück im Garten wird es gar nicht so einfach sein, sich für eigene Anpflanzungskandidaten zu entscheiden, denn es gibt mittlerweile sehr viele verschiedene Sorten der Zierkirsche. In „Das große Buch der Garten- und Landschaftsgehölze“ schreibt der Dendrologe Hans-Dieter Warda über die Scharlachkirsche (Prunus sargentii): „Wegen ihres ausgesprochen malerischen Wuchses, der frühen und überschäumenden Blütenfülle, ihrer leuchtend orangeroten Herbstfärbung und nicht zuletzt wegen der im Winter sehr zierenden Rinde ist sie die schönste Zierkirsche für unsere Gärten.“

Stimmt alles, und trotzdem kann noch etwas schiefgehen. Ich habe mein Fünf-Meter-Exemplar vor zwei Jahren so gepflanzt, dass es, aus den Fenstern meines Hauses gesehen, genau vor dem dunkelroten Ziegelhaus des Nachbarn steht. Eine Farbkombination, die mich an trüben Tagen unwillkürlich an Blutwurst denken lässt – eine Assoziation, die ich nun wahrlich nicht im Frühlingsgarten haben möchte. Also muss im kommenden Winter wieder der Bagger ran, der Baum soll verpflanzt werden.

Mehr Glück hatte ich mit dem Standort meiner vielgeliebten drei weißen Winterkirschen (Prunus subhirtella autumnalis), die ich im vergangenen Winter um drei Stück der Variante „Rosea“ ergänzt habe. Da sie schon ab Dezember blühen, erwarte ich im nächsten Winter einen regelrechten Farbrausch! Sie sind „im Alter sparrig wachsend“, was für mich schon ein Grund ist, sie im Garten zu haben. Liebe ich doch alle sparrigen Gehölze schon wegen des ausdrucksstarken Wortes (aber natürlich auch, weil sparrige Pflanzen etwas Wildes und Urtümliches haben).

Dazwischen stehen bei mir die eigentlichen Tokio-Kirschen (Prunus yedoensis). Ab 1886 wurden sie in Japan massenhaft gepflanzt. Eine Besonderheit sind die rahmweißen Blüten, die auch bei trübem, grauem Wetter eine ungehörige Leuchtkraft besitzen. Gerade in diesem Jahr, wo sich die Sonnentage rarmachen, lernt man diese Eigenschaft zu schätzen. 

Manchmal fordern mich auch Pflanzen heraus, die ich irgendwie nie richtig mochte. Ich sehe mich dann dazu gedrängt, sie so zu verwenden, dass sich meine Abneigung auflöst – ganz gemäß meines Grundsatzes: Es gibt keine hässlichen Pflanzen, nur falsche Standorte. So ist es mir auch bei der Säulenkirsche (Prunus serrulata ‚Amanogawa‘) ergangen, für mich lange Zeit der Inbegriff spießiger Vorgarten-Ästhetik. Beim Neubau eines Hauses des Architekten Thomas Kröger habe ich mit den Säulenkirschen, entlang der Zuwegung, eine Allee gepflanzt, die sich im gegenüberliegenden Wald verliert. Als ich dann bei der ersten Blüte, umschwärmt von Hunderten Bienen, zwischen den Bäumen stand und den schweren Duft der Blüten wahrnahm, war es um mich geschehen. Nun suche ich immer wieder nach Möglichkeiten, die Säulenkirsche zu verwenden.

Zu Füßen einer Amanogawa

Denn der große Vorteil aller anderen Zierkirschen – dass sie so malerisch in die Breite wachsen – kann sie an manchen Standorten ausschließen, allein aus Platzgründen. Dann eignet sich vielleicht die Amanogawa mit ihrer schmalen Krone. Gut kann ich mir auch drei bis fünf Stück davon in einer kleinen unregelmäßigen Gruppe vorstellen – nur einzeln möchte ich sie nicht mehr sehen.

Zum Schluss noch einer meiner ganz besonderen Lieblinge: die Geschlitzte Kirsche (Prunus incisa ‚Kojou non-mai‘). Ein Strauch, kaum einen Meter hoch, mit Tausenden kleinen weißen Blüten früh im April und scharlachroter Blattfärbung im Herbst. Vielleicht sogar zu Füßen einer einzelnen Amanogawa?


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.