Berlin - Was soll das bedeuten? Auf einer weißen Scheibe dreht sich ein pink-blauer Sneaker, er ist geisterhaft durchsichtig. Eine Skyline aus Legosteinen überzieht seine sphärische Immaterialität, auf einem kleinen Display zuckt ein Blitz. „Atari“ steht groß drauf. Gut, das kennt man irgendwoher, ein in die Jahre gekommener Computerspielhersteller. Aber dann der Preis: 18.000 Dollar. Und „Sold Out“. Wie bitte? 

Willkommen auf der Website von RTFKT, einer kleinen Gamedesign-Firma mit Sitz in London. Wir schreiben April 2021. Sowohl die Schuhe als auch das Geld, das hier fließt, haben die haptische Welt hinter sich gelassen. Der Onlineshop bietet digitale Sneaker für ein virtuelles Paralleluniversum an, in dem es die Blockchain und fluide Identitäten gibt, über die nicht mehr diskutiert werden muss. Alles kann, nichts muss im Metaversum. Und bezahlt wird in NFT (Non-fungible Tokens), einer superhippen Kryptowährung, die den Schuh gleichzeitig limitiert und unkopierbar macht. Aha, die Zeit, über die Medienwissenschaftler um die Jahrtausendwende schrieben, scheint angebrochen.

Für eine digitale Ökonomie

„Der Atari-Schuh, der in Kooperation mit RTFKT entstand, ist ein Beispiel aus einem ganz neuen Bereich. Das wird uns in den nächsten Monaten und Jahren überrollen“, prophezeit David Fischer, Gründer und CEO der Berliner Streetwear-Plattform Highsnobiety. Er muss es wissen, Sneaker sind sein Terrain. Die digitalen Turnschuhe seien Teil einer Vision, die „auf der alten Second-Life-Idee beruht“, so Fischer weiter. „Dass es also eine alternative digitale Welt gibt, in der wir alle einen Avatar haben. Und wir wollen uns ja in dieser Parallelwelt auch ausdrücken können, da spielt Kleidung eine große Rolle.“

Foto: Alex de Brabant
Gründer der Plattform Highsnobiety: David Fischer.

Gut und schön. Also angenommen, ich kaufe diese Atari-Sneaker – und dann? „Es fehlt noch so ein bisschen der Use-Case“, kommentiert Fischer. „Diese Güter funktionieren also derzeit nur selektiv in manchen Videospielen oder als Filter.“ Immerhin ist es also möglich, die Schuhe mithilfe eines Snapchat-Filters anzuziehen. Das funktioniert in der App über die Selfie-Kamera, genauso wie die Hasenohren, Brillen oder was es da sonst noch gibt. Hier fusioniert also die physische Welt bereits schleichend mit der digitalen, ohne dass wir so richtig darüber nachdenken.

„Die digitalen Güter werden Menschen genauso viel wert sein wie die physischen“, sagt Fischer. „Wenn ich zum Beispiel überlege, wieviel Zeit ich auf Instagram verbringe, dann ist die Wahrheit: Es gibt kaum einen Ort, an den ich an einem Tag so oft zurückkehre. Deswegen ist der Gedanke nicht so weit entfernt, dass wir uns in Zukunft mehrere Stunden am Tag in einem digitalen Universum aufhalten werden. Und da wird es eine digitale Ökonomie geben.“

Auch wenn der Atari-Schuh derzeit kaum mehr als ein digitales Asset ist, das man in einem elektronischen Wallet hinterlegen kann, wird sein Wert mit ziemlicher Sicherheit steigen. Das liegt nicht nur an der Limitierung, die den Resale-Wert (die feste Größe eines jeden Limited-Edition-Sneakers) jetzt schon in die Höhe treibt, sondern auch an den Software-Updates, die den Schuh in den nächsten Jahren für weitere Anwendungen kompatibel machen werden.

Sneaker kaufen und verkaufen

Auch die fröhlich illustrierten Nikes von Ruohan Wang zählen zu jenen in begrenzter Stückzahl hergestellten Turnschuhen, die in Nullkommanix ausverkauft waren. Sie gehören noch in die alte Welt. Man kann sie anfassen, anziehen, in die Ecke werfen oder in den Schrank stellen. Anlässlich des Earth Days, des weltweiten Umwelttages, wurde die Berliner Grafikerin im vergangenen Jahr von Nike gebeten, die ikonischen Modelle Air Force 1, Air Max 90 und Blazer Mid zu gestalten. Das Material: Fly Leather, ein eigens von Nike eingeführtes Recyclingprodukt. Nike muss die Konsumenten heute mit glaubwürdigen Nachhaltigkeitsversprechen überzeugen, eine Thematik, die für die gesamte irdische Bekleidungsbranche ganz oben auf der Agenda steht. Was die digitalen Schuhe den physischen ja voraus haben, ist ihre Entstofflichung. Außer Strom und Hardware verbrauchen sie keine Ressourcen. Wie stark diese zwei Komponenten pro Paar zu Buche schlagen, ist allerdings noch nicht erforscht.

Foto: Ewelina Bialoszewska
Hat Sneaker für Nike gestaltet: die Berliner Illustratorin Ruohan Wang.

Wangs Turnschuhe jedenfalls überzeugten die Sneakerheads. „Im Herbst 2020 gingen die Schuhe in den weltweiten Verkauf,“ erzählt die Künstlerin. „Viele haben die Schuhe gar nicht bekommen. Sie waren rasend schnell ausverkauft.“ Wer jetzt noch welche haben will, der muss auf die zweite Welle warten. „Dann tauchen die Schuhe für den Wiederverkauf im Internet auf. Natürlich teurer“, so Wang weiter. Fast ist man geneigt zu spekulieren, dass sich in den digitalen Schuhen nur das fortsetzt, was für  Sammler herkömmlicher Sneaker ohnehin schon Realität ist: Der Schuh wird untragbar. Weil er zu kostbar ist.

Auch der Berliner Daniel „Quote“ Kokscht hat schon Turnschuhe gestaltet, genauer gesagt, die Modelle ZX 500 und ZX 420 von Adidas. Er arbeitet im Marketing des Kreuzberger Sneaker-Stores Overkill und ersammelte sich seine Sneaker-Reputation mit inzwischen über 500 Paare, alle von Adidas. Nicht ganz typisch ist sein Umgang mit den guten Stücken: „Ich ziehe die Schuhe auch an,“ erklärt er frei heraus. „Aber klar, wenn Sneaker getragen werden, verlieren sie auf dem Zweitmarkt an Wert.“ Und dieser Markt ist inzwischen so professionell organisiert, dass für viele die Kaufabsicht schon mit dem Investmentgedanken verbunden ist. „Die Website stockx.com ist so ein Bespiel“, sagt Kokscht. Das Portal funktioniere wie eine Börse, über die Schuhe ge- und verkauft werden. „Man schickt die Sneaker ein, woraufhin sie bewertet und auf Echtheit geprüft werden. Das Gebot mit der entsprechenden Höhe bekommt dann den Zuschlag. Den Preis bestimmen Angebot und Nachfrage. Da werden Millionen umgesetzt“, sagt Kokscht.

Klar, wenn Sneaker getragen werden, verlieren sie auf dem Zweitmarkt an Wert.

Daniel „Quote“ Kokscht

Und auch wenn die Gummisohlen vieler dieser Schuhe nie den Asphalt berühren werden, so bedeutet das noch lange nicht, dass das letzte Stündlein herkömmlicher Schuhe geschlagen hat. Unsere biologische Körperlichkeit lässt sich derzeit noch nicht wegdigitalisieren, und so werden wir auch weiter Schuhe brauchen. Sneaker werden da ganz vorne mit dabei sein, denn immerhin sind sie die modernsten und technologisch fortschrittlichsten Schuhe, die es gibt. Und ganz nebenbei: Zu den Ataris von RTFKT soll es demnächst eine physische Entsprechung geben. Also, der letzte Schritt ist noch nicht gegangen. 

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.