Berlin - Neulich habe ich mit meiner Mitbewohnerin über Aschenbrödel gesprochen und wieder etwas über Identitäten gelernt. In meinem Elternhaus in Magdeburg gibt es kein Weihnachten ohne den Märchenfilm. Als vor kurzem die Hauptdarstellern Libuše Šafránková starb, verkrümelte meine Mutter sich im Wohnzimmer, zog die Vorhänge zu und schaute den Film den ganzen Nachmittag in Dauerschleife. Unter Tränen. Als ich meiner Mitbewohnerin in unserer Küche davon erzählte, fragte sie: War das der Film mit dem verlorenen Schuh? Sie ist in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, hat Aschenbrödel noch nie gesehen und weiß nichts von dem emanzipierten Aschenputtel, das alleine jagen geht und sich gegen Stiefmutter und Prinzen behauptet.

Wir lachten beide darüber. Aber was sich da an unserem Küchentisch, im Kleinen, für mich zeigte: Fehlen Perspektiven, geht etwas verloren. Und eigentlich ist es genau das, worum es bei der Identitätspolitik, im Großen, geht.

Die ostdeutsche Perspektive

Und die steht gerade wieder unter Dauerbeschuss. Seit Wolfgang Thierse Anfang des Jahres den Auftakt machte (Identitätspolitik sei „demokratiefeindlich“), erscheint vor allem in konservativen Medien alle paar Tage ein Beitrag, der die linke Identitätspolitik zur Mutter aller Probleme erklärt. Ihr wird vorgeworfen, die Gesellschaft zu spalten. Und ja, die Sorge ist nicht unbegründet. Trotzdem braucht es Identitätspolitik – und auch für Ostdeutsche ist sie wichtig. Das kann ich sagen, weil ich das selbst erst lernen musste.

Ich bin in Gardelegen in Sachsen-Anhalt geboren, im Herbst 1990, ein paar Tage vor der Wiedervereinigung. Aufgewachsen bin ich in Magdeburg und einem Deutschland mit 16 Bundesländern. Ost und West waren für mich Himmelsrichtungen. Doch mit den Debatten der vergangenen Jahre hat sich das geändert. Mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass sich die ostdeutsche Perspektive noch immer von der westdeutschen unterscheidet; dass sie zu wenig gesehen wird. Und dass es meine Perspektive ist.

Pro Rotkäppchen, contra Rest

Ich bin in anderen Strukturen aufgewachsen als meine Mitbewohnerin (weniger Erbe, mehr Wegzug), anderen Selbstverständlichkeiten (arbeitende Mütter), in einer anderen Umgebung (Platte statt Berge) und mit einer anderen Geschichte (meine Eltern haben in zwei, meine Großeltern in drei verschiedenen Systemen gelebt). Das alles prägt meinen Blick auf die Welt – von aktuellen Debatten (was haben die versprochenen blühenden Landschaften von damals mit den politischen Ergebnissen von heute zu tun) bis zum persönlichen Sektgeschmack (pro Rotkäppchen, contra Rest).

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Kein Blick auf die Welt ist objektiv. Schon allein deswegen ist Identitätspolitik etwas Sinnvolles. Sie kann erstmal eine Perspektive sein, die man sich wie eine Brille aufsetzt, um zu sehen, wer da eigentlich was fordert. Zum Beispiel: Ist es ein Mann, der das Verbot von Abtreibungen will? Ist es eine weiße Person, die behauptet, es gebe keinen strukturellen Rassismus in Deutschland? Ist es eine westdeutsche Person, die meint, man solle keine Gelder für ländliche Regionen im Osten ausgeben, weil die sowieso im Niedergang begriffen seien? Die Antworten auf solche Fragen können nie das einzige Argument sein. Sie sind aber immer ein sehr aufschlussreiches.

Man sieht den Menschen ihre Identität nicht an

Ein ostdeutscher Bekannter von mir arbeitet als Kulturjournalist bei einem überregionalen Medium. Er erzählte mir, dass bei verstorbenen ostdeutschen Ikonen stets eine Debatte darüber entstehe, wie groß – oder klein – der Nachruf zu sein habe, so auch wieder bei Libuše Šafránková. Die westdeutschen Kolleginnen maßen ihr nicht die gleiche Bedeutung zu wie die ostdeutschen. Und das macht ja – Brille auf – auch Sinn: Sie hatten vermutlich keine weinenden Mütter zu Hause sitzen.

Das ist erstmal kein Problem. Es müssen nicht alle Westdeutschen einen emotionalen Beziehung zum Aschenbrödel haben. Aber daran zeigt sich wieder einmal, wie wichtig es ist, dass auch Ostdeutsche in den Redaktionen sitzen. Und es gibt viele Perspektiven, die noch zu wenig gesehen werden – die vietdeutsche, die afrodeutsche, die muslimische, die von nicht-binären Personen und viele andere. Ob in Redaktionen oder politischen Gremien: Um zu schaffen, dass sich möglichst viele dieser Perspektiven dort wiederfinden, muss man erstmal die Brille aufsetzen – denn man sieht den Menschen ihre Identität meistens nicht an.

Es wird Zeit zu reden

Im nächsten Schritt dient Identitätspolitik dazu, dass Gruppen, die bisher benachteiligt waren, sich ihrer Perspektive bewusst werden, eine Stimme erheben, einen Anspruch, und sichtbar werden. Da geht es nicht darum, Köpfe zu tätscheln oder Gefühle zu streicheln. Da geht es um Repräsentanz und um die Verteilung von Macht. Um die Frage: Wer bekommt wie viel vom Kuchen in diesem Land?

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani vergleicht den Integrationsprozess in Deutschland mit einer Tischgesellschaft. Am Anfang seien die, die neu an den Tisch kommen, froh, überhaupt dabei zu sein und würden sich mit dem servierten Kuchenstück begnügen. Aber deren Kinder, die nächste Generation, die wollten nicht nur mitessen. Sondern mitentscheiden, was es zum Nachtisch gibt. Laut El-Mafalaani gilt das für alle benachteiligten Gruppen: Menschen mit Migrationsgeschichte, Frauen, Homosexuelle, oder eben Ostdeutsche.

Damit nochmal zu Wolfgang Thierse: Ich verstehe ihn ja. Zwar ist er selbst Ossi, aber einer der wenigen, die seit 30 Jahren meist ungestört mit am Tisch sitzen dürfen. Da nervt es natürlich, wenn einer am Tisch rüttelt. Vor allem, wenn ein Ende nicht absehbar ist. Und dann ist die neue Tischnachbarin im Zweifel noch nicht mal dankbar, sondern sagt: Wird ja auch Zeit.

Bei Identitätspolitik geht es um Gleichberechtigung

Würde es etwas bringen, wenn sie nicht so ungeduldig wäre? Damit ein Herr Thierse bereitwilliger Platz macht? Klar, vielleicht. Aber wie man einen Herrn Thierse verstehen kann, versteht man vielleicht auch ihre Wut auf jene, die schon lange Platz hätten machen können und es nie getan haben.

Es stimmt, dass auch in der Identitätspolitik das Potential der Spaltung steckt. Mit jedem „Wir“ entsteht auch ein „Ihr“. So bin ich Ostdeutsche, weil es Westdeutsche gibt. Frau, weil es Männer und nicht-binäre Personen gibt. Arbeiterinnen-Kind, weil es Akademikerkinder gibt. Ich glaube, dass das Gute überwiegt – wenn sich alle immer wieder klar machen, dass es bei Identitätspolitik eben nicht um Ausgrenzung geht, sondern um Augenhöhe. Um Sichtbarkeit, auch der anderen.

Das Rütteln, bei aller Unsicherheit, die es auslöst – es ist prinzipiell etwas Gutes. Der Soziologe El-Mafaalani spricht vom Integrationsparadox. Wir denken oft, eine Gesellschaft drifte auseinander, wenn dort viel gestritten wird. Aber eigentlich bedeutet es, dass sie zusammenwächst. Weil die, die vorher am Boden saßen, jetzt am Tisch sitzen und mitstreiten.

Auch das kann man doch sehr gut aus der ostdeutschen Perspektive erzählen: Lange wurde über den Osten nicht mehr gesprochen, aber die Probleme waren ja nie weg. Wirtschafts-, Diskurs-, politische Macht, historische Haupterzählung, war alles immer westdeutsch. Das hat sich noch nicht geändert. Aber zumindest bekommen das Problem jetzt immer mehr Leute mit – weil die Ostdeutschen sich mehr zu Wort melden, mehr gehört werden und Veränderung einfordern. Dass wir wieder so viel über Ost und West reden, zeigt also, dass wir bei der Wiedervereinigung auf einem guten Weg sind.

Ich glaube, eines der großen Probleme mit der Identitätspolitik ist, dass eine andere Perspektive, Erfahrung, schnell als etwas Trennendes betrachtet wird. Aber das muss sie ja nicht sein. Sie ist immer auch eine Chance, diese Gesellschaft ein bisschen gerechter, gleicher, freier zu machen. Wäre das bei der Wiedervereinigung geschehen – stellt euch vor, wo wir dann heute stehen könnten in Sachen Gleichberechtigung zwischen allen Geschlechtern.

Dass Unterschiede eine Bereicherung sind, sehe ich ja auch an unserem Küchentisch: Meine Mitbewohnerin weiß jetzt von Aschenbrödel, ich vom kleinen Lord. Das nächste Weihnachten ist gerettet.

Valerie Schönian, Jahrgang 1990 und aufgewachsen in Magdeburg, ist Autorin des Leipziger Büros der ZEIT und des Buchs „Ostbewusstsein.“ Sie lebt in Berlin und schreibt an dieser Stelle in ihrer Kolumne „Bei uns heißt das Polylux“ einmal im Monat über die Dinge, die mit ihrer Heimat Ostdeutschland zu tun haben. Und über die Anderen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.