Berlin - In Deutschland brennen die Sicherungen durch. Und das nur, weil sich 52 Schauspielerinnen und Schauspieler dazu entschlossen haben, in kleinen Videobotschaften teils satirisch, teils ironisch, teils zynisch die Arbeit der Bundesregierung und die Rolle der Leitmedien zu hinterfragen. Nach einer Woche steht die Frage im Raum, was sich die Menschen hinter der Aktion gedacht haben. Sind es Querdenker? Neonazis? Corona-Leugner? Verfassungsfeinde?

Dass angesichts voller Krankenhäuser und hoher Inzidenzwerte die Emotionen hochkochen, ist verständlich. Weniger verständlich ist, wie die Leitmedien den Fall mit aufbauschen und wie emotional Teile der Online-Community reagieren. Hinter der Aktion wird ein staatsfeindlicher, demokratieverachtender Plan vermutet, ein Coup d’état mit dem Ziel, die rationalen Beschlüsse der Bundesregierung mit Falschbehauptungen und Verschwörungstheorien zu konterkarieren.

Man muss sich schon die Augen reiben. Der Tagesspiegel publiziert einen langen Bericht, der den Schluss zieht: „Die Aktion #allesdichtmachen war ähnlich akribisch geplant wie eine Tatort-Produktion.“ In dem Text wird der Berliner Regisseur Dietrich Brüggemann als Strippenzieher hinter den Videos enttarnt. Er soll als verkappter Linker die Schauspielerinnen und Schauspielern zum Mitmachen überzeugt und die Stoßrichtung der Video-Monologe inszeniert haben. Außerdem werden ihm Verbindungen zur Querdenker-Szene zu Last gelegt. In dem Tagesspiegel-Bericht heißt es: „Hinter #allesdichtmachen steckt somit eine klare politische Agenda; die vielen Stimmen gehen vermutlich auf einen einzigen Autor zurück.“ Auf Brüggemann nämlich.

Um nicht missverstanden zu werden: Die Aktion darf man kritisieren. Man darf sie doof finden. Man darf sie zynisch, geschmacklos, unangebracht finden. Doch die Empörung und die Art und Weise, wie Kritiker der Anti-Corona-Maßnahmen in die Mangel genommen werden, hat verleumderische Qualitäten angenommen, die die Diskussion vergiften und zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft führen.

Das beste Beispiel ist das Interview, das Jan Josef Liefers, einer der Teilnehmer der Aktion, mit dem Journalisten Martin von Mauschwitz im WDR geführt hat. Er wurde in dem Gespräch regelrecht gegrillt. Die Fragen des Moderators implizierten, dass sich Jan Josef Liefers als WDR-Kollege gefälligst mit der Arbeit der WDR-Nachrichtenredaktion solidarisch zeigen solle. Sind persönliche Meinungsäußerungen also eine Gefahr für die Karriere bei den Öffentlich-Rechtlichen? Wurden darum berufliche Konsequenzen für die Schauspielerinnen und Schauspieler gefordert, die an der Video-Aktion teilgenommen haben? Das WDR-Interview lässt solche Annahmen jedenfalls zu. Es war nicht nur kritisch, es war förmlich aggressiv und in seiner Härte unprofessionell geführt. Es hat Vorurteile gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bestätigt, wonach die großen GEZ-finanzierten Sendeanstalten sich bei staatskritischen Äußerungen selbst angegriffen fühlten.

Auch in der Redaktion der Berliner Zeitung existieren unterschiedliche Positionen, was die Bewertung der Video-Aktion von #allesdichtmachen und auch die Arbeit der Bundesregierung betrifft. Dieser Text hätte von einem anderen Kollegen verfasst werden können und wäre weniger verständnisvoll ausgefallen. So ist das in einer Demokratie. Und das ist gut so. Auch in den Redaktionen wird gestritten, wie in der Gesellschaft insgesamt, über den Sinn und Zweck der Anti-Corona-Maßnahmen und über den weiteren Weg in der Bekämpfung der Pandemie.

Dabei muss die Regel gelten: Streit auf Augenhöhe. Jedes Wort hat seine Berechtigung, jede Position, die auf dem Fundament der Gewaltfreiheit und der demokratischen Grundordnung fußt, muss Gehör finden. Denn nur im fairen Austausch der Positionen kann sich eine Gesellschaft über den richtigen Kurs verständigen und die Position der Mehrheitsgesellschaft akzeptieren. Das gilt insbesondere in einer Krise wie der aktuellen. Die Debatte über die Video-Aktion widerspricht diesem Prinzip.

Das heißt mit anderen Worten: Im öffentlichen Diskurs darf es keine Denkverbote geben. Auch verquere und scheinbar irre Positionen müssen ausdiskutiert werden. Ein Beitrag, der Covid-19 mit der Grippe vergleicht, sollte keine Meldung für den Verfassungsschutz sein (Drosten macht ja ähnliche Vergleiche). Vielleicht wäre es stattdessen sinnvoll, die gesellschaftlichen Energien in andere Fragen zu investieren. Wie wollen wir dem Virus leben, wenn sich weitere Mutanten bilden, gegen die unsere aktuellen Impfungen nicht helfen? Wie sollen wir Bewegungsfreiheit ermöglichen, die den Grundrechten entspricht und zugleich dem Infektionsschutz gerecht wird? Warum hat die EU bei der Impfbeschaffung versagt? Warum ist die serbische Bevölkerung aktuell zu 19 Prozent vollständig geimpft und die deutsche nur zu sieben Prozent? Warum können wir die Berliner Mauer niederreißen, aber keine Impfkampagnen organisieren? Wichtige Fragen, die drängender erscheinen als ein paar Satire-Videos von Schauspielerinnen und Schauspielern.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.