Als ich meinen neuen Partner vor ein paar Monaten auf ein erstes Date traf, kannten wir uns bereits viele Jahre. Ich ließ es mir nicht nehmen, schon vor dem ersten Date nach seinem Sternzeichen, Aszendenten und Mond zu fragen. Ich war begeistert davon, dass er so viel Erde im Horoskop hatte, denn ja, ich suchte nach Stabilität – und dafür steht Erde bekanntlich als Element. Mein Partner strahlt Stabilität aus, doch ihn darauf zu reduzieren, würde ihn in ein Narrativ packen, aus dem er nur schwer wieder ausbrechen kann.

Vielleicht half es, dass wir uns bereits kannten, dass Berührungspunkte und Gespräche in der Vergangenheit da waren. Ich nahm mir jedenfalls vor, sein Horoskop ruhen zu lassen und erst nach ein paar Wochen einen Blick in seine Sterne zu werfen. Es fiel mir nicht leicht. Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich versuchte, herauszufinden, was sein Horoskop über ihn sagte. Da war mehr als nur Erde, aber was? Auch wenn ein Teil davon nur meiner nerdig-astrologischen Neugierde geschuldet war: Ein weitaus größerer Teil wollte wirklich wissen, ob es sich lohnt. Was für eine fiese Frage für ein erstes Date. Aber ich wollte eben Schmerz verhindern, vergangene Fehler vermeiden und ich dachte auch, ich könnte das Leben durch diese Art von Kontrolle austricksen.

Alle sprechen heute die Sprache der Astrologie

Es scheint, als sprächen mittlerweile alle ein bisschen Astro. Es heißt dann: „Du bist so ein Fisch, so typisch!“ Aber was soll das heißen? Dass ich emotional bin? Viel Zeit für mich brauche? Gerne und gut zuhöre? Dass ich überall Kristalle herumliegen habe und Tiere liebe? – Stimmt in meinem Fall übrigens alles. Den meisten Menschen ist ihr Sternzeichen bekannt, aber weniger Menschen wissen, dass dies nur einen kleinen Bruchteil ihres Geburtshoroskops ausmacht.

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Am 17./18. Juli 2021 im Blatt: 
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Manche kennen noch ihren Aszendenten und Mond, die fortgeschritteneren Wissenshäppchen. Während das astrologische Grundgerüst unserer Freunde und Bekannten uns in der Regel weniger interessiert, werden beim Dating plötzlich alle zu Hobbyastrologen: „Hatte letztens was mit einem Stier – wow, das war so richtig leidenschaftlich“, heißt es dann. Es beruhigt eben zu wissen, mit wem man es zu tun hat, wer möglicherweise ins Leben tritt und ob man zusammenpasst.

Gerade in Milieus, die sich außerhalb der heteronormativen Norm bewegen, also gerade in queeren oder kritischen Kontexten, blüht die Astrologie heute wie selten zuvor. Das leuchtet ein, zumal ein Horoskop an sich ja keinerlei Aussage über das Geschlecht einer Person erlaubt. Astrologie verspricht eine Form von Spiritualität und Weltbetrachtung, die außerhalb sozialer Machtgefüge situiert zu sein scheint. Ist Astrologie vielleicht so etwas wie eine Abkürzung für die Revolution?

Inspiration und Symbolismus 

Ich jedenfalls hatte heimlich darauf gehofft und daher in den letzten Jahren beim Dating immer zeitnah genaue Geburtsdaten erfragt – ohne Geburtshoroskop ging nichts. Mein Lieblingsmoment: Wenn Männer, die nach gerade mal zehn Minuten analogen Dates mit mir ihrer Mutter schreiben, zu welcher Uhrzeit sie geboren wurden. Ich bin kein ausgebildeter Astrologe, nur ein interessierter Nerd. Und als Schriftsteller liefert die Astrologie mir Inspiration und psychologisch angehauchte Symbolwelten, in denen ich mich gern verliere. Je mehr ich über Astrologie lernte, desto mehr sah ich ihr Potenzial. Aber zugleich war ich auch immer versuchter, meine Dating-Ängste durch diese Art der Kontrolle in Schach zu halten.

Natürlich wurde es nichts mit meinem Zwillings-Ex, das hätte ich mir auch denken können: viel zu sprunghaft. Klar war die Beziehung mit dem Wassermann-Ex so intellektuell, natürlich lebt er jetzt in einer Polybeziehung. Die Grenze zwischen emotionaler Detektivarbeit und Ablenkung von schmerzlichen Gefühlen lässt sich aber nicht immer so leicht ziehen. Oft gab es für mich Aha-Momente, in denen ich eine astrologische Erklärung für Dinge fand, die sich in der Beziehung schwerer greifen ließen. Auch für die Arbeit an mir ist die Astrologie ein wunderbares Werkzeug, das mir neue Möglichkeiten meiner Persönlichkeitsentwicklung aufzeigt – meine Therapeutin etwa ist zugleich Astrologin, und ich finde das eine absolut faszinierende Kombination.

Dabei kann das Horoskop aber immer nur eine Karte sein, denn nichts mehr ist ein Horoskop: eine Karte der Sterne zum Zeitpunkt meiner Geburt, vom Blickpunkt meines Geburtsorts aus. Wo die Planeten sich zu diesem Zeitpunkt in Relation zur Erde befinden, verortet die Astrologie in Tierkreiszeichen. Ob Astrologie jetzt Glaubenssache, Esoterik oder ein ernstzunehmendes Wissenssystem ist, will ich an dieser Stelle gar nicht weiter diskutieren. Fakt ist, dass Astrologie ein fester Bestandteil des popkulturellen Vokabulars meiner Generation geworden ist. Und, dass viele Leute sich ihr bereitwillig anvertrauen, zumindest soweit ihr von Memes, Apps und Websites gespeistes Wissen reicht.

Date-Matching über die Astrologie-App

Manchmal fragen Freund:innen mich, ob jemand zu ihnen passt. Ich weiß dann oft gar nicht, was ich sagen soll. Was, wenn wir einem Mensch, in den wir uns verlieben, nicht die Chance geben, auf uns einzuwirken? Was, wenn die Angst vor Enttäuschung dazu führt, dass ich mein Gegenüber nur durch die Brille des Horoskops betrachte? Dann wird mein Blick auf die andere Person ein pornografischer.

Wenn ich mich dieser Person aber in ihrer Komplexität widme und auch bereit bin aufzugeben, was ich über diese Person zu wissen glaube – sei’s aus meinen Erfahrungen oder aber meiner Interpretation der Astrologie –, dann wird daraus ein erotischer Blick, der sich der Gegenwart des anderen mit voller Aufmerksamkeit widmet. Die Stärke der Astrologie liegt in ihrer Komplexität. Wir versagen uns dieser Stärke, wenn wir uns auf Sonnenzeichen (Sternzeichen) reduzieren oder per Algorithmus ein astrologisches Match zwischen zwei Personen erstellen lassen. Letzteres tut etwa die App Co-Star. Verdaubar und in kleinste Sentenzen gepackt verspricht sie Astrologie für alle. Besonders tückisch dabei: Der Abgleich der Kompatibilität zweier User durch die Astro-Chart. Das schöne Design und die zeitgeistigen Illustrationen unterstreichen das digitale Geheimwissen, machen aus dem Esoterischen bloße Pop-Psychologie.

Es hat letztlich doch nur wenige Wochen gedauert, bis ich sein Geburtsdatum auf astro.com eintippte. Anstatt lange nach Mustern zu suchen, sah ich den Tanz der Planeten auf dem Bildschirm meines Handys, während ich mit der Person auf der Couch lag, in deren Bewusstsein diese Planeten kreisten. In ihren besten Momenten schafft Astrologie Mitgefühl, Verständnis und Miteinander. In unseren besten Momenten nutzen wir die Astrologie als Karte einer Reise, auf der wir uns befinden. Astrologie spricht die Sprache des Lebens, wenn sie keine einfachen Antworten liefert – sondern wenn sie uns dabei hilft, die richtigen Fragen zu stellen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.