Berlin - Mit ein paar Babyrobben hat alles angefangen. Beziehungsweise: Mit dem Bild zweier Babyrobben, gedruckt auf einen Teller. Das krachend kitschige Porzellan hatte Kamila Majcher auf einer Auktion entdeckt, irgendetwas habe sie zum Höchstgebot animiert. Flauschiges Fell, große Kulleraugen, feine Barthaare – „mir war sofort klar, dass ich da etwas Ungezogenes drüberschreiben muss“, sagt die Künstlerin nun im Interview. „Send nudes“, textete sie schließlich – „schick mir Nacktbilder“.

VERY UGLY PLATES
Links: „Als ich ihr gesagt habe, sie solle mich reiten, hatte ich eigentlich was anderes im Sinn.“, rechts: „Flieg und scheiß ihm auf das brandneue Auto“.

Auf sozialen Medien und Dating-Apps ist diese recht knappe Aufforderung bekanntermaßen weit verbreitet. Und ohnehin ist es die Sprache des Internets, die Kamila Majcher oft benutzt. Ihre „Very Ugly Plates“, wie sie das Projekt nennt, sind so etwas wie analoge Memes – genau wie die digitalen Text-Bild-Kombis sollen auch ihre Porzellanobjekte zum Schmunzeln anregen. „Der große Unterschied zu den Memes im Internet ist aber, dass meine Sprüche längerfristig funktionieren müssen“, sagt Majcher, „schließlich sind das Objekte, die einen Sammlerwert haben, während digitale Memes eher für den Moment geschaffen sind und meistens mit aktuellen Nachrichten oder Geschichten korrespondieren.“

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Links: „Puh, endlich kann ich furzen“; rechts: „Vielleicht sollte ich aufhören, Nacktbilder an irgendwelche Tinder-Typen zu schicken“.

Seit drei Jahren – seit dem Erwerb des Babyrobben-Tellers – arbeitet die Künstlerin mit ihren „Ugly Plates“: Sie kauft bemalte oder bedruckte Teller auf dem Flohmarkt, auf Ebay, auf Auktionen und erweitert sie um Texte. „Gäste sind wie Fische – nach zwei Tagen fangen sie an zu stinken“, steht dann auf einem Teller mit Unterwasser-Dekor und Schuppentier; „Happy Birthday! Es wird Zeit, deine Prostata regelmäßig untersuchen zu lassen“ auf einem Modell mit adrettem Blümchenrand. Verorten lassen sich Majchers Werke wohl am ehesten in der Post-Internet-Art, jenem jungen Kunstgenre, das mit Ästhetiken und Inhalten des Internets spielt.

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Die Künstlerin mit einem ihrer Teller: „Hey Baby, ich bin berühmt auf Instagram!“

Was als erstes da ist – das Teller-Muster oder die Text-Idee –, kann Kamila Majcher nicht grundsätzlich sagen; „mal kaufe ich einen bemalten Teller und überlege mir dann den Text dazu, andere Male habe ich einen Text im Kopf und suche dann den perfekten Teller dafür.“ Beim Denken und Schreiben inspirierten sie jedenfalls die wilden Geschichten ihrer Freundinnen und Freunde – „und wenn es polnische Texte sind, dann stammen sie meistens von meiner Mutter, die wirklich sehr, sehr lustig ist“, so die gebürtige Polin.

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Links: „Gekommen wegen der Currywurst – geblieben wegen der Drogen“; rechts: „Gäste sind wie Fische – nach zwei Tagen fangen sie an zu stinken“.

Seit sieben Jahren lebt und arbeitet Kamila Majcher in Berlin. Neben den Tellern verwirklicht sie auch andere Kunstprojekte – am 16. April eröffnet sie eine Ausstellung in The Ballery, einer kleinen Galerie in Schöneberg. „In der Schau möchte ich die ganze Bandbreite meines Schaffens zeigen“, sagt sie, „aber natürlich werden auch meine Ugly Plates ein zentraler Teil der Ausstellung sein.“

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Links: „Höchste Zeit, hier verfickt nochmal abzuhauen“; rechts: „Sprich uns nicht an, wir sind viel zu beschäftigt damit, fantastisch zu sein“.

Und wer so einen scheußlich-schmucken Teller nicht nur in der Galerie, sondern auch bei sich zu Hause bestaunen will, braucht für Kunstverhältnisse gar nicht so tief in die Tasche zu greifen. Bisher gibt es Majchers Ugly Plates zwar nur in Geschäften in Polen und Großbritannien, eine kleine Auswahl bietet sie aber auch auf ihrer Webseite an – für gerade einmal 65 Euro das Stück.

Weitere Infos: https://veryuglyplates.de/


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.