Berlin - Auf den Schultern, da wo sonst der Kopf sitzt, prangen knallgelbe Emojis. Die Menschen dahinter wirken dadurch wie Avatare ihres Ausdrucks. Überzeichnete Signifikanten, wie sie tagtäglich durch unsere Kommunikationskanäle flirren: dieses Gesicht mit den zwei dicken Lachtränen an den Seiten. Auch das mit den roten Bäckchen, das wohl Verlegenheit signalisiert, oder das mit den Dollarzeichen in den Augen. 

Die Menschen dahinter sind Sexworker aus Kapstadt. Die Szene entstammt dem Video „TLDR“ (2017), in dem die Künstlerin Candice Breitz uns mit unseren Vorurteilen zum Thema Sexarbeit konfrontiert. Die Spannung zwischen Kunst und Politik, zwischen Diskurs und Aktivismus, muss man in Breitz‘ Arbeiten nicht extra hervorkitzeln. Das Politische wird hier zu einer Art Readymade. Ihre Werke sind wie Batterien, die am Schaltsystem zeitgenössischer Debatten anschließen, sie potenzieren, verengen, auch Position beziehen. Debatten wie die über die Kritik an Sexarbeit, oder was so eine Kritik über die Privilegiertheit derer offenbart, die sie aussprechen. 

Candice Breitz
Filmstill aus der Multi-Channel Video-Installation „TLDR“ (2017)

Breitz, die in Südafrika aufwuchs, lebt seit knapp 20 Jahren in Berlin-Mitte. Ihr jüngstes Projekt „This is Germany“ (TiG) entwickelte sie vom Krankenhausbett aus. Wegen einer OP hatten Ärzte ihr verboten zu arbeiten. Doch Breitz‘ innere Batterie war weiter auf Schnellstrom gepolt. TiG, sagt sie, wie wir die Invalidenstraße hinablaufen, sei aus diesem Corona-spezifischen Hunger nach Austausch entstanden. Ein Austausch, der Vielstimmigkeit abbildet, der mehr bietet als die alltäglichen Online-Shitstorms, dabei aber nicht in jenen privatsprachlichen Elitismus verfällt, wie er oft die Sprechweisen der Museen und Universitäten bestimmt.

Das TiG-Projekt will den deutschen Zeitgeist auseinandernehmen, direkt und verständlich, in Form von Kurzvideos, von Leuten aus Kunst, Kultur und Medien. Die Künstlerin Anna Ehrenstein, die Schriftstellerin Mithu Sanyal oder der Journalist Georg Diez sprechen darin zu Themen wie „Z-Sauße“, „Biodeutsch“ oder „Cancel Culture“. Themen, die auf die ein oder andere Weise alle die Frage nach dem „Wir“ flankieren. Breitz veröffentlicht die Videos, die sie mit ihrem Freund Alex Fahl produziert, seit mehreren Wochen stakkatohaft auf Social Media. Dass „This is Germany“ keine teutonische Selbstbespiegelung ist, dass es hier vielmehr darum geht, den Status quo der post-nazistischen Gesellschaft freizulegen, wird schon am Logo deutlich: eine mit Deutschlandfähnchen aufgespießte Kartoffel. 

Wir setzen uns auf eine Parkbank im Sophienfriedhof an der Akerstraße. Breitz kommt ab und zu zum Lesen hier her, sagt sie. Sie genieße die Ruhe dieses Orts. Ihre Werke spielen immer wieder mit der Verrohung unserer Aufmerksamkeit in einer Digitalökonomie, die auf Nuanciertheit und Komplexität geradezu allergisch reagiert. Dass Breitz mit TiG jetzt ein Format geschaffen hat, das auf drei bis fünf Minuten beschränkt ist, wirkt in sich wie ein raffiniert zwinkendes Emoji. „Ich war anfangs extrem skeptisch gegenüber Social Media“, sagt sie, „aber ich glaube, dass man die Welt davon losgelöst heute nicht mehr wirklich verstehen kann.“ Ist TiG nun ein Kunstwerk? Anfangs, sagt Breitz, sei sie sehr darauf bedacht gewesen, dass das Projekt nicht als Kunst wahrgenommen wird. Inzwischen merke sie, dass viele der Strategien, die sie anwendet, dieselben seien, die auch in ihrer Arbeit zu tragen kommen. 

Der Großteil der Sprechenden in den Videos, merkt man schnell, entspringt einem kulturaffinen, linken Debattenkosmos. Ob das dem Anspruch des Projekts, anders als sonstige Echokammern eine Art Meinungspluralität zu erzeugen, nicht entgegenläuft? Auch da hat sich Breitz‘ Haltung seit dem Start des Projekts gewandelt. Das Territorium, auf dem TiG sich bewegt, sei links, ja, aber nicht homogen. Die Zersplitterung in der Linken, an Themen wie Identitätspolitik, Antisemitismus und #MeToo schockiere sie. Es sei aber auch das, was sie am meisten anziehe. „Guck dir die Thierses und Wagenknechts an“, sagt Breitz, „oder diese Leute von #Allesdichtmachen. Selbst die verstehen sich ja als links!“ Allein das zeige schon, in welch desaströsem Zustand sich die Debattenkultur derzeit befindet.

Je länger wir sprechen, desto klarer wird: Bei TiG geht es nicht nur darum, der deutschen Mehrheitsgesellschaft den Spiegel vorzuhalten, alteingesessene Vorstellung von Deutschsein infrage zu stellen. Sondern auch ein Forum für kritische Selbstanalyse zu schaffen. „Viele der Ansichten, die Leute in den Clips äußern, werden sich in fünf bis zehn Jahren radikal verändert haben“, sagt Breitz, „selbst meine eigenen“. Ich frage mich, welche ihrer Einstellungen sich bereits heute verändert hat. Breitz atmet kurz durch, sagt, diesmal auf Deutsch: „Erinnerungskultur“. Bevor sie in Berlin ankam, habe sie etwa nie einen Gedanken an ihr eigenes Jüdischsein verschwendet. Das sei inzwischen unmöglich.

Es ist also auch kein Zufall, dass sich die jüngste Episode von TiG über „Menschen mit Nazihintergrund“ dreht, eine Debatte über historische Verantwortung, die im Frühjahr durch ein Instagram-Gespräch zwischen Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah losgetreten worden war. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft, forderten sie, müssten – ähnlich, wie nichtweißen Deutschen oft ein „Migrationshintergrund“ zugeschrieben wird – endlich anfangen, ihren „Nazihintergrund“ zu verhandeln. Breitz fasziniert die Debatte. Auch weil sie Schnittmengen mit dem Südafrika-Kontext wiedererkennt. Wie sehr ein Begriff wie „Nazihintergrund“ als freche Provokation empfunden wird, erinnert sie daran, wie unwillig weiße Südafrikaner nach Ende der Apartheid waren, ihre materielle oder ideologische Implikation anzuerkennen. 

Hilal und Varatharajah sind jetzt Hosts der neuen TiG-Episode. „Viele alte Linke in Deutschland wollen ständig nur über Klasse reden“, kommentiert Breitz, „dabei könnten sie jüngeren Deutschen wie diesen beiden zuhören. Glaub mir, es macht das Leben so viel interessanter!“ Was wäre „This is Germany“, als Emoji, frage ich mich, als ich mich von Breitz verabschiede. Monokel? Brille? Ein explodierendes Gehirn? Es gibt wohl noch keine treffsichere symbolische Entsprechung dafür, was TiG ausmacht: Energische Debatte. 

Der Autor dieses Texts hat im Frühjahr selbst ein Video für „This is Germany“ eingereicht.

Diese Texte sind in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.