Berlin/Uckermark - Ein guter Garten besteht meistens aus verschiedenen Bereichen – und im besten Fall erfüllt er die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Er ist Aufenthaltsort für die Familie, Quell der Erholung und Inspiration, ein Lieferant von Nahrungsmitteln und so weiter. Ein besonderer Luxus ist es, wenn auch ein kleiner Schnittgarten angelegt wurde – also ein Teil, der allein dafür da ist, möglichst viele Vasen im Haus mit Schnittblumen füllen zu können. Denn wer seinen Garten liebevoll hegt und pflegt, merkt schnell, dass es zu schade ist, blühende Blumen zu schneiden und so das Gesamtbild des Gartens zu schmälern. Ich selbst kann mich jedenfalls kaum dazu überwinden.

So ein Schnittgarten kann ja auch schön angelegt sein, vielleicht wie ein Staudenbeet oder in Reih und Glied, ganz funktional, sodass die Pflanzen leicht zu erreichen sind. Wer ein Gemüsebeet hat, kann Schnittblumen auch dazwischensetzen oder sie als Einfassung verwenden. In dem Nutzgarten, den wir mit unserem Hauskauf übernommen haben, hatte der Vorbesitzer ganze Reihen von Pfingstrosen entlang der Beete gesetzt, „weil sie das Unkraut so schön fernhalten“, so wie alle durchsetzungsstarken Pflanzen mit großen Blättern. Seit zehn Jahren sorgt nun diese praktische Idee dafür, dass ich uns und Freunde im Juni mit dicken Sträußen aus Pfingstrosen (Päonien) beglücken kann – die ich im eigenen Garten normalerweise nie so großzügig schneiden würde.

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Für einen eigenen Schnittgarten reicht eigentlich eine Fläche von etwa einem mal fünf Metern. Ein ungenutzter Streifen am Zaun vielleicht oder eine Stelle hinter einer Hecke – Hauptsache, dort scheint die Sonne. Auch ein altes Hochbeet eignet sich gut. Da kann man dann – enger als in den Beeten – dicht nebeneinander pflanzen und bei Bedarf schneiden. Oder man macht es wie ich: Blumen, die anderswo keinen Platz mehr gefunden haben, pflanze ich hier und dort im Garten, überall, wo noch ein Plätzchen frei ist.

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Pfingstrosen sind hübsch anzusehen und vertreiben sogar Unkraut.

Das bringt mich auch schon zu den Hauptakteurinnen des Schnittgartens: den Blumen. Nicht alle eignen sich dafür gleichermaßen. Mohnblumen (Papaver rhoeas) zum Beispiel halten sich nicht in der Vase (es sein denn, sie werden als Knospen geschnitten, gerade wenn die Haut aufzureißen beginnt). Ganz generell orientiert man sich hinsichtlich der Sträuße am besten an den Blumen der Saison. Von denen sollte man auf jeden Fall zu jeder Zeit welche im Haus haben, um die Jahreszeiten bewusst zu erleben und sie nach Möglichkeit sogar etwas zu strecken. Ähnlich wie mit den Kuchen, die ich von Mai bis Oktober passend zur Saison backe.

Meistens nehme ich den gleichen Teig, einen französisch zubereiteten Mürbeteig (also in den Händen gerieben, nicht geknetet) und bestücke ihn der Reihe nach mit Rhabarber, Erdbeeren, Kirschen, Klar-Apfel, Zwetschgen und Birnen, im Herbst dann vielleicht noch mal mit einer zweiten Runde Äpfeln oder Quitten. Zwischendurch gibt es immer mal Versuche mit anderen Beeren oder Mirabellen.

Unser Profi backt seine Kuchen und füllt seine Vasen stets passend zur Saison

Entsprechend dieses „Kuchen-Kalenders“ sieht es auch in meinen Vasen aus: Tulpen (Tulipa), Schwertlilien (Iris), Pfingstrosen (Päonien), Rosen (Rosa), Disteln und Karden (Dipsacus), Dahlien (Dahlia) und Astern (Aster), dazu irgendetwas „großes Gelbes“, meistens eine Sonnenblumen-Sorte (Helianthus) wie die Weidenblättrige Sonnenblume (Helianthus salicifolius). Mit dem Spätherbst kommen die Samenstände, die ab dem Sommer schon getrocknet werden und dann den ganzen Winter in den Vasen bleiben. Aktuell befindet sich in meiner großen Bodenvase noch ein Konstrukt aus zweieinhalb Meter hohen Karden, Steppenkerzen (Eremurus), Engelwurz (Angelica archangelica) und Silberkerzen (Cimicifuga). Ich bringe es einfach nicht übers Herz, es zu entsorgen.

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Wie alle Doldenblüter erlebt auch die Rosablühende Bibernelle aktuell ein großes Revival.

Wenn man mit Schnittblumen den Jahresdurchlauf begleiten will, dann sind die oben genannten Exemplare so unverzichtbar wie die Hauptdarstellerinnen in einem Film. Aber genauso wie auf der Leinwand braucht es auch Nebendarstellerinnen, die das Ganze erst so richtig abrunden, die Sträuße aufwerten und sie einzigartig machen. Schließlich mag man sich im April noch mit einem Bund Tulpen zufriedengeben – aber spätestens mit den blühenden Rosen später im Jahr wünscht man sich dann doch ein bisschen mehr Abwechslung in den Vasen.

Im Hochsommer, wenn die Blüten kleiner und wiesenhafter werden, braucht es ohnehin ein bisschen mehr Anstrengung, um sich den Garten wirklich ins Haus zu holen. Glücklicherweise gibt es von den Begleitakteurinnen mehr als genug – und die meisten von ihnen sind so schön, dass sie auch ganz allein für sich stehen können. Angefangen bei den Akeleien (Aquilegia), die sich in meinem Garten überall allein aussäen, in allen nur erdenklichen Farben und Schattierungen. Auch ihr ursprünglicher Bestand war ein Nachlass des Vorbesitzers, mittlerweile breiten sich die Akeleien überall aus, ergänzt habe ich sie durch verschiedene Sorten der „Barlow“-Serie, wie „Black Barlow“, „Bordeaux Barlow“ oder „White Barlow“.

Der Bulgarische Zierlauch trägt von allen Blumen die schönsten Blüten

Die Akelei, die ein altes Symbol für die Keuschheit ist (durch ihre Blütenformen, die an fünf „küssende Tauben“ erinnern), macht jeden Strauß so richtig romantisch. Genau wie verschiedene Sorten des Zierlauchs (Allium), insbesondere der Bulgarische Zierlauch (Nectaroscordum siculum ssp. Bulgaricum), der aber eigentlich gar kein richtiger Lauch ist. Wenn mich jemand fragt, welche Blume denn nun die allerschönsten Blüten hat, dann fällt mir oft diese ein – zumindest gibt es keine, die sich mit ihr vergleichen lässt.

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Die Weidenblättrige Sonnenblume bringt jeden Straß zum strahlen.

In dieser Woche habe ich in meiner Vase eine Kombination aus dieser Zwiebelpflanze mit Rosa Leinkraut (Linaria purpurea „Canon J. Went“) und Woll-Ziest (Stachys byzantina). Mal abgesehen von dem Hauch der weiten Welt, den schon die Namen dieser Pflanzen (von Bulgarien bis Byzanz) in unsere reisefreie Zeit bringen, entzücken mich die Blüten auch mit ihren Farben von Altrosa bis Silbergrau. Besonders angesagt in der Gartenwelt ist allerdings das Bischofskraut (Ammi majus), dessen klitzekleine, im Halbrund angeordnete Blüten einen prachtvollen weißen Blütenschirm ergeben. Wie alle Doldenblütler hat auch das Bischofskraut in den vergangenen Jahren ein großes Revival erlebt. Eben weil sie so herrlich romantisch aussehen und die Wiese in den Garten (und in die Vase) bringen.

Genau wie ihre Schwester, die Wilde Karotte (Daucus Carota), die sich zumindest in meinem Reich mit dem oben genannten Bulgarischen Lauch den Titel der Allerschönsten unter den Schönen teilt. Die Karotte allerdings finde ich eigentlich erst so richtig schön, wenn sie abblüht und die Fruchtdolden beginnen, sich nestartig zusammenzurollen. Bei den Doldenblütlern gibt es noch rosafarbene, die ich ebenso nicht mehr im Strauß missen möchte: den Gebirgs-Kälberkropf (Chaerophyllum hirsutum „Roseum“) und die Rosablühende Bibernelle (Pimpinella major „Rosea“).

Weiter vorangeschritten im Gartenjahr ist es dann das Eisenkraut (Verbene), das Größe, etwas Wildes und auch Unberechenbares in den Wohnraum bringt. Und das braucht es schon, um mich bei schönem Wetter von draußen wieder ins Haus zu locken.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.