Berlin - Wer kommt, wer kommt nicht; was ergibt Sinn und was kann weg: Viel zu oft geht es auf der Berliner Modewoche nur ums Drumherum. Das passt natürlich zur Hauptstadt, in der überall gemeckert wird - am Kneipentresen, im Straßenverkehr, vor der Dönerbude. Schluss damit! Zumindest auf der Fashion Week:  Wir wollten lieber schauen, statt zu schimpfen und haben uns ganz auf die Mode konzentriert. Und das waren die besten Kollektionen:

Family Resort
William Fan: Blumenbrokat, Statement-Colliers und multifunktionale Taschen.

William Fan

In Berlin gehörte es ja lange zum guten Ton, seine Nachbarinnen und Nachbarn nicht zu kennen. Ein Nicken auf dem Weg durchs Treppenhaus, ein gebrummtes „Hallo“ an der Biotonne im Innenhof – das war das höchste der Gefühle. Daran hat sich in den vergangenen Monaten etwas verändert, so William Fans These, in Zeiten der Reiseeinschränkungen und Regungslosigkeit habe man sich in der Nachbarschaft neu verorten müssen. „Neighbourhood“ ist denn auch der programmatische Titel seiner neuen Kollektion, die der Designer am Mittwoch in den Wilhelm Hallen vorstellte. Nun ist es für Modeschaffende ohnehin eine erklärte Aufgabe, sich mit dem Umfeld auseinanderzusetzen – zu analysieren, zu verstehen, was die Menschen tragen und tragen wollen werden. William Fan weiß das, wie kein Zweiter in Berlin. Das zeigt auch seine neue Mode, in der es augenscheinlich um Halt und Haltung geht.

Die Silhouetten zeichnet er dieses Mal weniger weich, weniger locker. Den Fokus setzt er vielfach auf die Taille: bei einem gegürteten Streifenmantel mit einer neuartigen Roll-und-Bubikragen-Variation etwa, in der kostümhistorisch anmutenden Schnittkonstruktion einer champagnerfarbenen Jacke, deren enger Mittelteil an die Form eines Korsetts erinnert. Kontrastierend dazu gibt es gerade geschnittene, bodenlange Kleider – für Sie und auch für Ihn – sowie drapierte Bauchfreitops.

Dunkler ist diese Kollektion, nobler noch als man es von Fan ohnehin gewohnt ist, viel Schwarz, viel Sex. Doch auch lichte Punkte setzt er: Sandfarbenes Seersucker – zur skulpturalen Bluse geformt –, psychedelische 70er-Jahre-Prints, ein Blumenbrokat in Grün-, Violett- und Blautönen. Dazu interpretiert er seine ikonische „Fan Bag“ als multifunktionales Taschenmodell neu. Außerdem Colliers aus übergroßen, bunten Kettengliedern und Kristallen – besonders schön zu einer Art schwarzem Jackettjacken-Oberteil. Wen man so an der Biotonne trifft, den grüßt man auch.

Nowadays/Getty
LML Studio: Vintage-Stoffe, Layerings und meisterliche Patchworks. 

LML Studio

Ketten, Handschellen, Zwinger – das kann alles nicht die Lösung sein. Aber irgendwas muss sich Berlin einfallen lassen, um Lucas Meyer-Leclère halten zu können. Hier in dieser Stadt, die sich viel zu wenig um seine brillantesten Designerinnen und Designer kümmert. Gegründet hat der Franzose, der 2017 nach Berlin kam, sein Label LML Studio trotzdem hier. Und davor? Studium an der berühmtesten, der besten Modeschule der Welt, Central Saint Martins in London; unterbrochen für vier Jahre, um auf Geheiß von Karl Lagerfeld hin Stoffe für Chanel zu entwerfen; später wieder aufgenommen und abgeschlossen; danach die Entwicklung von Materialien für Modehäuser wie Louis Vuitton, Dior und Lanvin.

Eigentlich sagt das ja schon alles – und eigentlich hätte sich Meyer-Leclère auf seinen Engagements mit den ganz großen Namen ausruhen können. Gut aber, dass er nun seine eigene Mode macht. Dass er auch in seiner Kollektion, die er über drei Jahre immer wieder angereichert und die er am Dienstag endlich auf der Fashion Week präsentiert hat, vor allem das Material in den Fokus setzt. Weiche Qualitäten und feste Textilien, teures Kaschmir und günstige Woll-Polyester-Mischungen – Stoffe wähle er tastend aus, erklärt Meyer-Leclère. Im Grunde arbeite er viel mehr mit den Händen als mit den Augen. Der Mann stapelt gern tief.

Denn wie er die Stoffe, die er Vintage-Kleidungsstücken entnimmt (alten Jil-Sander-Jacketts, Entwürfen von Dior, Berluti, Loewe, persönlichen Chanel-Geschenken Lagerfelds, einer historischen Seide der Edo-Zeit aus Japan) weiterverarbeitet, ist wirklich meisterhaft. Er bringt sie zu Patchworks zusammen, bemalt sie von Hand, schneidet Cutouts aus den alten Nähten. Höchst attraktive Layering-Looks, die spontan und intuitiv entstehen, immer auf dem Experiment basierend, so erklärt es Meyer-Leclère selbst. Der übrigens mit Berlin zufrieden ist: Die Stadt habe ihm eine Carte blanche gereicht, um sich auszuprobieren. Immerhin.

Stefan Knauer/Getty/Mercedes-Benz
Florentina Leitner: Schwanenköpfe, Manga-Mädchen und eine Mondreise.

Florentina Leitner

Wer ist bei Mercedes eigentlich dafür zuständig, die jungen Modelabels auszuwählen? Die, die im Rahmen des Förderprogramms „Mercedes-Benz Fashion Talents“ ihre Kollektionen auf der Berliner Modewoche vorstellen dürfen? Name und Adresse bitte – man will der- oder demjenigen einen Blumenstrauß schicken! Es ist eine kleine Tradition, dass die erste Modenschau der Fashion Week einem solchen Nachwuchstalent gehört. Und nicht selten weht mit ihm ein frischer, ein internationaler Wind über den Laufsteg.

Auftritt Florentina Leitner: Die Österreicherin hat an der renommierten Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen studiert, eine Zeit lang als Womenswear-Designerin bei Dries Van Noten gearbeitet und führt ihr 2020 gegründetes Label von London aus. Stars wie Kylie Jenner oder Lady Gaga tragen ihre Kleider. Und tatsächlich ließ sich all das auch bei ihrer Show am Montag erahnen: Die mutige Formsprache (übergroßes Kleid mit übergroßen Puffärmeln, hornartige Polsterauswüchse an der silbrigen Paillettenrobe) entspricht der Antwerpener Avantgarde. Den Sinn für expressive Farben (Magenta, Babyblau, Sonnengelb) und schreiende Muster (Monde, Rosen, Schwäne) mag sie in ihrer Zeit bei Van Noten geschärft haben. Und Lady Gaga, well, die kann man sich nur zu gut in Leitners Entwürfen vorstellen.

Für schwache Nerven ist das nichts. Man muss schon Lust auf Außergewöhnliches bis Absurdes haben, um diese Mode gut zu finden. Richtig stark wird Leitners Kollektion „Vacation on the Moon“ gerade da, wo sie einen Gang herunterschaltet, wo sie nicht zu sehr ins Gebastelte verfällt. Etwa wenn sie zu glänzenden Lackleggins ein hellblaues Karojackett mit watteähnlichen Applikationen kombiniert. Herrlich auch das fließende Seidensatin-Kleid mit aufgedrucktem Schwanenkopf und Manga-Mädchen. Wem selbst das zu viel ist, der wird bei Florentina Leitner nicht fündig. Kann ja auch nicht jeder Lady Gaga sein.

Fassbender
Fassbender: Hamam-Handtuch, Minimalismus und Inselfieber.

Fassbender

Fashion Week schön und gut – aber eine Woche unter der spanischen Sonne wäre auch ganz nett gewesen. Da hätte es zwar keine Schauen, aber kühle Drinks an heißen Stränden gegeben, Meeresfrüchte, braungebrannte Jünglinge, die mit Palmenblättern wedeln – man wird ja wohl noch träumen dürfen. Sei’s drum, auf der Modewoche ließ es sich auch aushalten. Zumal es tatsächlich eine kleine Dosis Spanien gab, 15 Minuten lang, ein Viertelstündchen unter der Turbo-Sonnenbank: Fassbender präsentierte am Dienstag eine Kollektion, die Ibiza gewidmet ist.

Dabei tappten die Geschwister Christina Fassbender und Sebastian Steinhoff, die hinter dem Hamburger Label stehen, nicht in die Klischeefalle: keine neonfarbenen Partyoutfits, keine handgehäkelten Hängerkleidchen, keine Hippie-Plattitüden. Stattdessen Hosen-Blusen-Kombis, großzügige Kleider und lockere Mantelformen, in denen sich weniger zum Strand schlappen als durch die Straßen Eivissas flanieren lässt. Starke Blau- und sanfte Koralltöne, leuchtendes Gelb und helle Sandfarben spiegeln die flirrende Farbwelt der Baleareninsel und sind zugleich den abstrakten Malereien Carolanna Parlatos und Sarah Crowners entlehnt. Den Schmuck steuerte die galizische Künstlerin Maria Josefa Sanchez Castedo bei, die für Fassbender florale Kettenanhänger entwarf.

Ein gestreifter Zweiteiler erinnert an ein Hamam-Handtuch, eine beigefarbene Weste an Safari, auch Parallelen zum wildwestlichen „Prairiecore“-Trend lassen sich ziehen: Wer Fassbender bucht, kriegt also mehr als einen Ibiza-Kurzurlaub. Eher so etwas wie eine Weltreise, in der ganz oberflächlich betrachtet allerdings die Höhepunkte fehlen – die Kollektion ist ein wenig zu stimmig, zu rund geworden. Dringt man aber tiefer in die Materie vor, offenbart sich die eigentliche Kraft der Kleider: Veganes Kaktusfeigen-Leder, innovative Baumwoll-Lyocell-Fasern, nachhaltiges Denim – was den Stoff angeht, zeigen Fassbender, wohin die Reise gehen muss.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

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Am 11./12. September 2021 im Blatt: 
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Auto oder Fahrrad, Christian Lindner? „Taxi.“ Das Interview mit dem FDP-Chef

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