Berlin - In Berlin hat experimentelle Nachnutzung bekanntlich Geschichte. Das wohl berühmteste Beispiel ist – natürlich – das Berghain: ein vom Heizwerk zum Sexclub und jüngst auch zur Kunstgalerie umfunktionierter Monumentalbau im Schlagschatten des sozialistischen Klassizismus. Oder der Boros-Bunker, DDR-Südfruchtlager gewordener Nazi-Bunker, wo schon in den 90er-Jahren Fetisch-Partys stattfanden. Heute wird dort, in auratisch aufgeladener Erinnerung daran, das Dreckig-Poröse der Wände gefeiert, sozusagen als Berliner Antithese zum white cube. Wer in Berlin Kultur sehen will, so ließe sich der Vibe dieser Bauten wiedergeben, muss immer auch Sex, Nazis und die DDR mitdenken.

Der Mäusebunker in Steglitz, der eigentlich „Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin“ heißt, erzählt eine ganz andere Geschichte. Eine Geschichte, die wirkt, als wäre sie einem Skript von Filmemachern wie David Lynch oder Andrei Tarkowski entsprungen: Das pyramidenhaft-wuchtige Gebäude mit seinen spitz vorstehenden Tetraederfenstern und den reihenweise wie Frontalkanonen an einem Raumschiff in die Luft ragenden blauen Belüftungsrohren diente seit Fertigstellung in den frühen 1980er-Jahren als ein gigantisches Tierversuchslabor der Freien Universität. Auf 1300 Betonpfählen wurde er hier einst ins Schwemmland am Teltowkanal gesetzt.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 26./27. Juni 2021 im Blatt: 
Die reine Kraft: Neue Technologien machen Atomkraft immer sicherer. Ist die deutsche Angst vor nuklearer Energiegewinnung künftig unbegründet?

Der berühmte Mathematiker Matthias Kreck sagt, die Pandemie wurde falsch bekämpft. Doch man will nicht auf ihn hören

Am 1. Juli öffnen die Berliner Kinos. Wie es der Filmbranche wirklich geht

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hört auf. Unser Fazit: „Danke für nichts“

Gibt es in Schlesien tatsächlich verbuddeltes Nazigold? Unsere Reporter sind hingefahren

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Wie ein Trümmerhaufen aus Tschernobyl

Dabei ist es vielleicht gar nicht so abwegig, im Mäusebunker eine Art Raumschiff zu erkennen, immerhin ist er Teil jenes architektonischen Wettkampfs, der sehr an das space race im Kalten Krieg erinnert. In den Jahrzehnten vor dem Mauerfall versuchten Architektinnen und Designer im Osten wie im Westen Berlins sich mit fast schon erwartbarer Regelmäßigkeit gegenseitig zu übertreffen, da waren Mies van der Rohe und Hans Scharoun auf der einen, Hermann Henselmann und Erich John auf der anderen Seite. Gerd und Magdalena Hänskas Mäusebunker wiederum sollte zeigen: In West-Berlin war man mit futuristischer Wissenschaftlichkeit auf der Höhe der Zeit.

Christian Werner
Arno Brandluber und Johan König geben eine Tour vor dem Berliner Mäusebunker.

Wenn man nun selbst vor dieser erdrückenden Betonmasse namens Mäusebunker steht, auf deren Außenfassade sich stellenweise bereits weißgrünliche Flechten gebildet haben, wo roher Stein mit sprießender Natur verwächst, dann wirkt das nicht gerade wie steril-akademische Forschung. Sondern eher, als wäre den Trümmern von Tschernobyl und Fukushima ein düsterer Reaktorhybrid entwachsen. Ein Gebilde, das zwar nicht unbedingt mit Atomkraft arbeitet, aber trotzdem Katastrophenhaft-Dystopisches ausstrahlt.

Am Mäusebunker lässt sich Brutalismus – jenes Bauen in simplen Formen, meist mit Beton – veranschaulichen. Ziel brutalistischer Architektur, das wird hier schnell deutlich, ist nicht etwa, den Betrachter mit filigranem Dekor zu verzücken. Im Gegenteil: Er zeichnet sich durch formsprachliche Strenge aus und durch kühnen Umgang mit einem Material, dessen Verwitterung und Patina nicht versteckt, sondern offengelegt wird. Manche Brutalismus-Bauten erscheinen dadurch heute eher wie Mahnmale ihrer eigenen Vergänglichkeit. Und: Brutalismus ist, im wörtlichen Sinne, cool. Auf Instagram trenden Accounts wie „brutal_architecture“ oder „sosbrutalism“. Auf den Bildern der Bauten vermischt sich deren futuristische Kälte mit einer Art sozialdemokratischer Zuckerguss-Nostalgie.

Johann König weiß um den Reiz

Der Berliner Galerist, Unternehmer und Kunstvermittler Johann König ist sich der Anziehungskraft des Mäusebunkers sowie des Brutalismus im Allgemeinen natürlich bewusst – für Instagram, wie für die Kunst. „Julian Rosenfeldt hat hier gedreht, auch Lothar Hempel war schon mal hier, man hat Musikvideos gemacht und Mode fotografiert“, erzählt er, vor Assoziationen sprudelnd von den diversen Künstlerinnen und Künstlern, die der Bunker inspiriert hat. König raucht hektisch, die Locken flattern im Wind. Das blaue Geländer, an dem er hier lehnt, spiegelt die Farbe der rüsselartigen Zuluftrohre. Neben ihm steht Arno Brandlhuber, jener Architekt, der Königs brutalistische St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg in einen sensationellen Kunstort verwandelt hat und dessen in sich ruhende Art Königs erratische Quirligkeit in diesem Moment gewissermaßen neckisch ergänzt.

Christian Werner
Mäusebunker in Berlin-Steglitz, Seitenansicht.

Die Vision der beiden ist klar: Sie wollen aus dem Mäusebunker einen neuartigen Kreativort machen. Räume für Ateliers und Musik schaffen, für Start-ups, für eine Malschule, womöglich sogar für einen Technoclub. Selbst das Institut für Baubotanik der TU München soll bereits Interesse an den Räumlichkeiten angemeldet haben. Damit würde aus dem Mäusebunker eine Art eklektisches Kulturzentrum an der Schnittstelle zwischen Forschung, Kunst und Kulturproduktion. Auch ein Restaurant kann Brandlhuber sich vorstellen, vegetarisch, versteht sich. Die Ideen sind so weitreichend wie die annähernd 25.000 Quadratmeter Fläche, die hier zur Verfügung stünden, sollte das Konzept tatsächlich aufgehen. Ein offener Brief des Duos ging schon letzten September an die Stadt Berlin, das war kurz nachdem das letzte Tier den Bunker verließ. „Unser Angebot, den Mäusebunker zu übernehmen, steht“, heißt es da.

„Wir wollen hier definitiv nicht nur einen weiteren Kunst-Standort umsetzen“, betont König. Es gehe vielmehr darum, ein riesiges Regal zu schaffen, wo alle möglichen Leute ihre Bücher reinstellen. Der thematische Bogen zur Geschichte des Hauses soll eine zentrale Rolle spielen. Aus einem Ort, wo jahrzehntelang Tiere gequält und getötet wurden, wollten sie einen Ort schaffen, wo Mensch und Tier besser miteinander auskommen lernen. Wo etwa auch Füchse, Dachse und Fledermäuse leben sollen. Das Wort „Co-Habitation“ fällt in unserem Gespräch mehrfach. Ein Begriff, der auf das Miteinander der Spezies abhebt und im Berliner Kunstbetrieb derzeit recht beliebt ist. Im Wedding findet gerade eine gleichnamige Ausstellung statt, in der die Bedingungen eines Zusammenlebens von Mensch und Tier im städtischen Raum ausgelotet werden.

Der Mäusebunker hat eine düstere Geschichte

Das dockt natürlich an die Geschichte des Hauses an: In einer Reportage aus dem Geo-Magazin von 1984 erfährt man verstörende Details über den einstigen Alltag im isolierten Inneren des Mäusebunkers. Da ist von Hunden die Rede, denen zu Forschungszwecken ein künstlicher Herzinfarkt induziert wird. Von Affen, die an ihren Käfigen nagen. Von Katzen, die sich an die bullaugenförmigen Ränder in den dicken Metalltüren krallen. Tiere wurden hier angeblich – nein, das ist kein schlechter Witz – von der Blasmusik der Egerländer Musikanten und dem Schlager-Singsang eines Georg Danzer beschallt. Und letztlich getötet, entsorgt, in einem Krematorium verbrannt. Kein noch so aggressiver Peta-Aktivist könnte sich so ein Szenario ausdenken. 

Für König und Brandlhuber räsoniert diese Geschichte mit ganz zeitgenössischen Fragen: etwa dem Tönnies-Skandal oder der anfangs als Verschwörung abgewunkenen und jüngst wieder mit Validität aufgeladenen Theorie über den Ursprung des Coronavirus in einem chinesischen Labor. Aber auch mit der Gegentheorie vom Anfang des Virus in wet markets. Wo immer man hinguckt, so scheinen sie sagen zu wollen, durchwirkt Hybris unser Verhältnis von Mensch und Tier. Dieses Verhältnis neu zu denken, dafür sei der Mäusebunker der prädestinierteste Ort, den man sich vorstellen könne. Er würde so auch zu einem lebendigen Monument seiner einstigen Nutzung.

Den Fehler des Palasts der Republik nicht wiederholen

Mit der Idee, das Gebäude nachzunutzen, anstatt es – gemäß der Pläne der Charité – abzureißen, um einer anderen Forschungsstätte Platz zu verschaffen, stehen König und Brandlhuber nicht allein. Im Frühjahr letzten Jahres starteten der Architekt Gunnar Klack und der Kunsthistoriker Felix Torkar die Petition „Rettet den Mäusebunker!“, die von über 7000 Menschen unterschrieben wurde. Seit Monaten kursieren Gerüchte in der Berliner Kulturszene, wonach hier in Steglitz so etwas wie ein zweites Berghain entstehen könnte, weirder, irrer, anders. Auch das Landesamt für Denkmalschutz erklärte den Mäusebunker für schützenswert. Und Michael Müller scheint, wenn man Brandlhuber glaubt, dem Nachnutzungsgedanken inzwischen auch nicht mehr abgeneigt zu sein. 

Die Frage, so Brandlhuber, sei letztlich doch die: „Will man all die ‚graue Energie‘, die in diesem Gebäude drin steckt, einfach verbrauchen?“ Überhaupt müsste man, wenn man so ein Gebäude abreißen wollte, erst einmal auf sehr aufwendige Weise die Schadstoffe rausholen. Das sei energetisch betrachtet alles andere als klimafreundlich. Und: Abreißen bedeute immer auch die radikalste Form des Nicht-mehr-Erinnerns. Ein Vorgehen, das man in Berlin mit bitteren Erfahrungen verbindet. „Im Prinzip“, König benennt hier einen neuralgischen Punkt Berliner Stadtgeschichte, „wollten wir verhindern, den Fehler, den man beim Palast der Republik gemacht hat, zu wiederholen.“

Umgesetzt würde das Ganze letztlich als privates Projekt. Interessierte sollen sich schlicht einmieten können. Knapp drei Jahre, glaubt Brandlhuber, würde der Umbau dauern. König und Brandlhuber haben der Senatskanzlei jetzt ein Angebot abgegeben und warten auf Rückmeldung. Sollte ihre Vision realisiert werden, wäre der Mäusebunker wohl eins der spannendsten Bauexperimente dieser Stadt.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.