Berlin - Woran merkt man, dass gewählt wird? Wenn die SPD den Arbeiter wieder für sich entdeckt, obwohl es den gar nicht mehr wirklich gibt. Eigentlich verbieten sich Witze über jemanden, der bereits am Boden liegt von selbst. Fairness ist eine vornehme Tugend. Das gilt besonders im Umgang mit der SPD. Denn Deutschlands älteste Partei ist inzwischen ein hoffnungsloser Fall. Denn die einst stolze Volkspartei kommt bei Sonntagsumfragen derzeit gerade mal auf 16 Prozent. Nicht nur für die SPD selbst ist das ein Problem, sondern auch für die Journalisten, die sich mit ihr beschäftigen müssen. Über viele Jahre hatten SPD-Experten, die die Flügelkämpfe der Partei bis in die letzte Faser nachzeichnen konnten, ein gutes Auskommen in den deutschen Redaktionsstuben. Die zahlreichen Flügelkämpfe, wechselnden Parteivorsitzenden und Verwerfungen innerhalb der Partei boten immer reichlich Stoff, um die Seiten der Tageszeitungen zu füllen. Chronistenpflicht für Dummies.

Redakteure, denen kurz vor Redaktionsschluss nichts mehr einfiel, riefen ihre Spezis in der Partei einfach an und fragten nach der neusten Intrige – und schon war der Nachmittag gerettet. Das nachlassende Interesse an der SPD in der Bevölkerung bringt dieses Geschäftsmodell nun ins Wanken. Dabei kann man den SPD-Experten nicht vorwerfen, sie hätten sich beim Aufbau und der Pflege ihrer Kontakte zumindest körperlich keine Mühe gegeben. Als Außenstehender kann man allenfalls erahnen, wie viele späte Abende ein Journalist bei Rotwein und Zigarren in Hotelbars in mittelgroßen Kreisstädten erdulden musste, um einen privilegierten Zugang zu den Herzkammern der Sozialdemokratie zu erhalten.

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