Berlin -  Rolf Buch ist als Vorstandsvorsitzender der größten deutschen Vermietungsgesellschaft Vonovia umstritten. Seit 2013 leitet er Vonovia und verwaltet damit über 400.000 Wohnungen. Lange Zeit galten die großen Wohnungskonzerne als Preistreiber auf den Wohnungsmarkt, die Forderung, die großen Vermieter zu enteignen, wird nicht mehr nur von glühenden Marxisten erhoben. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung, will Buch die Wogen glätten. Der Vonovia-Chef will das Mietenproblem zusammen mit der Stadt Berlin lösen, die Vermieter hätten verstanden, dass die rasanten Mietsteigerungen der Vergangenheit schädlich waren. 

Warum ist Berlin so ein attraktiver Markt für Vermieter?

Ich war gerade am Wochenende da, Berlin ist einfach eine superattraktive Stadt. Da ist viel los, da ist Großstadtflair und ich bin nicht erstaunt, dass viele Menschen in der Stadt leben wollen.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
Die Wochenendausgabe

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Wir haben uns an stetig ansteigende Immobilienpreise gewöhnt. Gibt es auch Risikofaktoren für Vermieter? 

Wir sind sicher, dass Berlin auch in 10 oder 20 Jahren noch hochattraktiv für die Menschen sein wird. Berlin ist heute schon die größte deutsche Stadt und wird auch in Zukunft wichtiger werden, insofern mache ich mir um das Wachstum in der Stadt keine Sorgen. Die Entwicklung der letzten Jahre hat allerdings dazu geführt, dass es schwierig für viele Menschen ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden, die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot. Das ist ein wesentlicher Grund für die aufgeheizte Stimmung in der Hauptstadt. Wir müssen diesen Unzustand jetzt gemeinsam überwinden, so ist niemandem geholfen, weder den Unternehmern noch den Mietern oder der Gesellschaft. Wir müssen uns alle zusammensetzen und überlegen, wie wir mehr Wohnungen schaffen. Nach der Entscheidung zum Mietendeckel können wir das Thema partnerschaftlich angehen. Es geht in die richtige Richtung.

Sie sprechen das Thema Regulierung an, es gibt kein Wahlprogramm mehr, in dem sich kein Verweis auf den angespannten Mietmarkt findet. Rechnen Sie mit weiterer Regulierung?

Ich finde es richtig, dass das Thema in den Wahlprogrammen angesprochen wird. Wohnen ist ein Grundbedürfnis, es bedeutet Schutz und Sicherheit. Niemand sollte Angst haben, seine Wohnung zu verlieren. Politik und Unternehmen sollten sich intensiv damit beschäftigen und eine Antwort finden. Mieten können auf Dauer nicht stärker steigen als Inflationsraten oder das Einkommen. Das ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell, denn Menschen können nicht einen immer größeren Anteil ihres Geldes für die Miete ausgeben. Das funktioniert nicht. In Berlin war die Entwicklung extrem in den letzten zehn Jahren. Das funktioniert allenfalls für ein paar Jahre, aber nicht auf Dauer!

Warum wurde das Thema Zuzug und wachsende Metropolen so spät ernsthaft adressiert? Wir sprechen seit über zehn Jahren über die steigenden Mieten und nun werden die Maßnahmen immer drastischer, die ergriffen werden, um den Problem Herr zu werden.

Die Branche hat sicherlich zu spät erkannt, welche Bedeutung der Neubau für eine Stadt wie Berlin hat. Zudem ist es Fakt, dass die Mieten sich von der Lohnentwicklung entkoppelt haben. Es ist verständlich, dass die Menschen sagen: Jetzt reichts! Wir müssen jetzt schauen, wie es wieder besser wird. Wenn wir es nicht schaffen der Gesellschaft ein Angebot zu machen, dass diese zufrieden stellt, wird die Unzufriedenheit weiter anwachsen. All die Anfeindungen sind dann die logische Konsequenz – die helfen aber nicht!

Rolf Buch

Ist seit 2013 Vorsitzender des Vorstands der Vonovia. Rolf Buch führte die Vonovia an die Börse. 2015 stieg die Vonovia SE in den deutschen Leitindex DAX 30 auf. Nach dem Studium begann Buch 1991 seine Laufbahn als Assistent der Geschäftsleitung bei der Bertelsmann Distribution GmbH in Gütersloh. Rolf Buch studierte Maschinenbau und Betriebswirtschaftslehre an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

Ist die Fusion mit der Deutschen Wohnen vor diesem Hintergrund zu beurteilen? Normalerweise wird die Übernahme eines anderen Unternehmens nicht anhand der politischen Gemengelage entschieden.

Die Übernahme hat eine wirtschaftliche Komponente und eine langfristige strategische Komponente. Vonovia will langfristig wachsen und Skalenvorteile erzielen. Ich will aber nicht verschweigen, dass der Zeitpunkt auch eine politische Komponente hat, und zwar weil sowohl Michael Zahn (Vorstandsvorsitzender der Deutschen Wohnen) und ich der Überzeugung sind, dass wir eine gemeinsame Antwort geben müssen. Wir haben wahrgenommen, dass der Regierende Bürgermeister mit dem Bündnis für Wohnen einen neuen Weg eingeschlagen hat. Unser Schritt jetzt war ein Signal: Wir unterstützen die Politik des Senates, die lautet: bauen, kaufen, deckeln. Wir adressieren drei Elemente. Wir bauen, bieten dem Land Wohnungen an und deckeln den Mietanstieg. Es gibt für uns eben nicht nur einen Stakeholder, den Shareholder, sondern es gibt viele Stakeholder, denen wir verpflichtet sind. Auch wenn einige immer wieder sagen: Der ist nur seinen Aktionären verpflichtet – bin ich nicht!

Wie reagieren die Aktionäre denn auf den neuen Kurs? Sie haben angekündigt die Mieten zu deckeln und wollen einen Teil der Deutsche-Wohnen-Übernahme durch eine Kapitalerhöhung finanzieren.

Die großen Aktionäre, die wir kennen, sind Institutionen, die an einer langfristigen stabilen Wertentwicklung des Unternehmens interessiert sind. Es sind viele Pensionsgelder, die bei uns angelegt sind. Bei uns geht es nicht um kurzfristige Gewinne. Wenn Sie an der Börse zocken wollen, kaufen Sie sich eher Google oder Amazon. Wir sind der sichere Teil der Börse und daher die typische Anlage für Leute, die langfristig Geld anlegen wollen. Unseren Aktionären ist langfristige Wertentwicklung und Stabilität wichtig. Deshalb ist es auch im Interesse unserer Aktionäre, wenn unser Geschäftsmodell gesellschaftlich akzeptiert wird. Von der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Land Berlin profieren auch unsere Aktionäre.

Gab es weitere Stimmen von Aktionären?

Ich kann Ihnen sagen: Unsere Entscheidung, nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegen den Mietendeckel, auf bis zu 10 Mio. Euro Mietnachforderungen zu verzichten, ist bei allen institutionellen Investoren positiv aufgenommen worden. Wir haben einen Aktionär, der sitzt in Nordamerika, der saß am Telefon und die Leitung war schlecht und der hatte verstanden, dass wir das Geld zurückfordern würden. Der hat mich gefragt: Bist Du eigentlich wahnsinnig? Du hast eine gesellschaftliche Verantwortung! Er hatte mich falsch verstanden, seine Reaktion zeigte mir aber, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Aktionäre die wir haben, sind viel weiter, als viele denken und das hat einen einfachen Grund: Unsere Aktionäre haben ja wiederum Eigentümer, die ebenfalls politisch sehr sensibel sind, wie beim norwegischen Staatsfonds das norwegische Parlament oder einem Pensionsfonds, der die Feuerwehrmänner aus Toronto vertritt. Die Feuerwehrmänner aus Toronto oder die norwegischen Wähler haben dieselben Fragen, wie die Menschen in Deutschland. Diesen Zusammenhang müssen wir noch besser erklären, da sitzen nicht irgendwelche Menschen auf ihrer Yacht in der Karibik, sondern Pensionäre, die wollen, dass ihre Pensionen anständig angelegt werden.

Haben Sie auch mit der Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen schon mal gesprochen? Gab es einen Austausch?  

Über die Verbandsstrukturen findet ein laufender Austausch statt, ich persönlich habe noch nicht mit ihnen gesprochen. Man sollte generell mit allen Menschen ins Gespräch kommen, aber ich glaube, dass die Diskussion um Enteignung schädlich ist und nicht im Interesse der Menschen in Berlin liegt. Konfrontation bringt uns in der Sache nicht weiter. Wir erreichen mehr, wenn wir die Probleme gemeinsam lösen und jeder seinen Beitrag dazu leistet.

Die Vonovia hat sich direkt dafür entschieden, dass Sie auf Rückforderungen an die Mieter nach dem Mietendeckel-Urteil aus Karlsruhe verzichten würden. Die Deutsche Wohnen beharrt hingegen auf die Rückzahlung. Gibt es einen Lerneffekt der Deutschen Wohnen in der Ansprache der Öffentlichkeit?

Ich war immer dafür, dass Geld nicht zurückzufordern. Ich habe einige persönliche und mich auch emotional bewegende Briefe bekommen von Mietern, die sich dafür bedankt haben. Die konnten das Geld während der Corona-Zeit nicht zurücklegen. Solche Briefe sind für mich die Bestätigung, genau das Richtige getan zu haben. Natürlich sind die Deutsche Wohnen und Vonovia bis zur Übernahme zwei getrennte Unternehmen mit unterschiedlicher Politik, sobald wir ein Unternehmen sind, werden wir bestimmt eine gemeinsame Position finden. Ich stehe weiterhin für diese Politik.

Wie viel wollen Sie künftig in den Neubau investieren?

Das gemeinsame Unternehmen wird künftig zwei bis zweieinhalb Milliarden Euro pro Jahr investieren, allerdings nicht nur in den Neubau, sondern auch in die energetische Sanierung. Das ist eine signifikante Summe. Berlin wird davon einen großen Teil bekommen, allein in Berlin haben wir uns verpflichtet 13.000 neue Wohnungen zu bauen in den nächsten Jahren. Vieles kann auch gemeinsam mit den kommunalen Wohnungsbaugesellschaften erreicht werden.

Können Sie uns näheres zu den 20.000 Wohnungen, die in das Eigentum der Berliner Wohnungsbaugesellschaften wechseln sollen, verraten?

Wir haben uns bei den Siedlungen, die in das Eigentum der Stadt wechseln sollen, an den Wahlprogrammen der Parteien orientiert. Wir haben akzeptiert, dass der Senat den Anteil an den kommunal gehaltenen Wohnungen auf 400.000 bringen möchte. Wir tun das, um ein Signal zu setzen: Ja, wir haben verstanden, es geht nur gemeinsam.

Was können private Wohnungsbaugesellschaften wie die Vonovia besser als die städtischen Unternehmen?

Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sind super geführte Unternehmen. Die Diskussion was können wir besser oder was können wir schlechter will ich vor dem Hintergrund nicht führen. Wir haben als Aktiengesellschaft einen einfacheren Zugang zu neuem Kapital, wir können neue Aktien ausgeben und damit neues, frisches Eigenkapital aufnehmen. Das ist einfach ein struktureller Vorteil eines privaten Unternehmens. Die Größe unseres Unternehmens hilft dabei, Skaleneffekte zu erzielen.

Haben Sie eine Forderung an die Politik, um die Situation auf den Mietenmarkt zu verbessern?

Wichtig ist, dass wir alle erkennen, dass es miteinander besser geht. Damit schließe ich auch den Mieterverein und die Initiative (Deutsche Wohnen Enteignen) mit ein. Wir müssen nicht bei allem einer Meinung sein, sollten aber über Verhandlungen zu einem Konsens kommen – das wäre mein Traum. Und wir sind bereit unseren Teil des Lernens und des Aufeinanderzugehens beizutragen.

Das Interview führte Maximilian Both.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.