Berlin - Der vorläufige Schlussakt gehörte Florentino Pérez. Der Präsident von Real Madrid gab einem spanischen Radiosender am Mittwochabend Interview, in dem er zum Schlag gegen diejenigen ausholte, die ihn seiner Meinung nach dreist betrogen hatten. „Traurig und enttäuscht“ sei er über das Aus der Super League, sagte Pérez, und über die „Bedrohungen und Beleidigungen“ seiner Gegner, „als hätten wir jemanden getötet“. Dabei ging es ihm nur ums Geld.

Gemeinsam mit seinen Verbündeten Andrea Agnelli (Präsident von Juventus Turin) und Joel Glazer (Besitzer von Manchester United) wollte Pérez mit die Super League einführen. Einen von gängigen Verbandsstrukturen losgelösten Wettbewerb, in dem die zwölf populärsten Mannschaften Europas, ungeachtet ihres sportlichen Abschneidens in den heimischen Ligen, gegeneinander antreten sollten. Mit einem neuen Produkt wollten sie neue Märkte - vor allem Asien - erobern und Jahr für Jahr Hunderte Millionen Euro zusätzlich kassieren. Die amerikanische Investmentbank JP Morgan hätte den Gründungsmitgliedern dafür einmalig 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. 

Doppelagent Agnelli

Allein mit dieser Einmalzahlung hätte das Dutzend einen Großteil seiner geschätzten 6,5 Milliarden Euro Schulden abbauen und im Sommer eifrig in hochkarätige Spieler investieren können. Es war ein diabolischer Plan von Pérez und seinen Mitstreitern - und einer, der in dieser Form von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Denn allein die Kommunikation war katastrophal.

Über Monate hatte das Trio um Pérez, Agnelli und Glazer im Hintergrund an den Modalitäten für die Super League gearbeitet. Agnelli hatte dabei als Vorsitzender der Vereinigung der europäischen Klubs (ECA) in einer Rolle als Doppelagent. Parallel orchestrierte er die Reform der Champions League, die in dieser Woche ebenfalls beschlossen wurde. Wie die New York Times berichtete, habe Pérez noch am Sonntag telefonisch mit Uefa-Chef Aleksander Ceferin über die Reform gesprochen, ehe er, als später am Abend erste Informationen zur Super League durchdrangen, für Ceferin nicht mehr zu erreichen war. Der Slowene wütete: „Er ist die größte Enttäuschung von allen. Ich habe noch nie eine Person getroffen, die so viel gelogen hat.“

Dabei war der Uefa-Chef nicht der Einzige, der spät über die Pläne informiert wurde. So sollen auch Manchester City, der FC Chelsea, der FC Bayern und Paris Saint-Germain, die in der Vergangenheit nachweislich an Vorgesprächen beteiligt waren, erst in der vergangenen Woche informiert worden sein, dass die Super League tatsächlich starten werde. Auf die entscheidende Frage, ob sie nun dabei seien oder nicht, antworteten die englischen Klubs mit Ja, aus Paris, München und Dortmund kam ein Nein. In ganz Europa wurden sie von den Fans dafür gefeiert.

An die Basis haben die Macher der Super League ohnehin nicht gedacht. Und mit Widerstand haben sie offenbar nicht geglaubt. Ein großer Irrtum. Fans des FC Liverpool befestigten Protestbanner in Anfield, Anhänger des FC Chelsea veranstalteten einen Protestmarsch zur Stamford Bridge. Und Ian Stirling, der beinharte Vorsitzende des Manchester United Supporters Trust, musste in einem Radiointerview mit der BBC seine Tränen zurückhalten. In den sozialen Netzwerken schien die Stimmung fast überzukochen, jeder Beitrag von einem der Gründungsmitglieder wurde mit Tausenden „Stop Super League“-Kommentaren quittiert.

Die New York Times berichtete, dass die für die Kommunikation verantwortliche Katie Perrior, zuvor Pressedirektorin der Downing Street unter der früheren britischen Premierministerin Theresa May, die Pläne zuallererst auf politischer Ebene legitimieren wollte. Doch selbst dieser Plan ging nach hinten los. Der französische Ministerpräsident Emmanuel Macron sprach von einer Attacke auf das sportliche Leistungsprinzip und Kollege Boris Johnson, eigentlich ein Verbündeter von Perrior, drohte: „Wir werden gemeinsam mit den Institutionen des Fußballs alles dafür geben, dass dieser Wettbewerb, so wie er jetzt geplant ist, nicht stattfinden wird. Er ist weder für die Fans noch für den Fußball in diesem Land gut.“ Der Druck wurde immer größer. Und dann fiel das Kartenhaus zusammen.

Zuerst stieg Manchester City aus der Super League aus, kurz darauf folgte der FC Chelsea. Dann folgten die restlichen englischen Klubs, sowie Inter Mailand, Atlético Madrid und schließlich sogar Andrea Agnellis Juventus Turin. Der führende Kopf hinter der Super League erklärte die Pläne kurz darauf für beendet.

Das sah Florentino Pérez am Mittwochabend hingegen anders: „Wir werden weiter an dieser Super League arbeiten. Sie existiert weiter, aber das Projekt ist im Stand-by. Wenn dieses Projekt nicht umgesetzt wird, wird es später ein anderes geben“, erklärte er und drohte seinen einstigen Verbündeten noch: „Bislang hat niemand die Super League verlassen, weil niemand die Strafe dafür gezahlt hat.“ Die Super League in der von ihm erdachten Form mag in drei Tagen auseinandergebrochen sein. Doch vorbei, das wollte Pérez verstanden wissen, ist das Thema noch lange nicht.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.