Berlin - Wenn Linda Hoff zu einem Tatort gerufen wird, hat sie immer schwer zu tragen. In ihren zwei Fototaschen liegen Objektive verschiedener Brennweiten, Blitzlicht, Stativ, verschiedene Gliedermaßstäbe und ein luftdicht verpackter weißer Ganzkörperanzug mit Füßlingen. Insgesamt gut 15 Kilo.

Auch Proviant ist dabei: Salzbrezeln, Nüsse, Wasser. Denn wenn die Fotografin nachts und am Wochenende im Einsatz ist, weiß sie nie, wie lange es dauert. Mal dokumentiert sie in einer Wohnung die Spuren eines Mordes, mal den Ort eines Betriebsunfalls.

Die 34-jährige Linda Hoff gehört zur Tatortdokumentation des Kriminaltechnischen Instituts (KTI) der Berliner Polizei. Der Fachbereich hat 26 Mitarbeiter, darunter elf Tatortfotografen und sechs Vermessungsingenieure.

Früher war die gelernte Fotografin selbstständig. Als sie Anfang 2019 bei der Polizei anfing, wusste sie, dass hier keine fröhlichen Gesellschaften fotografiert werden. Schon in der Stellenausschreibung, auf die sie sich beworben hatte, stand, dass sie auch mit ekelerregenden Situationen und Gerüchen konfrontiert sein würde.

„Hier bei der Polizei musste ich das Fotografieren fast neu lernen“, erzählt sie. Denn es kommt nicht, wie bei ihrer Arbeit zuvor, auf Ästhetik an, sondern darauf, dass das zu fotografierende Objekt gut ausgeleuchtet ist. Und dass alles, was wichtig sein könnte, fotografiert wird – nicht nur die Stichwunden an der Leiche, sondern auch das blutige Messer neben dem Sofa oder der volle Aschenbecher, wenn das Opfer geraucht hat.

Linda Hoff dokumentiert für die Rechtsmedizin die Blutergüsse einer misshandelten Frau oder den Leichnam eines im Park erstochenen Mannes auf dem Sektionstisch. Manchmal muss Linda Hoff auch den Inhalt eines Kühlschranks ablichten. Wenn festgestellt werden soll, ob ausreichend kindgerechte Nahrung da ist, nachdem die Polizei ein Kind aus einer verwahrlosten Wohnung geholt hat.

Blut und Patronenhülsen auf der Straße

Die Spezialisten von der Tatortdokumentation sind rund um die Uhr in Bereitschaft, um verschiedene Dienststellen der Polizei zu unterstützen, etwa den Verkehrsermittlungsdienst oder auch die Mordkommission. So war es in Wedding nach einer Schießerei zwischen verfeindeten bosnischen Clans – ein Nachmittag, an den sich viele Anwohner der Hochstädter Straße noch erinnern.

Vier Männer stehen vor einem Café und unterhalten sich. Plötzlich halten zwei Autos. Mehrere Angreifer springen heraus und stechen auf die vier mit Messern ein. Schüsse hallen. Die Täter springen in die Autos und rasen davon. Ein Notarzt versucht, einen 31-Jährigen wiederzubeleben. Er stirbt. Drei andere kommen lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus.

Stephan Pramme
Mit einem 3-D-Scanner wird die Umgebung erfasst. Sie kann später virtuell „begangen“ werden.

Die Mordkommission fordert Hilfe vom Einsatzdezernat der Kriminaltechnik an. Zu ihm gehören unter anderem die Tatortgruppe, die die Spuren sichert, und die Tatortdokumentation mit ihren Fotografen und Vermessern.

Die Spurensicherer, Fotografen und Vermesser treffen in der Hochstädter Straße auf eine unübersichtliche Situation. Die Straße ist vollgeparkt mit Autos, auf dem Pflaster liegen Patronenhülsen. Jede einzelne muss gefunden werden. Überall ist Blut. Die Richtung seiner Spritzer muss gelesen werden.

Die Mordermittler müssen herausfinden, wer als Augenzeuge infrage kommt, weil er aus seinem Fenster etwas gesehen haben könnte, und wer ausscheidet, weil ein Baum den Tatort verdeckt. Ein Vermesser stellt ein Stativ auf der Fahrbahn auf und montiert darauf einen 3-D-Laserscanner.

40 Millionen Bildpunkte

„Wir frieren einen Tatort ein, wie wir ihn zum Zeitpunkt unseres Eintreffens vorfinden“, sagt der Fachkoordinator Thomas Kuntzagk. „Terrestrisches Laserscanning“ lautet der Fachbegriff. Der Scanner erzeugt einen Laserstrahl, der über einen Spiegel abgelenkt wird. Er dreht sich mit etwa 60 Hertz und wird in unterschiedlicher Intensität zurückgeworfen. Der Strahl erfasst horizontal und vertikal die Umgebung. Er erzeugt so etwa 40 Millionen Bildpunkte und kann damit die Umgebung im Maßstab 1:1 abbilden. Der Scanner braucht etwa eine Minute und 45 Sekunden für einen Standort. Die Prozedur wird von mehreren Standorten aus wiederholt.

Später am Computer können die Umgebung oder der Raum, wo das Verbrechen geschah, virtuell dreidimensional begangen werden. Das ist ein großer Fortschritt. Bis 2007, dem Jahr der Anschaffung des ersten Scanners, sprachen die Mordermittler alle Details ins Diktiergerät: „Die Gardine war zurückgezogen, das Fenster angelehnt.“ Ist eine Wohnung, in der ein Tötungsdelikt geschah, erst freigegeben, kommt man nicht mehr hinein. Die gescannten Daten aber können jederzeit wiederhergestellt werden.

Stephan Pramme
Nach der Schießerei in der Hochstädter Straße kann der Tatort am Computer rekonstruiert werden. Der linke Bildschirm zeigt die Daten der Spiegelreflexkamera, die mit denen des 3-D-Scanners übereinandergelegt wurden.

An den Tatorten werden alle relevanten Spuren dokumentiert, per Scanner und auch per Spiegelreflexkamera. Am Computer können die Daten der Fotos und des Laserscans übereinandergelegt werden. So wird das Bild so eingefärbt, wie es vor Ort wirklich aussieht. Zu erkennen sind die Blutspuren und die Patronenhülsen auf dem Pflaster.

An den Einschüssen und der Lage der Hülsen in der Hochstädter Straße konnten die Spezialisten später zusammen mit den Ballistikern die Flugbahnen der Geschosse und den ungefähren Standort des Schützen ermitteln. Außerdem unterscheiden sich Waffen darin, wie und wie weit die Hülsen fliegen. Sie haben ein bestimmtes Hülsenauswurf-Muster. Die Verteilung der Hülsen kann Rückschlüsse auf die verwendete Waffe liefern. „Viele Hände arbeiten bei der Rekonstruktion einer Tat ineinander“, sagt Thomas Kuntzagk.

Anhand der Ermittlungen verurteilte das Berliner Landgericht nach 76 Verhandlungstagen und der Einvernahme von 60 Zeugen schließlich drei Männer zu langjährigen Haftstrafen.

Trümmer lagen über 250 Meter verstreut

Mit dem Scanner lässt sich auch ein virtueller Tatort-Rundgang erstellen. Das war zum Beispiel nach einem Unfall auf der Landsberger Allee nötig. Der Fahrer eines VW war in eine Polizeikontrolle geraten. Statt anzuhalten, raste er davon. Wegen des hohen Tempos brachen die Polizisten die Verfolgung ab. Der VW schleuderte über die Mittelinsel, knickte drei Bäume ab und krachte gegen eine Laterne. Der Motor wurde herausgerissen, die Trümmer lagen über 250 Meter verstreut. Fahrer und Beifahrer wurden lebensgefährlich verletzt.

Am Bildschirm können die Ermittler nun durch das 3-D-Bild springen und sehen, an welcher Stelle das Auto den Bordstein streifte. So können die Beamten vom Verkehrsermittlungsdienst ihren Spurenbericht vervollständigen. „Man kann vor Ort zwar alles aufschreiben, aber man muss die Straße auch schnellstmöglich wieder freigeben“, sagt Kuntzagk.

Zum Einfrieren des Tatortes diente in diesem Fall auch die Drohne, mit der die Vermesser und Fotografen das Areal Bahn für Bahn überflogen. Seit elf Jahren wenden sie verschiedene Modelle dieses fliegenden Auges für ihre Fotogrammetrie an. Aus den sich überlappenden Bildern können sie eine Punktwolke für eine dreidimensionale Darstellung und ein maßstabsgetreues Bild erzeugen.

Stephan Pramme
Mit der Drohne wird ein Areal Bahn für Bahn erfasst. Mit ihren Daten können 3-D-Bilder errechnet werden.

Die Drohne – für die die Fotografin Linda Hoff einen extra Drohnenführerschein machen musste – wird auch eingesetzt, um Fluchtwege von Tätern darzustellen. Das Gerät vom Typ DJI Matrice 300 RTK kann mit verschiedenen Kamerasystemen bestückt werden und ist mit einem Fallschirm gegen Absturz gesichert.

Abhängig vom Einsatzort wählen die Vermesser das passende Instrument zum Einfrieren des Tatortes. In Innenräumen ist der 3-D-Scanner die erste Wahl. In einem Fall wussten die Vermesser anfangs nicht so recht, wo sie den Scanner aufstellen sollten, weil alles voller Blut war: Ein Mann hatte seiner Ex-Frau und ihrem neuen Freund im Schlafzimmer aufgelauert und sich im Schrank versteckt. Als beide schliefen, kam er heraus und ging mit einem Messer auf beide los. Die Frau konnte sich retten, der Freund nicht.

Die Vermesser und Fotografen erfassen an den Tatorten auch die Muster der Blutspritzer. Sie scannen sie und fertigen hochauflösende Fotos an. Dann können sie die einzelnen Spritzer analysieren und sehen, ob es ein „Schlagereignis“ gab, das zu diesem Muster führte, oder ob es mehrere Schläge gab. So können sie Tatabläufe rekonstruieren: dass das Opfer saß und geschlagen wurde. Dass das Opfer danach lag und trotzdem noch einmal geschlagen wurde. So können sie die Aussage eines Beschuldigten, er habe im Affekt nur einmal geschlagen, widerlegen oder bestätigen. Sie können berechnen, aus welcher Richtung die Spritzer kamen und wo sich das Ursprungsgebiet befand.

Gashahn aufgedreht, um Haus zu sprengen

Mit dem Scanner lassen sich auch Volumenberechnungen erstellen. Etwa von Räumen. Ein Mieter, dem gekündigt wurde, hatte das Gas aufgedreht. Die Wohnungstür hatte er mit einem Zünder versehen und war dann über den Balkon geflüchtet. Als die von Nachbarn alarmierten Feuerwehrleute eintrafen, traten sie die Tür ein. Zum Glück stand das Fenster weit offen, die Explosion blieb aus. Aber um das mögliche Schadensmaß zu bestimmen, sollten die Vermesser das Volumen der Wohnung berechnen. Wäre die gesamte Wohnung voller Gas gewesen, hätte die Explosion das Haus zum Einsturz bringen können. Solche Erkenntnisse sind später wichtig, um bei Gericht die Schwere der Schuld zu bestimmen.

Die Spezialisten der Tatortdokumentation sind zusammen mit der Spurensicherung die Ersten am Tatort. Erst wenn die Spuren dokumentiert sind, darf auch der Staatsanwalt und der Rechtsmediziner den Ort betreten.

Ein Kind auf dem Obduktionstisch

Man sei nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens unterwegs, sagt Thomas Kuntzagk. Ein kollegialer Umgang sei deshalb nötig. „Man muss eng im Austausch mit den Kollegen bleiben und ein Gefühl für ihre Gemütslage haben, auch Tage danach.“

„Im Team sprechen wir viel über die Einsätze, so kann man sich viel von der Seele reden und nimmt es nicht mit nach Hause“, sagt Linda Hoff. Die Fotografin und ihre Kollegen sind manchmal mit schrecklichen Anblicken konfrontiert – nicht nur mit denen toter Erwachsener, sondern auch von Kindern, die schwer misshandelt wurden. Oder Kindern auf dem Obduktionstisch. „Ich habe zum Glück immer die Kamera zwischen mir und dem, was ich fotografiere, und muss mich auf Dinge wie Schärfe und Belichtung konzentrieren“, sagt sie.

An ihrem ersten Arbeitstag bei der Polizei musste sie in einer Wohnung fotografieren, in der eine Mutter ihr Kind erstach. Während Linda Hoff Bilder machte, klingelte ständig das Telefon in der Wohnung. Es war der Moment, in dem sie verstand, dass es nicht nur ein Tatort war. Für die Angehörigen würde nichts mehr so sein wie vorher.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.