Berlin - Morgens um sieben Uhr werde ich durch schreckliche Geräusche geweckt. Durch das halbgeöffnete Fenster dringt vom Hof her bösartiger elektrischer Lärm ins Zimmer. Kein Zweifel: Die Gärtner sind da und haben wie immer Motorsäge, Rasenmäher und Laubbläser mitgebracht. Und dieses Mal sogar noch einen kleinen Traktor. Ich bin noch müde und ziehe in eins der zur Straße gelegenen Zimmer um, wo ich in der neutralen Geräuschkulisse von Autolärm und Baustellenkrach rasch wieder in den Schlaf finde.

Wir haben das Glück, über einen immens großen und grünen Innenhof zu verfügen. Aber wenn die Gärtner weg sind, scheint er meistens nur noch groß und eher weniger grün, so sorgfältig haben die Gärtner ihr Werk getan. Die Büsche sind gnadenlos zurückgestutzt, die niedergemähte Wiese wird unter der brennenden Sommersonne bald welkem Rasen weichen.

Aber ich rege mich nicht mehr auf: Das Problem mit den „Gärtnern“ scheint von Anbeginn der Menschheit zu existieren. Nicht umsonst wird der Tod von jeher als Sensenmann dargestellt. Ich denke in diesem Zusammenhang auch gern an „Attila“ zurück, den von uns, aus naheliegenden Gründen, nach dem Hunnenkönig benannten Gärtner meines Ex-Schwiegervaters in Südfrankreich. Attila, der Obstbäume so intensiv beschnitt, bis sie eingingen. Attila, der beim Mittagessen auf der Terrasse in der Sonne schwitzen musste, weil er zuvor den schattenspendenden Wein, der auf der Pergola rankte, etwas zu forsch mit der Heckenschere bearbeitet hatte.

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Am 10./11. Juli 2021 im Blatt: 
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Alles vergeht

Warum werden solche Leute Gärtner, könnte man sich nun fragen. Wenn man Pflanzen so sehr hasst, könnte man doch einen anderen Beruf ausüben? Eine ähnliche Frage stellte ich mir auch bei den Horterzieherinnen, denen während der Corona-Lockdowns die „Notbetreuung“ meiner Kinder übertragen worden war.

Ungepflegte, schlechtgekleidete, übergewichtige, vom Leben zermürbte Frauen, denen ihr Job, sich tagtäglich um süße kleine Grundschulkinder kümmern zu müssen, tiefe Falten des Griesgrams in die Gesichter gezeichnet hatte. Jahre des Schimpfens, Höhnens, Tadelns und Meckerns hatten ihren Stimmen einen ganz speziellen Klang verliehen, eine Art jammerndes Blöken, das tagein tagaus den Schulhof in einen Kasernen- oder (noch schlimmer) Gefängnishof verwandelte.

Meine geplagten Kinder haben Notbetreuungen und Lockdowns überlebt und ich war froh, sie hernach wieder in den Händen ihrer gewohnten liebevollen und ansehnlichen Erzieher zu wissen. Noch ein Beispiel: „Bad Boys“. Männer, die Frauen schlecht behandeln. Ausgerechnet die haben eine nach der anderen oder manchmal sogar mehrere gleichzeitig.

Die ganz schlimmen Finger, also Vergewaltiger und Frauenmörder, verheiraten sich sogar häufig noch aus ihren Gefängniszellen heraus. Aber warum? Wenn diese Männer Frauen so sehr hassen, warum lassen sie sie dann nicht einfach in Ruhe? Aber eigentlich beantwortet sich meine Fragen von selbst: Wenn man Pflanzen hasst, liegt es nahe, einen Beruf zu wählen, der es einem ermöglicht, sie tagein tagaus nach Herzenslust zu vernichten.

Wenn man Kinder hasst, liegt es nahe, sich einen Beruf zu wählen, der es einem ermöglicht, sie tagein tagaus anzuschreien. Wenn man Frauen hasst, liegt es nahe, sie tagein tagaus schlecht zu behandeln oder gar zu schänden. Aber ich schweife ab.

So schlimm ist es nicht. Es regnet. Alles fließt. Aus Gelb wird Grün. Das ist der Kreislauf des Lebens. Man kann es an meinem Hinterhof sehen. Auf den Sensenmann folgt der Storch. Alles vergeht. Alles wird. Bis es eines Morgens wieder elektrisch dröhnt.

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