Berlin - Stephanie, 33: Lieber Herr Lenné, vielen Dank für Ihre Kolumnen. Ich habe ein Kind bekommen und seit etwa zwei Jahren sehr wenig Sex mit meinem Partner. Glauben Sie, dass sich das wieder richtet? Oder gibt es Paare, die nach dem ersten Kind mit dem Sexhaben aufhören? Wie sind Ihre Erfahrungen?

Liebe Stephanie, erst einmal Glückwunsch zu dem Kind. Warum sollten Menschen nach dem ersten Kind mit dem Sex aufhören? Da würde sich die Menschheit schnell halbieren. Viele Paare haben im ersten Jahr nach der Geburt sehr wenig oder keinen Sex. Da ist dieses neue kleine Wesen in das Leben des Paares hineingewünscht, hineingerutscht, hineingepresst. Alles ist, wie es sein sollte, aber nichts ist mehr, wie es war.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

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Aus den Tiefen der Seele kommen vorher in dieser Intensität unbekannte Gefühle. Liebe, Erfüllung, Verletzlichkeit, Verbindung und manchmal Gefühle, zu abhängig zu sein, füllen das Herz fast bis zum Bersten. Besonders beim ersten Kind brauchen die Paare Zeit, sich an diese ungeübte Fülle zu gewöhnen. Die jungen Mütter haben den Baby-Pieps an und alle Türen zum Kinderzimmer weit offen, dennoch müssen sie alle zehn Minuten nervös selbst nachsehen, ob alles mit ihrem kleinen Engel in Ordnung ist.

Man muss sich mehr Zeit nehmen

Das ist gesund und normal. So sind wir Menschen, wenn wir Nachwuchs bekommen. Auch müssen bei vielen Frauen Geburtswunden verheilen – körperliche, manchmal auch seelische. So geht das erste Jahr dahin und Sex ist nicht das Wichtigste. Jetzt sind es bei euch schon zwei Jahre und es scheint nur zu tröpfeln. Es gibt ein paar „Klassiker“, warum der Sex nicht wieder anspringen will. Vielleicht hat sich dein Verhältnis zu deinem Körper und deiner Sexualität durch die Mutterschaft verändert und du bist verunsichert, was du im Bett jetzt eigentlich fühlen und erleben möchtest.

privat
Der Paartherapeut

Fabian Lenné, Jahrgang 1960, arbeitet seit 20 Jahren als Paartherapeut in Berlin. Er ist Autor des Buches „Vom Umgang mit der Liebe“. Lenné ist Ausbildungsleiter am Institut für Integrative Paarentwicklung.

Vielleicht sind auch im ersten Jahr mit dem Baby zu viele kleine Streits und Differenzen nicht wieder aufgelöst worden. Du hast dich vielleicht zu viel alleingelassen oder unverstanden gefühlt. Und natürlich ist, wenn der Alltag stark von einem kleinen Kind bestimmt wird, oft nicht genug freie Zeit da, um – wie vor dem Kind – von selbst in den gemeinsamen sexuellen Fluss zu gelangen.

Ihr müsstet euch jetzt, um sinnlich, nah und eventuell auch sexuell zu werden, selbst kümmern. Freie Zeit schaffen, in der es passieren kann, aber nicht muss. Das fühlt sich zuerst etwas fremd an und wird zu Anfang auch schiefgehen, ist aber eine wirklich gute Möglichkeit, aus der Elternschaft wieder in die Liebesbeziehung zu gelangen.

Haben Sie Fragen an unseren Paartherapeuten? Schreiben Sie uns: liebe@berliner-zeitung.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.