Berlin - Christian, 35: Lieber Herr Lenné, ich bin seit drei Jahren glücklich mit meiner Freundin zusammen. Trotzdem habe ich heimlich einen Account auf einer Dating-Plattform und treffe mich regelmäßig mit Frauen zum Sex. Meine Freundin weiß nichts davon. Das ändert nichts an meiner Liebe zu ihr. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen. Warum tue ich das? Bin ich einfach nicht fähig zur Monogamie oder egoistisch? Was soll ich tun?

Lieber Christian, das klingt nach ganz unangenehmen Gefühlen. Das schlechte Gewissen ist ein Biest, das uns in den Nacken beißt. Monogamie ist das am weitesten verbreitete Lebenskonzept für Liebesbeziehungen. Gefördert wurde sie über sehr lange Zeit durch ökonomische Zwänge, die in den letzten 50 Jahren, zumindest in Deutschland, stark nachlassen.

Allerdings ist nicht klar, warum sich Menschen nicht schon immer mit zum Beispiel vier Frauen und vier Männern zusammentun. Das gäbe eine größere ökonomische Sicherheit und menschlich und sexuell eine größere Auswahl. Die meisten wollen, warum auch immer, dann doch nur die eine oder den einen. Und sie möchten am liebsten Sex, Interesse und Kooperation mit diesem einem teilen. Bei dir scheint sich der Sex nicht ganz daran halten zu wollen. Meine Frage ist: Wie ist der Sex mit deiner Freundin? Fehlt dir etwas, was du bei den anderen Frauen findest? Wenn das so ist, hast du schon mit deiner Freundin über deine sexuellen Wünsche und Sehnsüchte gesprochen? Wie seid ihr dazu ins Gespräch gekommen? Wie war das in deinen bisherigen Beziehungen?

Manchmal fällt es schwer, dies alles auf eine Person zu richten, obwohl man es gerne möchte. Manchmal ist es aber auch ein Zeichen dafür, dass es doch noch nicht die ganz richtige ist. Mit 35 Jahren bist du auf der Schwelle, eine Familie zu gründen. Vielleicht ist dein mäandernder Sex auch ein Hinweis, dass Nähe und Vertrauen zwischen dir und deiner Freundin dafür noch nicht eindeutig genug sind. Dann wäre es kein Gespräch über Sex, sondern eines über Nähe und Vertrauen. Der Zwiespalt zwischen Liebe zur einen und Sex auch mit anderen würde euch dann helfen, dieses Zögern, sich zu öffnen, auch zu spüren.

Natürlich gibt es auch ganz normale Menschen, die nicht monogam sind. Ihnen ist dieses Gefühl, alles in einem vereinigen zu wollen, eher fremd. Was du für einer bist und wie du das mit deiner Freundin leben kannst, werdet ihr zusammen herausfinden müssen. Einfach so weitermachen in der Hoffnung, dass es nie auffliegt, wird, wenn ihr eine Familie planen wollt, zu einem wirklichen Problem.

Haben Sie ebenfalls eine Frage an den Paartherapeuten? Schreiben Sie uns! liebe@berliner-zeitung.de 

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