Berlin - Die Teenager sagen, Instagram stirbt – und ich fange endlich an, die Gründe zu verstehen. Ich habe seit fast sechs Wochen nichts mehr in meinem Feed gepostet, obwohl ich in dieser Zeit kurioserweise mehr teilbare Inhalte gesammelt habe als im ganzen Jahr zuvor. Woran liegt das? Ich knüpfe wieder Kontakte, trage wieder schöne Outfits, meine Haare sehen fluffig und gewaschen aus. Und dennoch: Mein Wunsch, meine Bilder öffentlich zu teilen, wird von dem Wunsch, nie wieder irgendetwas zu teilen, in den Schatten gestellt.

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Am 19./20. Juni 2021 im Blatt: 
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Gelegentlich verspüre ich den Drang, etwas zu posten, und dann frage ich mich: Wozu eigentlich? Die Antwort bin ich mir immer noch schuldig geblieben. Durch Instagram zu scrollen, finde ich nicht mehr unterhaltsam. Manchmal nutze ich die App, um sinnvolle Tätigkeiten zu vermeiden oder schlicht zu prokrastinieren. Und obwohl ich diese Phasen schon häufiger durchlebt habe, spüre ich, dass sich mein Verhältnis zu der App in den vergangenen zwölf Monaten grundlegend verändert hat. Nach Jahren der Gefolgschaft ist der Sirenengesang von Instagram zu einem dumpfen Brummen verstummt. Ich bemerke dieses Brummen, wie ich Musik in einem anderen Raum bemerke.

Ein surrealer Effekt

Das toxische Potenzial von Instagram ist allgemein bekannt. Fast jeder, dem ich in der App folge, hasst Instagram zumindest teilweise, und jede große Nachrichtenagentur hat unzählige Geschichten darüber veröffentlicht, warum der Instagram-Hass seine Berechtigung hat. Instagram ist seit einiger Zeit auf dem Rückzug – nicht so sehr in finanzieller Hinsicht, aber im Sinne seiner Reputation. Ich vermute, es steckt mehr dahinter als die häufig genannten Gründe, dass Instagram Zeitverschwendung sei, eine falsche Realität vorgaukele oder den freien Willen durch Algorithmen manipuliere. Es geht um Grundsätzliches.

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum es heißt, Instagram vermittle eine irreale Fake-Welt. Wir dachten, wir könnten auf Plattformen wie Instagram die Rolle von echten Menschen einnehmen, die ihr reales Leben teilen. Im Laufe der Zeit sind wir aber zu Entertainern geworden, die sich selbst (oder eine Version von sich selbst) wie auf einer Bühne präsentieren, um sich Applaus abzuholen.

Instagram ist gelähmt davon, das wahre Leben spiegeln zu wollen. Und die Antwort auf diesen kollektiven Betrug sieht so aus, dass die Nutzer immer noch mehr Aspekte ihres „realen Lebens“ offenbaren. Sie zeigen mehr Verletzlichkeit, mehr Aktivismus, mehr Intimität. Der Effekt ist surreal. Man sieht auf Instagram weinende Menschen, deren Gesichter durchsetzt sind von FaceTuned-Filtern. Man hört politische Reden und sieht dabei getaggte Outfits. Man liest von persönlichen Entschuldigungen und scrollt weiter zu Partyfotos. Wie paradox.

Die Online-Welt strahlt etwas Unauthentisches aus

Klar, wir Menschen sind widersprüchlich, entwickeln uns ständig weiter. Aber ich glaube nicht, dass der Mischmasch der Absichten, der in unseren Feeds zum Alltag geworden ist, menschliche Gefühlszustände so authentisch widerspiegeln kann wie die Neurosen, die uns in der Realität beherrschen. Ich glaube, diese klaffende Lücke hat die Online-Welt noch unerträglicher gemacht, weil sie klarmacht, dass die Internet-Realität nicht so authentisch ist, wie sie zu sein scheint. Wir performen in ihr, dynamisch, auf geradezu heimtückische Weise.

Was ich mich gefragt habe, ist: Wie schlimm ist das Unauthentische eigentlich? Um ehrlich zu sein: Ich bin die ganze Zeit unauthentisch. Etwa wenn ich Selbstbewusstsein in einem neuen Job vortäusche. Wenn mir jemand ein Meme schickt, das ich bereits kenne und dennoch überrascht tue. Oder wenn mir jemand ein Geschenk macht, das ich nicht möchte. Wenn ich aufstehe, obwohl ich mich eigentlich hinlegen will.

Leistungsbereitschaft gehört zum Leben dazu. Sie ist ein Akt der Selbstbehauptung. Ebenso wahr ist aber, dass Performance-Sucht echte Bindungen auf Dauer hemmen kann. Ein Leben, das von Dauerpräsenz erfasst wird, ist ein leeres Leben. Das ist der Grund, warum Online-Räume etwas Unheimliches an sich haben, egal wie sehr wir versuchen, sie authentisch zu gestalten.

Instagram kann uns nicht berühmt machen

Meine bevorzugten Social-Media-Kanäle sind nicht diejenigen, die besondere Authentizität vorgaukeln. Eher im Gegenteil: Ich nutze vor allem Social-Media-Apps, die mir Bildung oder Memes vermitteln oder Videos von Hunden, die Reiskuchen auf dem Kopf balancieren. Ausdrucksformen, die explizit auf die Einzigartigkeit des Internets zugeschnitten sind. Man muss sich mal vorstellen, wie sich die Räume des Internets anfühlen würden, wenn unsere Authentizitätsbesessenheit nachließe. Wenn wir Instagram nicht als Spiegelbild unseres Lebens, unserer Persönlichkeit und unserer Gedanken verständen.

privat
Die Autorin

Haley Nahman ist eine amerikanische Autorin. Sie betreibt mit „Maybe Baby“ einen der erfolgreichsten Newsletter der USA, außerdem ist sie Moderatorin eines gleichnamigen Podcasts. Haley Nahman lebt in New York.

Vielleicht ginge es dann beim Posten nicht mehr darum, wie Max Read es einmal formuliert hat, „auf uns selbst aufmerksam zu machen“. Sondern darum, auf etwas anderes, etwas Wichtiges aufmerksam zu machen. Was wäre, wenn wir endlich verständen, dass das Posten von persönlichen Inhalten uns nicht berühmt machen kann? Würden wir dann weniger Druck verspüren? Weniger von anderen erwarten? Weniger wütend sein?

Die Klicks füttern das System, das sie bekämpfen wollen

Irgendwann im vergangenen Jahr habe ich beschlossen, meine politischen Überzeugungen nicht mehr auf Instagram zu kommunizieren. Teilweise wurde ich in meiner Entscheidung durch den Dokumentarfilm „Hypernormalisation“ von Adam Curtis inspiriert, in dem der Regisseur darauf hinweist, dass die Auswirkungen des Postens zu einer Machtzunahme derer führt, die die Plattformen besitzen – also im Fall von Instagram: Mark Zuckerberg. Der Glaube an die einzigartige Wirkung des Postens kann uns politisch gefügig machen. „Wir befinden uns in diesem sehr lustigen paradoxen Moment in der Geschichte“, sagte Curtis kürzlich in einem Interview. „Wir leben in einer Instagram-Welt voller dynamischer Hysterie, aber alles bleibt immer gleich. Wir bekommen Wellen der Hysterie zu spüren – wütende Leute klicken schließlich häufiger! Doch diese Klicks füttern nur die Systeme, die sie verhindern wollen. Nichts ändert sich wirklich.“

Mein Blick auf Social-Media-Apps mag etwas unkritischer als der von Curtis sein. Dennoch denke ich, dass die einflussreichsten politischen Bewegungen in der Tat immer noch offline stattfinden. Die Bewegungen, die ich im Sinne habe, nutzen Social Media überwiegend als Mittel für realen Kollektivismus (wie bei #MeToo) oder zum Zwecke der analogen Organisation (wie bei Black Lives Matter).

Wir sind so viel mehr als unsere Social-Media-Präsenz

Manchmal bin ich überwältigt davon, wie schlecht meine sozialen Konten kommunizieren, wer ich eigentlich bin. Früher fand ich das Posten von Inhalten motivierender. Ich wollte gesehen werden, hatte sogar Spaß dabei. Heute habe ich weniger Energie dafür, zu beweisen, wer ich eigentlich bin. Social Media ist kein geeignetes Mittel, um Menschlichkeit auszudrücken. Das Beharren von Social Media darauf, uns mit anderen Menschen verbinden zu wollen, hat eine feindselige Soziallandschaft geschaffen, in der Bitterkeit viel leichter gedeiht als Intimität und Verständnis. Im Interview sagt Curtis, dass das, was Social Media nicht erfasst und nie erfassen wird, die mysteriöse und romantische Seite des Lebens betrifft.

„Echte Intelligenz besteht darin, an einem geschäftigen Abend flink eine volle Straße entlang zu spazieren, nicht darüber nachzudenken und zugleich Erinnerungen abzurufen und Dinge im Gehirn abzuspielen. Was ich sagen will, ist, dass der Mensch in Social Media auf eine sehr vereinfachte Version seiner selbst reduziert wird, die er akzeptiert hat, um in das Maschinenmodell der Gesellschaft und des Internets zu passen. Aber wir sind außergewöhnliche Wesen und können außergewöhnliche Dinge tun. Wir sind so viel mehr als das, was wir dort sein wollen.“

Wie kann man Instagram als Mittler des Menschlichen reduzieren?

Ich werde nie vergessen, wie eine Freundin zu mir sagte, ich sei viel weniger selbstbewusst, als es in meinen Onlineprofilen den Anschein hat. Sie versicherte mir, damit eine wertneutrale Aussage zu treffen. Selbstvertrauen ist nichts, was ich absichtlich online ausdrücken will. Ich drücke meine Fehlbarkeit vielleicht sogar dezidierter aus als jede Durchschnittsperson. Und trotzdem ist die Wirkung eine andere. Denn Bildunterschriften und Tweets vermitteln ein Gefühl von Endgültigkeit, das normale Sprache eben nicht hat. Gleichzeitig können statische Worte, Bilder und Soundbites niemals die unbeschreibliche Qualität der physischen Präsenz einer Person erfassen. Deshalb glaube ich, dass Menschen im Internet sich mehr von ihrer realen Persönlichkeitsstruktur unterscheiden, als wir es erwarten würden. Das soll nicht heißen, dass das Internet dem menschlichen Fortschritt nicht nützlich sein kann. Es soll nur heißen, dass das Internet nicht besonders gut darin ist, das zu tun, was die meisten von ihm verlangen.

Laut dem Anthropologen Robin Dunbar können Menschen bequem 150 stabile Beziehungen aufrechterhalten (allgemein bekannt als Dunbar-Zahl). Aber auch nicht mehr. Das Schlüsselwort ist hier „stabil“. Unsere Online-Beziehungen sind nicht nur aufgrund des Formats dazu verdammt, echte Beziehungen nachzuahmen, sondern auch, weil sie zu zahlreich sind. Wir können kein massenhaftes gegenseitiges Verständnis durch digitale Medien auf sinnvolle Weise erreichen. Ich denke, wir sollten stattdessen die Grenzen der sozialen Medien akzeptieren – und ihre nützlichen Aspekte nutzen – statt zu versuchen, sie gewaltvoll zu überwinden.

Für jemanden, dessen Arbeit und gelegentliches Selbstwertgefühl von ihrer Online-Präsenz abhängt, ist dies ein unbequemes Fazit, aber ein befreiendes. Ich finde, je bekannter ich mich im „echten“ Leben fühle, desto weniger brauche ich digitale Bekanntheit. Was nicht unbedingt das Löschen meiner Konten nach sich ziehen wird, sondern vor allem den Wunsch impliziert, meine Beziehung zu Social Media zu verändern. Wenn wir davon ausgehen, dass Instagram oder ähnliche Apps niemals mehr verschwinden werden, frage ich mich jetzt: Was können wir tun, um die Bedeutung dieses Plattformen als ultimative Mittler des Menschlichen zu reduzieren? Und: Ist so ein Schritt überhaupt möglich?

Der Text wurde von Tomasz Kurianowicz aus dem Englischen übertragen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.