Rostock - Gojko Mitic blickt stolz und kühn mit langer Mähne von den Plakaten in Rostock, vor der Kunsthalle steht ein buntes Tipi. Doch die Zeiten, in denen sich jeder unbeschwert an eigene Indianerspiele, an Faschingskostüme mit Federschmuck oder die alljährlichen DEFA-Indianer-Filme mit Gojko Mitic erinnern durfte, sind vorbei.

Als Berlins grüne Spitzenkandidatin Bettina Jarasch neulich als Kindheitstraum „Indianerhäuptling“ angab, musste sie sich bei ihrer identitätsbeflissenen Partei für ihre „unreflektierten Kindheitserinnerungen“ entschuldigen. Dabei verkörpert ein Häuptling ideale Eigenschaften für die Politik: „Intuition, Voraussicht, Hochachtung für die Meinung der anderen, die Fähigkeit zu sinnvoller Planung, Initiative, ein hervorragendes Verhandlungstalent und Mut“– all diese Eigenschaften schreibt die Ethnologin Eva Lips den klassischen Häuptlingsfiguren zu. Und wurde nicht ein populärer Berliner Bürgermeister, nämlich Richard von Weizsäcker, „Häuptling Silberlocke“ genannt?

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So liegen die Romane von Karl May neben Liselotte Welskopf-Henrichs Werken

Aber wie kompliziert der Umgang mit dem kolonialen Erbe mittlerweile ist, wird dem Besucher schon eingangs der Rostocker Kunsthalle klargemacht. Auf einer Tafel erklärt die Volkskunde-Professorin Heike Bungert, dass sich amerikanische Ureinwohner zwar selbst „American Indians“ nennen, im deutschen Sprachgebrauch aber die Begriffe „Indianer*innen“ oder „Indigene“ passender wären. Doch direkt neben der muskulösen, männlichen Brust von Gojko Mitic wirkt der Begriff „Indianer*in“ drollig, und auch die Zusammenfassung der weißen Eroberer als „Euro-Amerikaner*innen“ lässt eher an eine multinationale Amazonen-Armee denken als an schießwütige Bleichgesichter.

Die Ausstellung „Ost/Western“ will zeigen, wie die beiden deutschen Staaten sich für das Genre begeisterten, es aber sehr unterschiedlich interpretierten. „Wie hat uns dieses Bild geprägt? Was macht es heute mit uns?“, fragt Museumschef Jürgen Neumann. Sein Haus forciert das Spiel mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden. So liegen die Romane von Karl May neben denen von Liselotte Welskopf-Henrich. Deren Zyklus „Die Söhne der großen Bärin“ lieferte 1966 den Stoff für den ersten DEFA-Indianerfilm – eine Reaktion auf die „Winnetou“-Filme nach Karl May, die schon seit 1962 erfolgreich im Westkino liefen. Warum May in der DDR damals keine Chance hatte, erklärt Kulturminister Hans Bentzien im Video: Das sei mäßige, ja schlechte Literatur – das knappe Papier sollte den eigenen Autoren zugute kommen. Repräsentiert werden die Ost-Western von den enorm populären Hauptdarstellern. Ein Szenenfoto aus der Karl-May-Verfilmung „Unter Geiern“ zeigt sie noch zusammen: Pierre Brice im fein bestickten Anzug, Gojko Mitic mit freiem Oberkörper.

Der Vogel als Jagdbeute

Im Video laufen die Filme nebeneinander. Szenen zu Motiven wie „Schüsse, Stiche, Showdown“ oder „Bretter, Buden, Ballerei“ zeigen, dass sich die Werke optisch ähnlicher waren, als es die DDR-Kulturoberen wahrhaben wollten. Dass die Ost-Filme stärker auf die Historie, reale Helden und die ökonomischen Hintergründe Wert legten, das können die knappen Ausschnitte nicht zeigen.

Und ob die Kostümierungen und Requisiten der Filme authentisch waren, darüber geben selbst die Originalfotos, die John Hillers um 1870 in Utah aufnahm, kaum Auskunft: Denn die Fotografen wollten die „Wilden“ nicht halbnackt abbilden und brachten ihnen Fransenhosen mit – Gojko Mitic war also den Vorbildern ähnlicher als Pierre Brice. Auch das Spielzeug kommt zumindest dem östlichen Besucher „echter“ vor: Steif die Playmobils aus dem Westen, elastischer die Gummifiguren aus dem VEB-Spielzeugland Mengersgereuth-Hämmern. Jeder hatte sie damals und versah sie mit Namen: Meinen Häuptling nannte ich „Der mit der Gans“ – er trug den Vogel als Jagdbeute.

Wie der Indianerfilm den Alltag beeinflusste

Indianische Namen waren ein Ritterschlag, zu erleben in den Räumen zum DDR-Comic „Mosaik“. Ab 1969, zur Hochzeit der DEFA-Indianerfilme, reisten die Kobolde Dig, Dag und Digedag durch den Wilden Westen und verbündeten sich mit den Indianern im Kampf gegen aggressive Bösewichter. Häuptling Büffelherz nahm sie als Adlerauge, Kluger Biber und Flinker Fuchs in seinen Stamm auf. Das „Mosaik“ sprang sogar zurück zu den spanischen Eroberern unter Cortez, und erst heute fällt mir auf, dass selbst die Digedags ein paternalistisches Verhaltensmuster zeigten, das sich bis heute fortsetzt: Was gut für euch ist und wie wir euch nennen, das bestimmen immer noch wir. Die Drei bargen einen aztekischen Goldschatz, überließen ihn am Ende aber nicht den Indios, sondern finanzierten mit dem Verkauf die Unabhängigkeitsbewegung - die „roten Brüder“ mussten den Freiheitskampf der „Schwarzen Brüder“ unterstützen.

Wie der Indianerfilm den Alltag beeinflusste, das zeigt die Rostocker Kunsthalle im Osten: Zwei „Indianistik“-Gruppen führen vor, wie ehrgeizig sich DDR-Bürger in Freizeitindianer verwandelten. Sabine Ulhlig von der „Völkerkundlichen Kulturgruppe des Brauchtums der Prärieindianer Magdeburgs“ gab sich den Namen „Tishunka-Wasit-Win“ und stellte Kleider her, die jeden Film geschmückt hätten. Die Kulturbundgruppe aus Triptis gab einen ausgefeilten Aufnahmetest für ihre Bewerber aus, in der alle Unterstämme und Dialekte der Dakota abgefragt wurden. Nur wer 90 von 136 Punkten erreichte, konnte aufgenommen werden.

Indianer darf hier jeder sein

Fotos von Roger Melis und Wolfgang Mattheuers Ölgemälde „Richard der Indianer“ spielen mit den kindlichen Phantasien – schon wer eine Federhaube aufsetzte und das rote Plaste-Tomahawk in den Gürtel steckte, der entfloh auf staubigen Brachen in eine Traumprärie. Olaf Reis, der an der Universität Rostock zur Kinder- und Jugendpsychiatrie forscht, spannt im Katalog einen ganz großen Bogen. Er vergleicht die Filme über verdrängte Indianer durch übermächtige Kolonisatoren mit dem Untergang der DDR und fasst alle Bewohner des Ostens zu einem eigenen Stamm zusammen. Die „InDDianerR“ als besiegte Ethnie, deren Kultur untergegangen ist und musealisiert wird.

In einem Audiobeitrag sieht sich eine Ostfrau als Indianerin im Reservat: „Nur niedergemetzelt haben sie uns nicht.“ Doch Tokei-Ihto, Osceola, Tecumseh, Weitspähender Falke oder Ulzana, all die DEFA-Helden, sie hatten sich nie in eine Opferrolle hineingesteigert. Die Ausstellung „Ost/Western“ bleibt offen für Assoziationen: Indianer darf hier jeder sein, egal, welches Geschlecht, ob Ost oder West, egal, wie man sich schreiben oder kleiden möchte. Und wie wär’s mit einem „Weitspähenden Falken“ an der Spitze des Berliner Senats?

Ost/Western, Kunsthalle Rostock, bis 29. August 2021.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.