Berlin - Das jüdische Fest Pessach beginnt 2021 am Abend des 27. März, es wird jährlich gefeiert und erinnert an den Jahrestag unseres Auszugs aus der ägyptischen Sklaverei vor über 3300 Jahren. In den ersten Nächten von Pessach halten wir den Seder ab. Nachdem die Kerzen angezündet worden sind, genießen wir ein Festmahl, in dessen Mittelpunkt die Erzählung des Exodus steht. 

Höhepunkte sind: das Trinken von vier Bechern Wein, Kinder, die die Erzählung einleiten, indem sie die vier Fragen stellen, das Essen von Matza-Brot und das Singen bis spät in die Nacht. Pessach dauert insgesamt acht Tage. An Pessach dürfen Juden nichts besitzen oder verzehren, das Getreide enthält, das aufgegangen ist. Dazu gehören fast alle Brote, Nudeln, Kuchen und Kekse.

Vier Becher Wein für die Freiheit

Vor dem Feiertag werden die Häuser für Pessach gründlich gereinigt. Pessach ist für Juden wichtig, da es ihre Geburt als Nation feiert. Was ist die universelle Botschaft von Pessach? Pessach ist, wenn ein Mensch herauskommt. Nicht nur aus Ägypten. Sondern auch aus seinem Versteck. Aus dem Versteck seines Inneren. Laut dem Pew Research Center werden in diesem Jahr etwa 7,5 von 10 Juden an einem Pessach-Seder sitzen. Es gibt Juden, die vielleicht keinen anderen Feiertag feiern werden – Pessach holt alle an den Tisch. Wir menschliche Wesen sehnen uns nach Identität.

Aber wir alle leben auch innerhalb einer Geschichte. Was die Geografie für viele ist, ist die Geschichte für einen Juden oder für jeden Menschen, der sich entscheidet, so zu leben. Nur dass Geografie ihre Grenzen hat. Die Geschichte geht ewig weiter, sie umfasst alles. Wann kehren wir zu ihr zurück? In der Nacht des Pessachfests, wenn wir zusammensitzen, die Bitterkeit der Unterdrückung schmecken, wenn wir in die bitteren Kräuter beißen, unsere Zähne in das Brot der Armut namens Mazze versenken, die vier Becher Wein für die Freiheit trinken und unseren Kindern und Freunden unsere Geschichte der wundersamen Befreiung erzählen.

Es liegt an uns, die Welt zu verbessern

Es ist nicht nur irgendein Abend. Es ist das, was wir sind. Was macht die Pessach-Geschichte noch immer so lebendig? Wir alle kennen die Themen: Unterdrückung gegen Freiheit. Tyrannei gegen Zusammenhalt. Ego gegen Liebe. Das Schwert gegen das geschriebene Wort, die mächtige Weisheit des Wortes. Diese Kämpfe sind sicherlich noch immer lebendig. Sie dominieren die globalen Belange. Sie stehen im Vordergrund unseres persönlichen Alltagslebens. Wir alle haben unseren inneren Pharao, der uns versklavt. Unsere persönlichen Ketten der Sklaverei gilts es zu lösen und zu durchbrechen.

Gerade deshalb ist es eine so wichtige Geschichte – für jeden auf diesem Planeten. Denn es ist lebenswichtig, dass jeder von uns diese Botschaft bekommt: das Gefühl, dass der Schöpfer dieses erstaunlichen Ortes, der sich wirklich um alles kümmert, auf dich zeigt, in dein Gesicht schaut und sagt: „Hey, kleiner Mensch, ich überlasse es dir. Wenn du es nicht tust, tut es keiner.“ Denn das ist der einzige Weg, wie je etwas in Ordnung gebracht werden kann – wenn jeder Einzelne fühlt: „Es liegt an mir. Ich bin die entscheidende Figur dieser Geschichte.“

Es stellt sich heraus, dass die wesentliche Kraft der Freiheit, der Heilung und der Veränderung überhaupt in einer Idee zusammengefasst werden kann: Es liegt an dir und mir, die Welt zu verändern und sie zu einem besseren Ort zu machen. Und das ist Pessach.

Yehuda Teichtal ist ein US-amerikanischer orthodoxer Rabbiner. Er ist Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Vorsitzender des Jüdischen Bildungszentrums Chabad.

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Diese Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.