Berlin - Wer mal einen Kitaplatz für sein Kind gesucht hat, kennt die Prozedur: Man ruft eine Kita an, bettelt bei der Leiterin, lässt sich auf eine Warteliste setzen. Doch eine reicht nicht, man ruft zehn, zwanzig, hundert weitere Kitas an, lässt sich auf weitere Listen setzen. Nach vier Wochen hakt man nach, in der Hoffnung, irgendwo einen Platz zu ergattern, nach weiteren vier Wochen wieder. So ähnlich ist das jetzt auch bei der Suche nach einem Impftermin.

Am Anfang dachte ich noch, dass alles nach der Warteliste des Bundesgesundheitsministeriums geht, der Priorisierung, und dass man irgendwann einen Brief bekommt. Man müsste geduldig sein, dann würde sich alles fügen. Allerdings dachte ich früher auch, es würde reichen, sich auf eine Warteliste bei einer Kita zu setzen und alles würde automatisch funktionieren. Jemand hat einmal gesagt, Regeln sind dazu da, um sie zu brechen, ein Satz, der längst inoffizielles Grundgesetz geworden ist.

Wenn ich mich umschaue, wie viele 30-Jährige ohne Vorerkrankungen inzwischen freudig von ihren Impfterminen berichten und in den sozialen Medien darüber posten, dann darf man davon ausgehen, dass die Priorisierung schon längst aufgeweicht ist. Haben die alle Freunde, die zufällig Ärzte sind? Nicht falsch verstehen, ich freue mich über jeden, der schon dran war, aber ich wäre auch gern bald geimpft und hätte gern keine Angst mehr. Es ist anstrengend, wenn man selbst noch lange nicht dran ist, gleichzeitig aber über die Kita viele indirekte Kontakte hat, die man nicht reduzieren kann. 

Geimpft wird in Berlin nach Alter, Vorerkrankungen und Berufen. In Priorität 3, die als nächstes dran ist, sind viele Berufe verzeichnet. Eltern sind in keiner Prioritätengruppe. Auch Super-Experte Karl Lauterbach von der SPD sieht das als Problem: „Kinder und Eltern werden voll dem Risiko ausgesetzt in den nächsten Wochen. Sie werden gar nicht oder zuletzt geimpft“, schreibt er auf Twitter. Und sie bekommen dann halt auch nicht die Freiheiten zurück, die andere Geimpfte bald wieder haben werden. Eltern und Kinder wurden zuerst eingeschränkt, siehe abgesperrte Spielplätze vor einem Jahr, und sie werden wohl als Letzte aus dem Lockdown entlassen.

Immerhin teilte der Biontech-Gründer Ugur Sahin mit, dass Jugendliche ab zwölf wohl schon in den nächsten Wochen geimpft werden können. Das würde gehen, da ab Juni die Priorisierung offiziell aufgehoben werden soll, aber das würde auch bedeuten, dass Erwachsene zwischen 40 und 50 dann warten müssten.

Die Familienministerin Franziska Giffey empfahl derweil allen Eltern, sich dringend impfen zu lassen, und es klang, als sei es eine Frage des Wollens, des Bemühens, der eigenen Verantwortung. Als würden überall die Ärzte mit aufgezogener Spritze warten, nur die blöden Eltern kämen nicht. Ich fühlte mich von Frau Giffey etwas unter Druck gesetzt und erwog, mich mit Astrazeneca impfen zu lassen.

Mein Hausarzt sagte: Nein, er halte sich an die Regeln der Ständigen Impfkommission (Stiko) und des Robert-Koch-Instituts und das habe den Impfstoff nicht für Jüngere freigegeben. Okay, das Land Berlin hatte den Impfstoff freigegeben, Stiko auch, aber nur auf eigenes Risiko. Wer für Impfschäden haftet, ist unklar. Verwirrend. Meine Nachbarin, eine Apothekerin, riet auch ab und empfahl, sofort alle mir bekannten Fachärzte durchzutelefonieren, sie könnten ab Mai impfen. Das werde ich jetzt tun, deshalb muss ich mit dieser Kolumne Schluss machen. Sorry, Chef.

Anmerkung nach der ersten Veröffentlichung: Laut Empfehlungen der Stiko ist die Gabe von Astrazeneca auch bei Unter-60-Jährigen möglich. Der Arzt muss jedoch vorher aufklären: „Darüber hinaus ist unabhängig vom Alter eine Entscheidung nach ärztlichem Ermessen für die erste oder zweite Impfstoffdosis mit Vaxzevria von Astrazeneca möglich, die bei individueller Risikoakzeptanz nach sorgfältiger Aufklärung getroffen wird.“