Berlin - Als Journalist verpasst man oft die besten Geschichten, obwohl man jeden Tag über sie stolpert – oder sogar drüberfahren muss. So ergeht es manchmal auch der Redaktion der Berliner Zeitung. Mit einer Sache ganz besonders: der Umgebung um das Redaktionshaus des Berliner Verlags herum, der Alten Jakobstraße 105, die sich in der Nähe der Bundesdruckerei und des Axel-Springer-Hauses befindet und seit Ende 2016 die neue Heimatadresse des Verlags ist.

Früher wurde ein kleiner Teil dieser 1,7 Kilometer langen Straße von der Berliner Mauer zerfurcht, an der Ecke zur Kommandantenstraße. Heute sieht man vor dem Verlagshaus lediglich eine Kopfsteinlinie, die sich durch den glatten Asphalt zieht und an die Trennung Berlins erinnert. Drumherum: ein Architektur-Potpourri aus modernen und heruntergerockten Häusern, die Berlins Ruf als diverseste (oder hässlichste?) Hauptstadt westlich von Warschau zementieren.

Foto: Ewelina Bialoszewska
Wo ist das? Tatsächlich Berlin? Ja! Der Blick aus dem Berliner Verlag auf das gegenüber liegende Gebäude, das Fronthaus der Fellini-Höfe.

Südwärts der Mauer: die Otto-Suhr-Siedlung, früher Sozialbau der BRD, finanziert aus den Geldern des amerikanischen Marshallplans und benannt nach dem Berliner Bürgermeister Otto Suhr. Das frühere Vorzeigeobjekt der Stadtplaner gehört heute zu den ärmsten Vierteln Berlins. Teile der Gebäude gehören der Wohnungsbaugesellschaft „Deutsche Wohnen SE“. Nordseitig, wo früher der Todesstreifen war, cremeweiß blitzende Neubauten, die 30 Jahre nach dem Mauerfall den Geist globalisierter Gleichmacherei atmen. Im Grunde könnten diese Klötze überall stehen: in Shanghai, in Abu Dhabi oder in Ditzingen bei Stuttgart.

Die Bewohner fallen durch ihre Unterschiede auf

Rein formal befindet sich unsere Redaktion in der „Luisenstadt“. Doch kaum ein Zugezogener würde auf diese Bezeichnung kommen. Die meisten würden vermutlich sagen, man sei „irgendwo in Kreuzberg“, „irgendwo in Mitte“, „irgendwo im Zentrum der Stadt“. Die vielen Neubauten und der rasante Zuwachs haben einen Stadtteil kreiert, dessen Identität sich nicht klar fassen lässt. Reiche neben Armen, Bausünden neben architektonischem Glanz, Luxus neben Schrott. Wie soll man da zusammenwachsen?

Foto: Ewelina Bialoszewska
Im Ostteil der Luisenstadt sind in den vergangenen Jahren viele Neubauten entstanden. Hier ein Musterbeispiel.

Die Architektur ist das Eine. Das Andere: die Menschen, die hier leben und arbeiten. Wir haben uns gefragt: Wer sind sie? Und wie halten sie die Kontraste aus?  Manchmal kommt man mit einem alten Bewohner ins Gespräch, der sich über den Wandel beklagt. Manchmal sieht man arabische Jungs an der Ecke stehen und rauchen. Dann wieder kommen auffällig viele Koreaner vorbei, die gut gekleidet in den weißen Neubausiedlungen verschwinden. Grund genug, zwei Reportern der Berliner Zeitung eine Fotografin an die Seite zu stellen – und sich einfach mal umzuhören.

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Es ist Montagmorgen in Berlin. Alexandrinenstraße Ecke Stallschreiberstraße. Der Himmel: wolkenfrei. Vor uns: der Innenhof einer weißen Neubausiedlung namens „Quartier Luisenpark“. Wir befinden uns haarscharf im ehemaligen Osten der Stadt, der im Jahr 2021 den Charme westdeutscher Vorstädte verströmt. Im Innenhof der Mietshäuser ist es heller als auf der Straße. Die Fassaden aus Glas und glattgebürstetem Strahl brechen das grelle Licht der Morgensonne. Die kurzen Schatten der jungen, frisch gepflanzten Pappeln fallen auf einen Kinderwagen. Wir sprechen Javier Morales an, einen Spanier Anfang 30 – blauer Parka, Turnschuhe, Sonnenbrille –, der mit Frau und Kind einen Spaziergang durch sein Viertel macht. Dass der Zugezogene sein Töchterchen über ein früheres Minenfeld schiebt, weiß er da noch nicht.

Foto:
Ewelina Bialoszewska
Der Spanier Javier Morales wohnt in der Nähe des Berliner Verlags.

Seit acht Monaten wohnt Morales jetzt schon in der Neubausiedlung. Vorher arbeitete er in Dublin. Sein Arbeitgeber, der Versandgigant Zalando, schickte den spanischen Informatiker im August 2020 nach Berlin. Der Konzern startete als Gründung der Samwer-Brüder und ist jetzt steil auf Expansionskurs, auch dank der Pandemie. Morales fand das Angebot lukrativ und seine Frau die Idee spannend, nach Berlin zu ziehen. Schließlich klingt Berlin nach Party, Aufbruch, unfertigem Großstadt-Dschungel. Und die Miete für die neue Wohnung? Die war bezahlbar und das Gehalt deutlich über dem Berliner Durchschnitt.

Dass direkt unter Morales‘ Küchenfenster einst Kaninchen an Grenzsoldaten vorbeihoppelten und gelegentlich von Kontaktminen in Stücke gerissen wurden, hört der Informatiker heute zum ersten Mal. „What? Mauerstreifen?“, fragt der Spanier verstört und blickt überrascht zu seiner Frau. Seine Nachbarn kommen aus Russland, China, Griechenland und der Schweiz. Smalltalks über Mauertote hätte es bisher nie gegeben, sagt Morales.

„Ich habe eine Ahnung, wo die Torstraße ist“

Foto: Ewelina Bialoszewska
Der 69-jährige Rentner Lothar Kleinert wohnt in der Nähe der Oranienstraße. Er hat viel Wandel erlebt und wünscht sich manchmal ein bisschen Normalität zurück, wie damals, als Kreuzberg (West-Berlin) noch kein Yuppie-Hotspot war.

Wir gehen ein paar Schritte weiter, rüber in den ehemaligen Westen, der heute so aussieht, wie man sich früher den Osten vorgestellt hat. Vor uns steht Lothar Kleinert. Er wohnt nur zweihundert Meter runter in der Oranienstraße. Für ihn hat die Mauer nie wirklich aufgehört zu existieren. Der 69-jährige Rentner macht wie jeden Tag seine kleine Runde um den Block. Immer auf dem „West-Bürgersteig“, wie er sagt. Manchmal schaut er über die Straße zu den massigen Neubauten. „Ich wünsche mir die grünen Brachen der 90er-Jahre zurück“, sagt er verträumt. Nach den Preisen der neuen Apartments in der Nachbarschaft, deren Südbalkons merkwürdig verwaist wirken und „Cosmpolitan Houses“ und „Parkside Houses“ heißen, hat er sich nie erkundigt. Warum auch? Bei Stilfragen ist er sattelfest. „Ich finde sanierte Altbauten einfach schöner.“

Bis heute fährt der ehemalige Dachdecker nicht in die Ostbezirke der Stadt. „Ich hab zwar eine Ahnung, wo die Torstraße ist, aber wie ich dahin komme, weiß ich nicht.“ Kleinert hat nie woanders als in Kreuzberg gewohnt. Sechsmal ist er umgezogen. Seit 24 Jahren wohnt er jetzt mit seiner Frau und dem erwachsenen Sohn in der Oranienstraße. Die Geschäfte mit den Dachpfannen liefen lange „bombig“, sagt er. Doch vor 18 Jahren legte sein Arbeitgeber eine Pleite hin. Der Grund? Der Chef habe sich am neuen Ostgeschäft verhoben.

Mit 51 Jahren war Kleinert plötzlich arbeitslos. Die Audi-Limousine musste er schweren Herzens verkaufen. Zum Angeln an die Havel ist er seitdem nie wieder gefahren. Den Wandel und die Gentrifizierung des Viertels bekomme er mit Blick auf die Klingelschilder in seinem Wohnblock mit, sagt er. 28 Parteien lebten in seinem Haus. Davon seien höchstens acht noch „deutscher Herkunft“, wie er festgestellt hat.  Für Kleinert ist das: Globalisierung zum Anfassen.

„Es gibt hier Fahrstühle und Fußbodenheizung“

Foto: Ewelina Bialoszewska
Theresa Werz-Loop kommt aus Freiburg und wohnt jetzt in der Nähe des Berliner Verlags in einem Neubau. Ihren Altbau hat sie gerne aufgegeben, schließlich habe sie jetzt eine Fußbodenheizung.

Zurück in der Alten Jakobstraße. Theresa Werz-Loop, geboren in Freiburg im Breisgau, hat sich mit ihrem Mann ganz bewusst für die moderne Ausstattung eines neuen Apartments entschieden. Anders als Javier Morales ist sie nicht neu in der Stadt. Vorher lebte sie mit ihrem Mann  in einer großzügigen Altbauwohnung nahe der U-Bahn-Station Märkisches Museum.

„Das hier ist was ganz anderes“, sagt die junge Mutter, „alles ist neu, alles funktioniert.“ Einer Familie seien andere Dinge wichtiger als der reine Look. „Fahrstühle und Fußbodenheizung zum Beispiel.“ Der moderne Innenhof mit den Holzskulpturen biete alles, was man brauche, außerdem seien Kita und Grundschule direkt nebenan. „Meine Tochter Carlotta kann hier ungestört spielen – ohne gefährlichen Autoverkehr“, sagt Werz-Loop. Einziges Manko: In der Nachbarschaft gebe es eigentlich überhaupt keine Restaurants und Geschäfte.

In Berlin gibt es sehr gute Bubble-Tea-Läden!

Stopp, stopp, stopp! Ganz stimmt das nicht, haken wir ein. Die Luisenstadt beherbergt um das Verlagshaus herum einige billige und exzellente Pizza- und Sandwichläden, gut sortierte Spätis und sogar das koreanische Restaurant „Gung“ in der Seydelstraße, das dem Viertel ein bisschen Großstadtflair verleiht. Als wir dann tatsächlich auf zwei Koreaner stoßen, schwärmen sie von einem Bubble-Tea-Laden in der Nähe, der mit den besten Bubble-Tea-Läden in Seoul mithalten könne. So schlimm ist die Lage also nicht.

Foto: Ewelina Bialoszewska
Die Fellini-Höfe fallen auf durch eine ausgefallen geschwungene und mediterran anmutende Architektur, die sich einer genauen Verortung entzieht.

Dennoch: Ein lebendiger Kiez ist was anderes. Die knappe gastronomische Auswahl hat damit zu tun, dass die Grenze der sogenannten „Parkraumbewirtschaftung“ direkt entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze verläuft. In Kreuzberg darf der Berliner traditionell ohne Parkschein parken, in Mitte dagegen ahndet das Ordnungsamt widerrechtlich abgestellte Fahrzeuge. Das schränkt auch den Platz für Geschäfte und Cafés ein. Denn einen beträchtlichen Teil der Erdgeschossfassadenflächen der neuen Häuser nehmen vergitterte Tiefgarageneinfahrten ein.

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Wir marschieren weiter. Vor uns huscht ein Junge mit lila Kopftuch vorbei. Er dribbelt einen Basketball über den Gehweg. Als wir ihn ansprechen und nachfragen, was er hier so macht, raunt er zurück: „Ich wohne hier! Auf der anderen Seite des Viertels!“ Und dabei zeigt der 14-Jährige Richtung Oranienstraße. Es stellt sich heraus: Der Junge heißt Muhad und geht in der Luisenstadt zur Schule. Er wolle jetzt seine Freunde zum Basketballspielen treffen, sagt er. Ob der Mix aus Arm und Reich in seiner Klasse eine Rolle spiele? „Nein“, sagt Muhad. Er sei hier in Kreuzberg geboren, viele seine Freuende seien Zugezogene. Sie würden zwar mehr Taschengeld haben als er, aber die Kohle sei allen egal. 

Ein urbanes Bauensemble: die Fellini-Höfe

Mit dieser optimistischen Botschaft über die Gentrifizierung Berlins ziehen wir weiter – zum Höhepunkt der architektonischen Neuausrichtung der Luisenstadt: den Fellini-Höfen in der Kommandantenstraße. Sie sind der große stolz der Immobilienentwickler. Nicht nur teure Apartments befinden sich in dem samtweißen Bau, sondern auch die Büros der Ergo-Versicherungsgruppe und das „Esteticabeauty Cosmetic Institut Berlin“ (für alle, die sich Haare entfernen lassen wollen).

Foto: Ewelina Bialoszewska
Der Brunnen in den Fellini-Höfe soll wohl an Rom erinnern. Manchen kommt aber eher Riad in den Sinn.

Aus der Teeküche im vierten Stock des Berliner Verlags haben wir Redakteure einen malerischen Blick auf das urbane Bauensemble in bester Citylage, das architektonisch an Italien erinnern will. Doch die geschwungenen Linien und Stahlbalkone passen auf den ersten Blick eher nach Riad als nach Rom. Die mediterrane Loggia und der kleine Springbrunnen im Minihof aus Beton sollen dabei laut Firmenwebsite „in Form und Farbe an elegante italienische Stadthäuser“ erinnern. Doch das Experiment funktioniert wohl nur für die Bewohner, die ­– wieder die Firmenwebseite – „Akteure dieser Atmosphäre“ sind und den „italienischen Charme ihrer Umgebung“ genießen.

Doch so recht scheint das Ganze nicht wirklich zu stimmen. Denn die Fenster sind dunkel, und die Balkone bleiben trotz bester Wetterlage verwaist. Wir wollen dieses Lebensgefühl aus erster Hand erfahren – obwohl uns ein stählernes Tor und ein Schild mit der Aufschrift „Hausieren verboten“ vor dem Eintritt warnt. Egal. 

Wir treten ein und wollen wissen: Was sagen die Bewohner? Wie mediterran fühlen sie sich im Zentrum Berlins? Und warum gerade diese Kaufentscheidung? Doch trotz Lockdown und Homeoffice-Zwang bleibt die Gegensprechanlage an diesem Montagmorgen stumm. Und das obwohl wir ein Dutzend Klingeln betätigen. Zum Glück lässt die Firmenwebsite keine Fragen unbeantwortet: Die Luxus-Immobilie garantiere „hohe Wertsteigerung in einem der dynamischsten Immobilienmärkte Europas“. Willkommen in der Metropole Berlin. So sieht sie also aus, die neue Zukunft der Hauptstadt.

Fun fact: Stephan von Dassel (Bündnis 90/Die Grünen) ist Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte. Auch er wohnt in der „Luisenstadt“ ­– aufgewachsen ist er in Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb (mehr dazu in der Kolumne Berlin Brutal).

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.