Berlin - Im Zeitalter der Moderne gilt der Spruch, die Kunst sei dazu da, die Wirklichkeit auszuhalten. Die junge Französin Pauline Curnier Jardin hat dafür nur einen lakonischen Kommentar übrig: „Kunst ist oftmals auch eine paradoxe Ressource in einer Welt, in der das Gute und Schöne für Geld und Macht zu verkommen scheint, wo alle Gewissheiten schwinden.“

Die Kunst des Paradoxen, das klingt bei der aus Marseille stammenden Videokünstlerin so: Höllenlärm hallt durch die große Halle des Hamburger Bahnhofs. Drumbeats, Glocken, Orgelbässe – dazwischen verzückte Schreie der in Weiß und Rot gekleideten Teilnehmer einer Prozession dringen aus einer Arena in der Mitte des Raums. Auf der riesigen Leinwand des Colosseums, das einem Zirkuszelt gleicht, sieht man, wie die frühchristliche Märtyrerin Agatha als mit Preziosen übersäte Holzfigur durch die Straßen der sizilianischen Hafenstadt Catania getragen wird, am Fuße des Vulkans Ätna. Das passiert alljährlich am ersten Februarwochenende. Letztes Jahr wütete kurz darauf die Pandemie – Italien zählte die meisten Toten.

Foto: Mathias Völzke /P. C.Jardin/VG Bildkunst Bonn 2021 /SMB
Ausstellungsansichten der Videoarbeit Jardins (Szene der Prozession in Catania)

In Jardins Filminstallation mutiert dieser Prolog vom Sakralen zum Volksfest. Darauf folgen derbe Szenen, etwa vom Kölner Karneval und einem archaischen Schlachtfest auf einem italienischen Bergbauernhof. Zuletzt verknoten sich in immer härter werdenden Schnitten, im irren Rhythmus, die Szenen miteinander. Man meint, den grotesk miteinander verschmelzenden Körpern und Objekten kaum mehr folgen zu können, die Szenen münden in einer schwer anzusehenden Art Ekstase, wo Fleisch zu Fett wird, Haut zu Blut, Gedärm zu Wachs. Gefaltete Papierblumen und billige Wallfahrts-Devotionalien verschwinden hinter Weihrauchwolken, zwischen Alkohol und Konfetti. Alles wird zu Asche.

Jardins Erzählkino über zwei Jahrtausende europäischer Zivilisation endet apokalyptisch. „Ich greife altertümliche, mythenhafte Erzählungen auf, um sie zu dekonstruieren, zu durchbrechen“. Lustvoll mischt sie das Tragische mit dem Komischen zu einer bestürzenden Bildermasse aus Exzess und Gewalt. Das Gemenge aus überlieferten Bräuchen einer religiösen Menschenmenge bei der Prozession, die rituelle Ausschweifung, es vermittelt sich als das, was Jardin filmte: „Momente der Norm-Übertretung.“ Zwischen religiösem Gesang, Tanz und Trance werden unvermittelte Momente der Gewalt sichtbar. Die teils schockierende Wirkung der Bilder nehme sie in Kauf, sagt die zwischen Berlin und Rom lebende Französin.

Entschärfung hätte man von Jardin auch keineswegs erwartet. Vor anderthalb Jahren hat sie mit ihren Videos den begehrten Preis der Nationalgalerie für junge Kunst und somit auch die 'Solo-Schau im Hamburger Bahnhof gewonnen. Die Jury war damals völlig überwältigt von Jardins spektakulär-zärtlicher Brutalität. „In der Kunst“, sagt die Vierzigjährige, „gibt es für mich keine Tabus.“ In der Kandidatenschau offerierte sie ein verstörendes Video über menstruierende Matronen, die, aus dem Knast ausgebrochen, mit diabolischer Lust männliche Körperteile zerhacken. Das, sagt die Künstlerin mit charmanter Geste, sei keine Referenz ans Thriller-Kino oder an den Surrealismus. Eher ein  Kommentar zur Diversitäts- und Genderfrage.

Foto: Paul ZInken/dpa
Jardin vor ihrer Berliner  Installation „Fat to Ashes“, gebaut in Form einer römischen Arena, auf dem Shirt die Wundermale der Heiligen Agatha von Catania

Jardin lässt uns Platz nehmen in ihrer Arena, die an den Ort für Brot und Spiele im römischen Rom erinnert, bunt überdacht mit wulstigen Außenmauern, aus einer marzipanhaften Außenmasse: weich, durchlässig, fließend, ganz so wie Dalís Uhren. Knapp 21 Minuten lang sitzen wir vor dieser Filmleinwand, die uns nach Catania auf Sizilien versetzt, mitten in den erzkatholischen Aufzug. Im Wallfahrts-Kessel, wo eine explosive Mischung brodelt – der religiöse Exzess,  die Ekstase, die Gewalt der patriarchalischen Rituale.

Sie zieht uns tief hinein in die frühe und brutale Geschichte des Mittelalters. In Catania, so sagt die Legende, lebte die Heilige Agathe. Sie kam aus behütetem Hause, der römische Erzkonsul Quintian begehrte die Jungfrau, die den Eid als Braut Christi abgelegt hatte, für ihre Schönheit und ihren Reichtum. Als sie jedoch seine Lüsternheit und Gier abwehrte, ließ er sie in den Kerker werfen und ihr die Brüste abschneiden. Die Jungfrau verendete so, unter unsäglichen Qualen. Bis heute verehren Katholiken, vor allem auf Sizilien,  St. Agatha als Schutzheilige von Vergewaltigungsopfern und Brustkrebskranken. In Jardins Film sieht man aber auch Verkaufsstände, an denen eine beliebte Süßspeise in Form einer jungfräulichen Brust feilgeboten und goutiert wird. Symbolisch hat die Künstlerin sich zwei blutrote kreisrunde Flicken auf ihr weißes Shirt aufgenäht, in Erinnerung an die verstümmelte Agatha. So wird die Künstlerin hier für einen Moment selbst Teil des Kunstwerks.

Foto: Mathias Völzke /P. C.Jardin/VG Bildkunst Bonn 2021 /SMB
Ausstellungsansichten der Videoarbeit Jardins  (Szene der Prozession in Catania)

Einige Film-Sekunden später sind wir wieder im Kölner Karneval, Februar 2020. Es war die vielleicht letzte große Ausschweifung vor dem ersten Corona-Lockdown. Und, so Jardin, „vor dem rassistischen, rechtsradikalen Massaker von Hanau am 20. Februar letzten Jahres“. Dann wird es still. Wieder sehen wir so eine archaische Filmszene: die minutiös gefilmte Schlachtung eines Schweins. Jeder Handgriff ist festgelegt. Alles verweist auf lange Tradition, auf Erfahrung, auf ein fast heiliges Ritual, das unglaublich anachronistisch anmutet und umso mehr die Unwürdigkeit des industrialisierten Tötens vor Augen führt.

Jardin sieht ihre Filme als „Orte der Transgression und Verwandlung“. Magie und Religiosität werden eins in der Masse an Videoszenen, gegen deren disruptive Wirkung diese improvisierte Arena wie eine fragile Konstante wirkt. Das Körperliche ist kaum mehr benennbar: männlich, weiblich, androgyn, queer? Für Pauline Curnier Jardin ist der Körper „ein widersprüchlicher Ort, der sich in keine Norm stecken lässt.“

„Fat to Ashes“, kuratiert von Kristina Schrei, zu sehen ab 13. April im Museum Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51, vorerst mit Zeitfensterticket/tagesaktuellem Corona-Test: www.smb.museum/tickets

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.