Berlin - Es ist ein Veggieburger, der Nadine Ghosn bekannt gemacht hat. Genießbar ist der aber selbst für den überzeugtesten Vegetarier nicht: Er besteht aus 18-karätigem Gold, ist mit 260 Steinen besetzt, champagnerfarbenen Diamanten, Saphiren, Tsavoriten, Rubinen. Und trotzdem legt die Designerin Wert darauf, dass es sich um einen tierleidfreien Fast-Food-Happen handelt – „Veggie Burger Ring“ heißt ihr Schmuckentwurf.

Das passt natürlich gut nach Berlin, einer Stadt, in der vegetarische Alternativen fast genauso weit verbreitet sind wie „echte“ Burger-Läden. Und genau hier – in der Stadt, nicht im Burger-Laden – sind Ghosns Schmuckstücke nun zu haben: Seit wenigen Tagen füllen sie eine Vitrine bei Wempe auf dem Kurfürstendamm. Es ist der Startschuss für ein neues Engagement, dem sich die Traditionsmarke nun dauerhaft widmen will.

Im halbjährlichen Wechsel stellt der Juwelier ein paar seiner Schaukästen fortan jungen, aufstrebenden Schmuckmarken zur Verfügung. Für diese ist das eine große Chance: Werden die Produkte gut verkauft, könnten sie auch dauerhaft ins Wempe-Sortiment übergehen– und selbst wenn nicht, hat das Nachwuchslabel immerhin auf sich aufmerksam gemacht.

Zuzu Birkhof
Der mit Brillanten besetzte „Shut-Up Earring“ kostet 2900 Euro.

Damit Letzteres bestmöglich klappt, hat man sich bei Wempe mit Highsnobiety zusammengetan: Der 2005 gegründete Streetwear-Blog gehört zu den wenigen deutschen Modemedien, die auch eine internationale Leserschaft erreichen. Für Wempe ist das äußerst interessant, weil das Unternehmen so eine neue, experimentierfreudigere Zielgruppe ansprechen kann. Dementsprechend fungiert Highsnobiety beim Projekt nicht bloß als Medienpartner – das Team um den Gründer David Fischer berät auch bei der Auswahl aufstrebender Designtalente. Und ein bisschen ist es, als hätte man in Nadine Ghosn den kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden.

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Eine Verbindung aus lässiger Streetwear und hoher Juwelierkunst

Die Londonerin ist bekannt dafür, lässige Streetwear mit hoher Juwelierkunst zu verknüpfen – ein bisschen Highsnobiety, ein bisschen Wempe also. In diesem Jahr feiert Ghosn das fünfjährige Bestehen ihrer Schmuckmarke, „Building Blocks“ heißt ihre Jubiläumskollektion. Ringe stattet sie dafür mit einem großen grünen Topas oder einem hellen Diamanten in Legostein-Form aus. Neben dieser Linie liegen bei Wempe auch Stücke aus Ghosns „Too Cool For School“-Kollektion bereit: Büroklammern aus 18-karätigem Gold ergeben ein handgemachtes Armband, ein Armreif wiederum sieht wie ein Bleistift aus, Radiergummi und Mine sind mit Edelsteinen besetzt.

Genau wie der Burger, der übrigens nicht im Ganzen aufgetischt werden muss: Bei Hamburgerbrötchen, Salatblatt, Tomate, Zwiebel und – vegetarischem – Patty handelt es sich um einzelne Ringe, die jeder für sich oder als Set getragen werden können. 2017 gewann Ghosn für diese Idee mehrere Preise, darunter den Innovation Award auf der Schmuckmesse The Couture Show in Las Vegas.

Zuzu Birkhof
„Paper Clip Bracelet“ für 3100, „Pencil Bracelet“ für 9800 Euro.

Auf dem Kudamm werden die Schmuckstücke entsprechend ihrer Kreativität präsentiert: Der Schaukasten, in dem sie liegen, ist eben nicht im zurückhaltenden Wempe-Braun gehalten, es gibt keine klassischen Büsten, an denen Ghosns Büroklammer-Ketten hängen. Für die Gestaltung der Vitrinen zeichnet das Berliner Kreativstudio Acte verantwortlich – die Designs liegen auf Kunstwerken, die, ganz ähnlich wie die Preziosen selbst, stilisierte Alltagsgegenstände aus Keramik darstellen.

Das Projekt, das sich bisher auf Berlin beschränkt, aber künftig auch auf die Wempe-Geschäfte in Hamburg, München oder Frankfurt am Main ausgeweitet werden könnte, ist also wohldurchdacht. Ob es zündet, wird die junge Zielgruppe entscheiden, die der Juwelier damit erreichen will: Mit Preisen von 3100 Euro für das Büroklammer-Armband bis zu 15.000 Euro für den Veggie-Burger ist das kein leichtes Unterfangen. Bei einer Generation aber, die stundenlang für einen limitierten 2000-Euro-Sneaker ansteht oder eisern für die neueste Gucci-Tasche spart, scheint es zumindest nicht unmöglich.


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