Es gibt da einen Spruch, den man sich in Berlin-Kreuzberg gerne ins Ohr flüstert: Wer schlechte Laune hat, geht nach Schöneberg – und kommt mit guter Laune wieder heim. Während des ersten Lockdowns habe ich mich stets an diesen Spruch gehalten und wurde nie enttäuscht. Wenn man den Viktoriapark erreicht und über die Monumentenbrücke spaziert, bekommt man gleich einen Eindruck davon, wie es sich freier, ja glücklicher in Schöneberg atmen lässt („Beauty Mountain“).

Weinvereit Rote Insel
Gemütlich! Der Innenraum vom Weinverein Rote Insel in Schöneberg.

Meine Spaziergänge in den Lockdowns endeten abends oft auf der Roten Insel, die so etwas ist wie die Potenzierung des Schöneberger Glücksgefühls. Die wunderschönen Altbauten, die kleinen Parks und Kirchen mit Blick auf den Schöneberger Gasometer, umringt von S-Bahn-Gleisen und Bäumen, geben dem Spaziergänger ein Gefühl von Kleinstadt in der Großstadt. Am liebsten würde ich dort leben, aber dann wäre das Affären-Gefühl schnell weg, das ich mit dem Stadtteil verbinde und das ich solange aufrechterhalten will, wie es nur geht.

Der absolute Höhepunkt sind die Weine im Weinverein Schöneberg

Wer diese positiven Gefühlen gastronomisch auf die Spitze treiben möchte, der sollte den Weinverein in Schöneberg auf der Roten Insel besuchen. Denn das deutsche Restaurant inklusive Weinstube verdichtet die Gute-Laune-Stimmung nach Eintritt, wo den Besucher ein gemütlicher, schummrig beleuchteter Raum erwartet. Man fühlt sich tatsächlich wie in einer westdeutschen Weinstube, in der man nach einer Wanderung wunderbar herzhafte Mahlzeiten genießen kann. Als Vorspeise etwa: hausgemachten Spundekäs (4 Euro), Bergschinken, dazu Walnuss-, Steinpilz- und Fenchelsalami, luftgetrocknet und hauchdünn, mit Landbrot, Cornichons und Butter (für 14 Euro). Es gibt Gnadenbrot für zwei (19,50 Euro) oder Stremellachs aus der Tempelhofer Räucherei Krohnen (9 Euro). Herzstück sind die Flammkuchen, klassisch elsässisch (für 10 Euro), süßsauer, mediterran oder pfälzisch (um die 11 Euro).

Den Höhepunkt aber bilden die Weine. Im Winter trinke ich die roten, im Sommer die weißen auf den Bänken mit Blick aufs Gasometer und den Sonnenuntergang. Der nette Wirt (ebenso ein Mann mit polnischen Wurzeln wie ich, der auf den Namen Tomek hört) berät gerne und empfiehlt hervorragende Weine zu einem günstigen Preis. Den Vereinswein Hulla-Hupp trocken (0,75 Liter für 21,50 Euro) etwa oder einen Chardonnay vom Weingut Stark (0,75 Liter für 18 Euro). Als Absacker gibt es famosen Quittenbrand oder Vereinsbräu vom Fass. Die Weine stammen vor allem von Freunden des Wirts, vom Weingut Stallmann-Hiestand aus Uelversheim, Rheinhessen, und schmecken fabelhaft. Immer wenn ich traurig bin, komme ich hierher. Und gehe glücklich nach Hause. Tun Sie es auch!

Wertung: 4 von 5 Punkten

Weinverein Rote Insel, Leuthener Str. 5, 10829 Berlin, montags bis sonntags, 17–0 Uhr.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.