Tanja, 33: Ich habe mit meinem Freund nicht mehr so viel Sex, wir beide finden das eigentlich in Ordnung. Aber ich will auch nicht, dass wir nur noch Kuschelpartner sind. Wie hält man das Knistern am Leben? Was raten Sie Ihren Patienten?

Liebe Tanja, das ist eine häufig gestellte Frage. Studien sagen, dass 18- bis 25-Jährige, nicht nur in Deutschaland, etwa fünfmal im Monat Sex haben; ab 35 Jahren dann noch viermal. Singles dabei etwas weniger als Paare. Mit diesen Zahlen kannst du eure sexuelle Aktivität etwas einordnen.

Natürlich haben frisch Verliebte meist Sex ohne Ende. Dieser viele Sex hat zwei Hauptfunktionen: Die Frau soll schwanger werden, und – was nicht so bekannt ist – er soll die Bindung vertiefen. Beim Kuscheln (und beim sexuellen Kuscheln noch viel mehr) wird unter anderem das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Oxytocin hilft Vertrauen zu fassen und sich auf einen bestimmten Menschen einzulassen.

Dabei rutschen alle anderen Menschen ein Stück weg. Es fördert und stabilisiert die Paarbildung. Wird die Paarbeziehung jedoch zu eng, schwächt sich die gegenseitige sexuelle Attraktion mit der Zeit ab. Wir müssen dann wieder andere Vögel singen hören, andere Menschen sehen und riechen und uns über Fremdes freuen und ärgern, um zu Hause sexuell sein zu wollen.

Manchmal sind die Außenbedingungen ungünstig

Dabei ist es auch völlig normal und gesund, immer mal wieder einem anderen Menschen zu begegnen, der uns sexuell interessiert, der uns vielleicht sogar einen kleinen Anflug von Herzklopfen beschert. Schwierig wird es erst, wenn wir diesem verwirrenden Magnetismus nachgeben. Es ist wie mit dem Frühling, der gerade kommt: Wenn wir jetzt wieder den ganzen Tag draußen sein können, freuen wir uns auch wieder auf unsere Wohnung.

Wir bringen Blumen von draußen mit und genießen die schönen Räume. Manchmal sind es ungünstige äußere Bedingungen, wie zum Beispiel eine Epidemie, ungünstige Arbeitsbedingungen oder Wohnverhältnisse, die eine Beziehung zu eng werden lassen. Oft sind es auch Beziehungsmuster, die sich gegenseitig ungünstig verstärken. Sind beide etwas ängstlich oder unsicher, kreisen die Partner schnell ein bisschen zu sehr umeinander. Kuscheln ist vertraut und sicher und auch in jedem Fall richtig, aber es überdeckt manchmal die eigene gesunde Sehnsucht nach Neuem und Wildem. Wie ist das bei euch beiden? Hat jeder seine wilden Freunde, sein spannendes Hobby, seinen erfüllenden Beruf? Sprecht darüber, was euch außerhalb eurer Liebe wirklich reizt. Wo fühlt ihr euch lebendig und am richtigen Ort?

Haben Sie eine Frage an den Paartherapeuten? Schreiben Sie uns! liebe@berliner-zeitung.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.