Berlin - Seit einigen Monaten bereits wird Hertha BSC von einem Filmteam begleitet, im Herbst soll die Dokumentation fertig sein, doch als Fußballcineast dachte man nur: Wäre die vergangene Saison – dramaturgisch gesehen – nicht der viel aufregendere Stoff gewesen? Mit all den Trainerwechseln, den halben und den ganzen Katastrophen hätte eine Serie mit mindestens drei Staffeln entstehen können. Nun, nach dieser Woche, ist klar: nein, eben nicht.

Am Freitagmittag hatte Hertha zu einem außerplanmäßigen Call geladen, plangemäß wäre es um das Bundesligaspiel in Mainz gegangen, um Fragen wie: Wer spielt warum und wo oder auch nicht, wer spürt ein leichtes Ziehen im hinteren Oberschenkel oder wie groß ist die Vorfreude auf Fredi Bobic, der ja im kommenden Sommer in die Klubführung wechseln wird? Es ging dann darum: Corona, Quarantäne und die Folgen für den Klassenerhalt. Zur Begrüßung sagte Sportdirektor Arne Friedrich: „Aufregende Zeiten, was?“ Filmreife Zeiten. Leider sind die Aussichten auf ein Happy End nicht die besten.

Rune Jarstein musste ins Krankenhaus

Am Abend davor hatte Hertha einen weiteren Corona-Fall gemeldet, Marvin Plattenhardt, Nummer vier im Klub seit der Ansteckung von Rune Jarstein Anfang April. Dem Torwart geht es wieder besser, nachdem es ihm richtig schlecht gegangen war: Fieber, Schüttelfrost, Krankenhausaufenthalt. Eine Krankheit, die er niemandem wünscht, soll Jarstein gesagt haben. In dieser Saison wird er nicht mehr zum Einsatz kommen.

Und die anderen? Trainer Pal Dardai hat kein Fieber, dafür Gliederschmerzen, er verspürt eine leichte Schlappheit, wie Friedrich ungewöhnlich offen erzählte. Assistent Admir Hamzagic habe Fieber, Stürmer Dodi Lukébakio (siehe Dardai), Plattenhardt (unbekannt). Alle Spieler und Trainer und andere Erstkontakte befinden sich nun in häuslicher Quarantäne. Der Auswärtssonntag in Mainz ist gestrichen. Genauso wie der Heimspielmittwoch gegen Freiburg und die Fahrt nach Gelsenkirchen am kommenden Wochenende. „Es wird keinen perfekten Spielplan mehr für uns geben“, sagte Friedrich.

Tanz in den Mai im Drei-oder-vier-Tage-Takt

Das ist, nun ja, noch eine positive Interpretation einer Gesamtlage, die den Klub in seiner Erstligaexistenz bedroht. Wettbewerbsverzerrung ist ein Wort, das hier passen könnte. Friedrich aber sagte: „Wir nehmen die Situation an, wir hadern nicht.“ Dreimal wiederholte er diesen Satz. Zweimal der ebenfalls dazugeschaltete Carsten Schmidt. Man sei in Verhandlungen mit der DFL, versicherte der Vorsitzende der Geschäftsführung. Der Ligaverband habe einen Vorschlag unterbreitet, wie man die Termindichte lockern könnte. Hertha arbeite an einem Gegenvorschlag. Schmidt angemessen vage: „Ich mache mir schon Gedanken, dass wir in eine Situation kommen, die wir schwer beherrschen können.“

Es ist ja so: Erst Ende April kann wieder ein Teamtraining stattfinden. Dann beginnt ein für Kopf und Füße anstrengender Tanz in den Mai, sechs Spieltage im Drei-oder-vier-Tage-Takt. Friedrich sagt: „Es ist Fakt, dass wir Fitness verlieren werden.“ Um das zu verhindern, hat jeder im Team einen Trainingsplan bekommen. Außerdem wurden Fitnessräder und Laufbänder in die Häuser und Wohnungen der Spieler geliefert. Die Kameras waren dabei. Die Dreharbeiten gehen weiter.

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