Berlin - Lena, 32, Neukölln: Lieber Herr Lenné! Ich bin 32, weiblich und kann mich nicht binden. Partner langweilen mich schnell und machen mich aggressiv. Meine Freunde sagen, ich sei Narzisstin. Wie finde ich das heraus?

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Aken

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Liebe Lena, Narzissmus hieße, dass Sie andere Menschen nicht wirklich lustvoll für sich besetzen könnten; diese auf eine unangenehme Art immer unbedeutend und fremd blieben. Es ist das bekannte Bild des griechischen Jünglings Narziss, der sich, nachdem er sich einmal über einen See gebeugt hat, nie wieder von seinem eigenen Spiegelbild lösen kann. In jedem Fall eine sehr einsame Angelegenheit.

Sie schreiben, Sie könnten sich nicht binden. Ich würde es gerne in „Sie können sich nicht tiefer einlassen“ umformulieren. Langeweile und Ärger klingen für mich eher danach, als ob Sie mit eingegangener Bindung nicht gut umgehen könnten. Wenn wir uns verlieben, wird der andere bedeutend für uns. Wir sind von da an in einem ständigen inneren Dialog mit ihm. Das heißt nicht, dass wir die ganze Zeit an ihn denken. Aber wir verbinden innerlich alles, was wir erleben, erleben wollen oder nicht erleben können, mit diesem Partner und unserer Beziehung zu ihm.

Eine Bindungsstörung kommt aus der frühen Kindheit. Wir wissen dann in der Liebe nicht genau, ob wir in Sicherheit sind. Ob wir uns öffnen können und gehalten werden und ob wir unseren eigenen Impulsen und Wünschen nachgehen können und ausgehalten werden. Wir denken ganz am Rande unseres Bewusstseins, der andere sei vielleicht zu empfindlich oder doch nicht wirklich interessiert genug ist, um uns ganz anzunehmen.

privat
Der Paartherapeut

Fabian Lenné, Jahrgang 1960, arbeitet seit 20 Jahren als Paartherapeut in Berlin. Er ist Autor des Buches „Vom Umgang mit der Liebe“. Lenné ist Ausbildungsleiter am Institut für Integrative Paarentwicklung.

Nicht unsere Liebe und Nähe und nicht unsere ganz eigenen Wünsche und Marotten. Das zeigt sich schon in kleinen Dingen. Etwa: Dürfen wir in unserem eigenen Rhythmus bleiben oder denken wir, wir müssten uns zu sehr an die Wünsche des anderen anpassen? Können wir ein bisschen zu spät kommen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen? Trauen wir uns rechtzeitig zu sagen, was wir möchten und was nicht? Wie halten wir es aus, dass wir an manchen Stellen doch nicht perfekt zueinanderpassen?

Wenn wir uns vor den kleinen Gesprächen darüber fürchten, sie vermeiden, flüchten wir oft in Langeweile oder Ärger. Wir finden den anderen dann doch wieder zu langweilig oder zu blöd und es macht halt keinen Sinn, mit ihm über die eigenen inneren Wahrheiten zu sprechen. Wir schütten hier lieber das Kind mit dem Bade aus, als einen vorsichtigen Schritt über diesen „Unsicherheits-Zaun“ zu wagen.

Haben Sie eine Liebesfrage? Schreiben Sie uns: liebe@berliner-zeitung.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.