Paris - Eine französische Literatursendung zum Thema „Treue“. Unter den Gästen ist ein Mittfünfziger im Nadelstreif, fein gezogene Augenbrauen, glattrasierter Schädel. Er sieht jünger aus, alterslos. Sein dezentes Lächeln ist bald freundlich, bald spöttisch, unterscheiden kann er das vielleicht selbst nicht so genau. Vom Moderator wird er als „veritabler Sexualpädagoge“ vorgestellt, als einer, der freiwillig und „unter Einsatz des eigenen Körpers“ unterrichte. Alle seine Affären seien wirkliche Liebesgeschichten, betont Gabriel Matzneff. „Nur wenn man liebt und selbst geliebt wird, ist Liebemachen ein großartiges Abenteuer.“ Er habe bis zu zwölf Mätressen gleichzeitig zu versorgen, steht in seinem Buch.

Wie es aber komme, dass er sich auf Minderjährige spezialisiert habe, will der Moderator wissen. „Das beruht auch auf Gegenseitigkeit“, sagt der französische Schriftsteller. Außerdem seien junge Mädchen einfach „netter“ und noch nicht so „verhärtet“ vom Leben, „auch wenn sie bald genauso hysterisch und verrückt sein werden wie alle anderen Frauen auch“. Allgemeine Heiterkeit im Studio. Nur eine Autorin aus Quebec stört sich an ihrem Nebenmann, nennt ihn erbärmlich, seine Literatur ein Alibi. Freunde des Schriftstellers werden sie später als „dumme Nudel“ und „schlecht gef***** Schreckschraube“ bezeichnen. Denise Bombardiers literarische Karriere in Frankreich ist nachhaltig beschädigt.

Matzneff drängte eine 14-Jährige zum Analsex

So war das 1990, als eine Kanadierin es wagte, Gabriel Matzneff als Pädophilen bloßzustellen. Matzneffs Romane und Journale sind seit den 1970ern durchzogen von geistesaristokratisch verbrämten Elogen auf Sex mit Kindern. Zehnjährige Philippinos bezeichnete er einmal als ein „ganz rares Gewürz“. Nicht im Rahmen eines fiktionalisierten Phantasmas, sondern als Tatsachenbericht. Solche Provokationen, gemischt mit Reflexionen über seine eigene Sündhaftigkeit, seinen christlich-orthodoxen Glauben und den tumben Moralismus seiner Mitbürger, verliehen ihm lange eine Aura literarischer Avantgarde. Noch 2013 gewann er den nationalen Literaturpreis Renaudot.

So richtig in Bedrängnis kam der inzwischen über 80-Jährige erst durch die Veröffentlichung von Vanessa Springoras Buch „Die Einwilligung“ vor einem Jahr (deutsch bei Blessing). Darin schildert die heute 49-Jährige, wie Matzneff sie, eine von Selbstzweifeln geplagte 14-Jährige, zunächst mit Briefen umgarnte, dann körperlich überrumpelte, sie zum Analsex drängte und schließlich alle Register seines Renommees und seiner Erfahrung zog, damit sie die Beziehung zu ihm wie einen erhabenen Geheimbund wahrnahm. Nach zwei Jahren trennte Springora sich. In den Büchern von Matzneff lebte ihr 14-jähriges Ich über Jahre als „V.“ fort.

Springoras Bericht ist eine dem eigenen Überleben abgerungene Rache für diese literarische Ausbeutung. Er ist die Zerstörung eines von präpubertären Körpern besessenen Mythomanen mit dessen eigener Waffe, der psychologischen Literatur. Dazu liefert das Buch eine mächtige Dekonstruktion des Begriffs der „Einwilligung“, auf den sich die gegenwärtige Sexualethik wieder so fundamental beruft. „Wie kann man sich eingestehen, dass man missbraucht wurde, wenn man zugleich nicht leugnen kann, eingewilligt zu haben?“ Rechtlich belangt werden kann Matzneff für seinen Umgang mit ihr nicht mehr. Selbst wenn ein französisches Gericht die Vorgänge heute als Vergewaltigung einschätzte, nach französischer Rechtslage wären sie verjährt.

Das düstere Zentrum einer Kindheit

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder gibt es in Frankreich in allen sozialen Klassen und Kontexten, gerade erst hat die französische Bischofskonferenz einen Entschädigungsfonds für Missbrauchsopfer von Priestern beschlossen. Doch das Buch Springoras und eine Reihe weiterer Enthüllungen lassen ein Milieu und eine Epoche besonders schlecht aussehen: das intellektuelle Pariser Bürgertum der 1980er- und 90er-Jahre. Die beiden frappierendsten Fälle der letzten Monate betreffen den Künstler Claude Lévêque und den Juristen Olivier Duhamel. Beide stehen im Verdacht, über Jahre Minderjährige zum Zweck des sexuellen Missbrauchs manipuliert zu haben. Duhamel, heute 70 Jahre alt, war bis vor wenigen Wochen einer der einflussreichsten Medienintellektuellen des Landes, dazu Rechtsprofessor und Chef-Fundraiser der Elitehochschule Sciences Po.

Nach dem Erscheinen des Enthüllungsbuches seiner Stieftochter Camille Kouchner trat Duhamel von all seinen Funktionen zurück. Die Autorin, leibliche Tochter des ehemaligen Außenministers Bernard Kouchner, entfaltet in „La familia grande“ ein Kindheitspanorama in einem großbürgerlichen Milieu, das zwar immerzu die Rede von der Revolution im Mund führt, dessen einzige wirklich transgressive Praxis aber in einer zunehmend obsessiven Sexualisierung des Freizeitlebens zu liegen scheint. Dass der Stiefvater sich von Camilles Zwillingsbruder oral befriedigen lässt und sein ganzes Charisma und elterliches Zutrauen einsetzt, um eine Schweigeburg um sich und die Zwillinge zu errichten, ist das düstere Zentrum dieser Kindheit.

Das Schlimmste ist das kollektive Schweigen

Es ist aber beileibe nicht der einzige Aspekt, unter dem Duhamel, die Mutter Évelyne Pisier und ihr gesamtes Umfeld wie eine Bande egoistischer Feiglinge erscheinen. Die „familia grande“ bezeichnet die politisch-mediale Elite von Saint-Germain-des-Prés, in der Duhamel und Pisier seit den Achtzigern als Alpha-Netzwerker operieren. Als die Mutter, selbst Professorin für öffentliches Recht, 2011 vom Inzest erfährt, schützt sie ihren Ehemann und gibt den Zwillingen die Schuld. Es habe ja nur Oralsex stattgefunden, das sei keine wirkliche Vergewaltigung. Außerdem hätte der Bruder sich doch jederzeit wehren können. Die Lektüre von „La familia grande“ lässt einen Schluss kaum vermeiden: Die sexuelle Befreiung hat zwar gewiss viele Repressionen abgebaut, dabei aber auch ein paar Rechtfertigungsschneisen für Pädokriminelle ins moralische Empfinden einer vermeintlich linken Elite geschlagen, die durch nichts zu entschuldigen sind.

Claude Lévêque, der Frankreich 2009 auf der Venedig-Biennale repräsentierte, gehört zur gleichen Generation wie Duhamel, hat aber eine viel bescheidenere soziale Herkunft und einen introvertierteren Habitus. Seit den frühen Achtzigern engagierte er pubertierende Jungen als seine Assistenten, überzeugte die Eltern von den Privilegien einer frühen künstlerischen Initiation, stellte Kunstwerke über sie oder mit ihnen her. Nun hat einer seiner ehemaligen Assistenten Anzeige erstattet. Der größte Skandal sind leider nicht die Vorwürfe des Missbrauchs an sich. Noch schwerer zu begreifen ist das Schweigen, das Lévêques vermutlich serielle Pädophilie über Jahrzehnte umgab. Der Künstler nahm seine Kinderassistenten überallhin mit, schlief in Hotelzimmern mit ihnen, präsentierte sie auf Vernissagen in den wichtigsten französischen Kulturinstitutionen.

Meilensteine der Emanzipation

Alle im Kunstmilieu hätten Bescheid gewusst, heißt es jetzt. Doch niemand wollte sich in Lévêques Privatleben einmischen. Der Künstler inszenierte sich selbst als Schuldigen und Loser, seine Werke thematisieren Kindheit als Trauma und Zufluchtsort zugleich. Waren sensible Jugendliche da nicht seine logischen Gefährten? Er bedaure, dass die Freuden und Abenteuer einer heute „unaussprechbar“ gewordenen Epoche in Schmerz und Tristesse umgeschlagen seien, schrieb er seinem Ankläger. Um was für eine „Epoche“ geht es da? Was meinen Sexualstraftäter, wenn sie die 80er-Jahre als eine goldene Zeit heraufbeschwören?

Ein wenig Ideengeschichte hilft, die Genese dieser Fälle besser zu verstehen. Tatsächlich verschob sich in den 1970ern nicht nur die öffentliche Moral, sondern auch die Gesetzgebung und Rechtspraxis enorm. Auch die kürzlich aktualisierten Berichte, Michel Foucault habe während einer Gastprofessur in Tunesien Ende der sechziger Jahre Minderjährige prostituiert, gehören in diesen zeitlichen Kontext. Dennoch wäre es zu einfach, die sexualtheoretischen Schriften und das politische Engagement von Autoren wie Foucault oder Guy Hocquenghem demselben Lager zuzuschlagen wie Matzneff, der eine kaum verhohlene Apologie des Kindesmissbrauchs betrieb. Viele Anliegen der Bewegung, etwa die 1982 erreichte Gleichstellung Homosexueller im Sexualstrafrecht, waren Meilensteine der Emanzipation. Die Bundesrepublik brauchte dafür zwölf Jahre länger.

Eine Rechtsnovelle ist in Frankreich in Arbeit

Was sich im Schatten eines das Lustprinzip überhöhenden, alle Autoritäten infrage stellenden Jahrzehnts aber auch herausbildete, war eine machistische, hedonistische Ethik individueller Freiheit, in der sexuelle Alphatiere sich berufen fühlten, noch die „letzten Tabus der Bourgeoisie“ – Inzest und Pädophilie – heimlich oder halböffentlich einzureißen. Ein Schlüsseldokument dieser Zeit ist ein von der französischen Tageszeitung Le Monde im Januar 1977 veröffentlichter Brief, in dem 69 Intellektuelle – darunter Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Gilles Deleuze und Roland Barthes – die Freilassung dreier Männer fordern, die vor einem Versailler Gericht für „unsittliches Verhalten“ gegenüber einer Gruppe von 13- und 14-Jährigen angeklagt waren.

Den Kindern sei keinerlei Gewalt widerfahren, sie seien den sexuellen Annäherungen der Männer freiwillig gefolgt, heißt es in dem Brief. Außerdem sehe das französische Jugendstrafrecht 13-Jährige bereits als schuldfähig an. Wie könnte man ihnen da das Recht und die Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung absprechen? Wie verklemmt muss eine Gesellschaft sein, die das Anfertigen zärtlicher Nacktfotografien von neugierigen, ihrem Instinkt folgenden Kindern verurteilt? Das Gericht kam sehr wohl zu dem Schluss, dass die Kinder psychologisch unter Druck gesetzt und sexuell genötigt worden waren. Wie erst 2013 publik wurde, war Gabriel Matzneff der Autor des Briefes. Viele der Unterzeichner entschuldigten sich später für ihre vorschnelle Parteinahme.

Es gibt auch in Frankreich ein Schutzalter, das sexuelle Handlungen durch Volljährige grundsätzlich unter Strafe stellt. Seit 1982 beträgt es 15 Jahre. Doch ob Verdachtsfälle überhaupt verfolgt werden und, wenn ja, auf welchen Tatbestand hin – sexueller Übergriff, Nötigung oder Vergewaltigung unterscheiden sich im Strafmaß enorm –, das hängt seit einer Strafrechtsreform von 1994 noch stärker als früher vom Verhalten der Opfer ab. Die Vorstellung, dass auch Elf- oder Zwölfjährige selbstbestimmt in sexuelle Handlungen einwilligen, ist in diesem Rechtsdenken noch immer möglich. Das Argument, mit dem Matzneff Straffreiheit forderte, kann bis auf Weiteres für die Verringerung des Strafmaßes herangezogen werden. Eine Rechtsnovelle, die das zumindest für unter 13-Jährige ausschließen soll, ist gerade in Arbeit.

Tobias Haberkorn, geboren 1984, ist Literaturwissenschaftler und deutscher Übersetzer Didier Eribons. Sein Essay „Das Problem des Zuviel in der Literatur“ erscheint im Mai im Leesmagazijn Verlag.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.