Berlin - Der 25-jährige Sebastian Hotz sitzt gelassen vor seiner Laptop-Kamera. Wir treffen den Comedian über Skype. Mit seinem blonden Haar und dem halbvollen Bücherregal in seiner neu bezogenen Weddinger Wohnung wirkt der Influencer wie ein unscheinbarer Politikstudent, der gerade erst nach Berlin gezogen ist, um im Gewusel der Großstadt seine intimsten Träume zu verwirklichen. Doch Sebastian Hotz ist längst weiter. Im Grunde ist er ein Promi oder, anders gesagt, die moderne Millennial-Version. Ein Influencer, dessen Gesicht kaum jemand kennt, dessen Tweets und politische Kommentare sich im digitalen Raum aber wie eine unendliche Kette fallender Dominosteine verbreiten.

„Man muss einfach Witze über Spargel machen“, sagt der 25-jährige Comedian, als ich ihn frage, wie er es schafft, in den sozialen Medien immer wieder Erregungswellen zu entfachen. „Bei Themen wie Essen oder Lebensmitteln sind die Leute einfach total spaßbefreit. Spargel ist da ein besonders heißes Eisen.“

Basisdemokratischste Aufklärungsarbeit

Der Mann muss es wissen. Auf Twitter und Instagram ist Sebastian Hotz alias @elhotzo einer der einflussreichsten Humoristen und Kommentatoren, die Deutschland kennt (bei dem Wort „Humorist“ muss Hotz lachen). Jeden Tag schießt der 1996 in Bayern geborene Comedy-Autor und Wahlberliner – seit November 2020 wohnt er in Wedding – viele lustige Tweets und Instagram-Kacheln in die Welt, die seine Followerschaft mal provozieren, mal unterhalten, meistens aber einfach nur unheimlich erheitern. 137.861 Menschen folgen @elhotzo auf Twitter. Bei Instagram sind es 681.000. Davon kann manch ein Politiker nur träumen. (Ein Beispiel: Armin Laschet hat 58.000 Follower auf Instagram.)

Das Foto auf Hotzens Twitterprofil ist eine Collage, die nur ansatzweise an den realen Menschen erinnert: ein blonder Mann mit Vokuhila-Frisur und schwarzer Sonnenbrille vor den Augen. Anspielungen an die Ästhetik der 90er-Jahre – dem Geburtsjahrzehnt von Sebastian Hotz.

Bei aller Ironie und Verballhornungssucht ist der Comedy-Influencer aber auch ein politisch denkender Mensch. Das zeigt sich auf seinen Profilen gleich auf den ersten Blick. Die 280 Zeichen langen Twitterwitze mokieren sich zwar vor allem über banale Alltagsbeobachtungen – etwa das Gefühl wachsender Fahrigkeit in der Pandemie oder die Hässlichkeit mitteldeutscher Kleinstädte. Dazwischen leistet @elhotzo immer wieder basisdemokratischste Aufklärungsarbeit, indem er sich süffisant über das Versagen der Bundesregierung bei der Pandemiebekämpfung, die Korrumpierbarkeit der CDU oder den Einfluss großer Staatskonzerne auf die Politik lustig macht.

Ein Spargel-Tweet, der provoziert

Hotz spielt das herunter. „Ich mache keine Politik. Ich streiche an der Oberfläche. Politische Erneuerung des Influencertums ist das nicht“, sagt der 25-Jährige. Trotzdem tue es ihm gut, wenn sich seine Followerschaft zwischen Witzen über falschen Pizzabelag auch mal über Ernsthaftes Gedanken machen muss – wie etwa Polizeigewalt oder rechte Strukturen in der Bundeswehr.

Manchmal geht es dann aber auch einfach nur um Spargel oder – auf die Metaebene gehoben – um die Kleingeistigkeit der deutschen digitalen Mittelschicht. Aufreger schafft Sebastian Hotz mit Tweets wie diesem: „Grüner Spargel wurde in Deutschland erst 1972 legalisiert, davor standen auf Anbau und Verzehr bis zu 7 Jahre Haft wegen Vaterlandsverrat.“ Viele Leute fänden Witze über urdeutsche Gemüsesorten nicht lustig. Nach einem Spargel-Tweet über die schlechten Arbeitsbedingungen bei der Ernte sei das negative Feedback selbst in Hotzens Augen überraschend groß gewesen. „Etwa 1000 Leute machten sich tatsächlich die Mühe, mein Profil anzuklicken und mehrere Bewegungen auszuführen, um mich zu entabonnieren.“

Gibt es Cancel Culture?

Hotz sagt es selbst: Er durchschaut das Erregungspotenzial in der Internet-Bubble. Er beherrscht die Klaviatur des Shitstorms. Und er weiß, welche Regler er bedienen muss, um die Menschen draußen zu provozieren, auch wenn er es eigentlich nicht will. „Ich kenne die starken Emotionen meiner Nutzer. Essensfragen sind ein großes Ding. Die Spargel-Tweets sind da ein Beispiel. Aber auch wenn man sich über Sportarten lustig macht, ist der Ärger groß.“ Ein Tweet gegen Handball würde etwa ganz Niedersachsen erregen. Auch Witze über Bands mit starker Fangemeinde sind ein Minenfeld. Der Comedian spricht aus Erfahrung: Wer hohe Klickzahlen erreichen wolle, müsse im Internet einfach nur gegen Bands wie Rammstein oder Größen aus dem Deutsch-Rap schießen, dann sei der Shitstorm da. „So kriegt man locker Zehntausende Klicks.“

Das bewusste Beleidigen ist eigentlich nicht Sebastian Hotz‘ Absicht. Er will unterhalten und bestenfalls ein wenig aufklären. Obwohl er so viele Follower hat, könne er sich über Begriffe wie „Cancel Culture“ nicht wirklich aufregen. „‚Cancel Culture‘ wird oftmals mit berechtigter Kritik verwechselt. Wenn ich mich als öffentliche Person über Minderheiten lustig mache, dann muss ich mit Gegenwind rechnen. Ich würde politisch inkorrekte Witze nicht verbieten wollen. Aber man muss halt mit den Konsequenzen rechnen, wenn man andere Personen mit seinen Witzen verletzt.“

Mitarbeit bei ZDF „Magazin Royale“

Sebastian Hotz hält den Humor-Streit hinsichtlich politischer Korrektheit für entschieden. Humor dürfe alles. Aber nach unten treten gehe einfach nicht auf. Er selbst ist mit seinen Nutzern immer in Kontakt, auch mit seinen Kritikern und Hatern. „Wenn ich merke, dass ich eine Grenze überschritten oder andere Leute verletzt habe, dann lösche ich einen Tweet.“ Kürzlich ging ein Aufreger von einen Tweet aus, in dem Hotz die Mitglieder von Motorradgangs als nette Männer auf Maschinen bezeichnet hatte, die einfach nur Ausflüge ins Grüne machen wollten. Eine Nutzerin fand den Tweet beschönigend und verwies auf die reale Gewalt im Motorradgang-Milieu. Daraufhin löschte Sebastian Hotz den Tweet. „Wo ist das Problem?“

Und wie geht es für elhotzo weiter? Wird es Auftritte geben? Einen YouTube-Kanal? Der Autor bleibt bescheiden. Während des Gesprächs zeigt sich immer wieder, dass Hotz seinen Erfolg im Internet nicht ganz ernst nehmen kann. Er wisse zwar, dass er das Schreiben von lustigen Tweets und Instagram-Feeds wie kaum ein Zweiter beherrscht. Mit seiner Identität als Influencer will er aber nicht alt werden. Deswegen schreibt er jetzt an einem Roman und arbeitet als Comedy-Autor für Jan Böhmermanns ZDF-Show „Magazin Royale“. Und wie sieht es mit Live-Auftritten nach der Pandemie aus? „Davor habe ich größten Respekt“, sagt Sebastian Hotz leicht trocken. „Darüber können wir in zehn Jahren noch reden.“

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.